Tiere


Frühmorgens, wenn ich erwache und nicht bei meiner Großmutter Jasia bin, sondern zu Hause bei meinen Eltern, muss ich still im Bett liegen bleiben, bis sie die ersten Schritte des Tages machen. Ihnen ihren Schlaf gönnen. Erzwungenes Liegen fühlt sich an wie ein Überfluss vom Essen, einfach zu viel. Es ist nicht angenehm, wenn man sich mit vollem Bauch nicht bewegen kann.
Der Schlaf meiner Eltern bringt mich aus der Fassung. Mein Vater schnarcht laut, weckt mich mit diesem ärgerlichen Geräusch, wenn es noch dunkel ist. Ich liege da, mit weit geöffneten Augen, starre die Decke über meinem Kopf an, direkt über meinem Gesicht, so nah. Es ist eher eine abgeschnittene Wand als ein gewöhnliche Decke, genau wie unser Zimmer kein Zimmer ist, sondern eine kleine Nische, umgewandelt aus einem Kornspeicher.
Früher, vor der Renovierung, trieben hier Mäuse ihr Unwesen, denn es lagen Heu und Körner darin. Bis heute, wenn der Winter naht, drängen sich die kleinen Nager durch das winzige Fenster, wenn man es nicht rechtzeitig schließt. Als hätten sie diese Dreistigkeit in ihren Genen. Im Winter liegt stets der Geruch von Mäusen in der Luft, und in den Ecken liegen kleine Hinterlassenschaften. Schwarz und trocken wie geröstete Sonnenblumenkerne. Schwarz und trocken wie geröstete Sonnenblumenkerne. Wenn ich sie mit dem Staubsauger aufsauge, klingen sie wie eine Rassel. Gelegentlich, wenn ich samstags sauge, entdecke ich ein Mäuseloch. Einmal gelang es mir sogar, das gesamte Nest dieser Kreaturen zu entdecken. Darin waren winzige, blinde und nackte Mäuse. Gefaltete Haut wie bei Tomeks Penis und genauso rosa. Ich nehme das kleine schutzlose Körperchen in meine Finger. Es windet sich wie ein Regenwurm und quietscht leise und dünn. Wahrscheinlich will es zur Mama. Kurz überlege ich, ob ich der Maus das Leben schenken soll, oder es mit dem Staubsauger einsaugen, bevor mein Vater es ohnehin mit Gift vergiftet. Ich kann mich nicht entscheiden, welcher Tod besser ist. Ich werfe das lebende Geschöpf aus dem Fenster, den Hühnern und Gänsen zum Fraß. Der Erpel verschluckt die Maus auf einmal, gierig wie immer. Für ihn müssen es die besten Leckerbissen sein. Er hackt wütend auf seine Enten ein, der Herrscher und Gebieter, weil er wahrscheinlich oft auf unseren Vater schaut. Alle Männchen in unserem Hof sind aggressiv. Der Hahn mit dem roten Kamm schreit auch wie unser Vater, und das Männchen der Nutria hat in Wut sogar seine eigenen Kinder gebissen. Ein Kannibale – ein Schurke. Ich hasse Nutrias. Sie sind abscheulich mit diesen orangefarbenen Zähnen und dem harten, rauen Fell. Mein Vater züchtet sie für Mamas Pelzmantel. Er hält sie in alten Silos von den Deutschen, die hier vor dem Krieg lebten. In jeder Ecke liegen Haufen von Exkrementen, größer als die der Mäuse. Und sie stinken mehr. Ich rieche den frisch genähten Pelzmantel meiner Mutter und nehme den gleichen Geruch wahr, den Gestank der Nutria. Ich kann den Mantel nicht richtig ansehen. Ich denke, dass ich eines Tages, wenn Mama, angezogen in ihrem schicken Mantel, lächelt, auch ihre orangefarbenen Zähne sehen werde, weil sie mit ihrem Pelzmantel zu einer Einheit verschmilzt. Oft träume ich sogar davon. Dann übergebe ich mich am nächsten Tag in den Eimer neben dem Bett. Ich habe wahrscheinlich eine Lebensmittelvergiftung, bleibe zu Hause und gehe nicht zur Schule. Wenn alle weg sind und ich allein bin, geht es mir meistens sofort besser. Vielleicht wird mir am meisten übel von der häuslichen Überfüllung und dem morgendlichen Gestank verschwitzter Körper in den engen Betten und Räumen. Obwohl ich mich ein wenig ekle, ziehe ich Mamas Pelz und dazu eine Kappe aus silbernem Fuchs an. Mein Vater hat ihr auch so eine gekauft, damit sie nicht schlechter aussieht als die anderen Frauen im Dorf, wenn sie sonntags zur Kirche geht. Die Kappe fühlt sich angenehm an, ein bisschen wie die Pelzchen von Katzen. Vielleicht wäre es noch besser für eine solche Kappe, schwarz und glänzend. Ich ziehe meinen Schlafanzug aus und schlüpfe in den Pelzmantel. Das Fell auf meiner nackten Haut. Das glatte Innenfutter ist kalt für die Haut, weil ich aus dem Bett direkt ausgeschlüpft bin. Ich stelle mir vor, eine getötete Nutria zu sein, die mein Vater draußen häutet. Sie hängt mit ihren breitgespreizten Hinterpfoten. Wenn man ihre Haut abzieht, kann man nicht mehr erkennen, ob es ein Mädchen oder ein Junge war. Ich suche auf dem Fell, in all den einzelnen Hautstücken, nach Spuren des Geschlechts. Als würde ich Statistiken führen wollen, wie viele weibliche und wie viele männliche Opfer väterlicher Verbrechen gab es. Das Fell der Kaninchen gehört nicht zu den Pelzfellen. Es landet auf dem Misthaufen. Ein Loch wird tief genug gegraben, damit die Hunde den Geruch von frischem Blut nicht riechen können. Meinem Vater gelingt das immer, als hätte er Totengräber-Erfahrung. Auch bei den Kaninchen sieht man nicht, was sie zuvor waren. Man sieht nicht einmal, dass sie lange, warme Ohren und lange Schnurrhaare hatten. Alles ist herausgerissen, außer den Zähnen. Wenn ich sie nach dem Abziehen der Haut anschaue, denke ich, dass sie vielleicht vor Angst vor dem Tod verrückt geworden sind, denn sie zeigen die Zähne in einem dummen Grinsen. Solch dumme Gesichter blieben ihnen sogar nach dem Tod. Sie waren so süß, so angenehm zum Kuscheln. Weiches Fell, fast so warm wie bei Meerschweinchen. Artur und ich züchten sie in einem Käfig, den uns unser Vater überlässt, nachdem er die Hälfte der Kaninchenpopulation ausgelöscht hat. Für die Meerschweinchen bringen wir die besten Gräser, die saftigsten. Wir kümmern uns um sie wie um unsere eigenen Kinder. Sie gehören zu uns und sind weder zum Essen noch für Pelz geeignet. Wir sind nicht in Südamerika. Wenn sie sterben, dann nur an einemnatürlichen Tod. Keine Todesurteile für das Mittagessenam Samstag, das einem im Hals stecken bleiben könnte. Wir haben auch einen Hamster in einem Glas nach den eingelegten Gurken. Flauschig, mit kleinen schwarzen Augen wie Pfefferkörner. Der Hamster füllt seine Backen mit Futter und sieht dann aus wie mein Vater am Weihnachtstisch, wenn er ohne Unterlass isst. Nur der Hamster schmatzt nicht und bewegt sich mehr. Er dreht sich in seinem Rad, dann schläft er im Heu eingegraben und ist leise. Mein Vater ist an Weihnachten immer laut. Er singt Weihnachtslieder mit Bass, dabei zeigt er Essensreste auf den Zähnen. Er schläft lange nicht ein, wartet auf die Mitternachtsmette. Er geht wahrscheinlich nur dorthin, um sich nach der Messe sofort auf das Fleisch im Kühlschrank zu stürzen. Dann gibt es für ihn kein Fasten mehr, es ist der fünfundzwanzigste. Wo er all das hineinsteckt? Wahrscheinlich steckt ihm das Essen im Hals, und deshalb hat er keinen Hals, nur einen dicken Nacken. Sein Nacken fängt sofort am Schlüsselbein an und ist hart, richtig aufgebläht. Mama würde sich freuen, wenn wir so essen würden wie er. Uns zu füttern ist für sie das Wichtigste. Eine Lebensberufung. Sie schiebt uns ständig etwas unter die Nase auf den Tellern. Meinem Vater muss sie nichts unter die Nase schieben. Er fordert es selbst ein. Er wirft nur Schlagworte, und sie weiß schon, was der Herr und Gebieter will und in welchen Mengen. Sie stellt es auf den Tisch wie ein Opferaltar für die Aufrechterhaltung seiner guten Laune. Sie besticht den Gott der Blitze mit den besten Leckerbissen. Die Reste kann sie vielleicht selbst essen oder den Hunden werfen. Die freuen sich sicher über alles. Im Winter essen sie selten, weil es nicht so viele Abfälle gibt, und das, was vom Mittagessen übrigbleibt, muss auch zwischen den Hühnern aufgeteilt werden. Bei Kälte können sie draußen nichts finden. Die Hunde werden im Winter schrecklich dünn. Die Haut hängt ihnen an den knochigen Seiten, man könnte ihre Rippen zählen. Wenn niemand zuschaut, gieße ich ihnen Öl über die Essensreste, damit sie nicht sterben. Ich mag unsere Hunde sehr, sie sind so treu, obwohl niemand von uns ihre Bindung verdient hat. Im Gegenzug binden wir sie an die Hütte mit einer zu kurzen Kette. In der Sonne und im Regen. Schmutzige Schüsseln mit schmutzigem Wasser in nicht aufgeräumtem Dreck, in dem sie sich wälzen müssen. Papa sagt, der Hund muss seinen Platz kennen und Respekt vor dem Menschen haben. Er erzwingt ihn durch Schlagen, Tritt in die Rippen, Stangen, die auf ihren Rücken brechen. Geschweige denn von den Worten, mit denen er sich auf sie stürzt. Meistens bekommen sie für nichts. Es tut mir leid um sie, aber es ist gut, dass sie in solchen Momenten neben uns sind, wenn Papa schlechte Laune hat. Sie sind wie ein Schmutzfang für verschmutzte Schuhe direkt aus dem Mist. Blitzableiter. Er entlädt seinen Ärger an den Tieren, und wir bekommen nur kurze Spannungen ab. Hunde wechseln bei uns schnell. Wenn ein stirbt oder von einem Auto überfahren wird, bringt mein Vater sofort ein neues Tier mit. Dann ist es für ein paar Stunden bei uns im Haus wie bei der Geburt eines weiteren Kindes. Mein Vater mag kleine Welpen aber nur für eine Weile. Er trägt sie auf den Armen, kratzt sie am Ohr, umarmt sie sogar, bis der Welpe pinkelt. Auf keinen Fall soll er auf seine Beine pinkeln. Nach einem Tritt fällt er die Treppe hinunter direkt vor die Tür und weiß von da an, wo sein Platz ist. Tiere dürfen nicht in der Wohnung sein, besonders keine Katzen. Mein Vater hasst Katzen, weil sie falsch sind und stinkend kacken. Katzenpisse ist der schlimmste Gestank, und er will ihn nicht im Haus haben. Katzen sind jedoch klug. Sie bleiben auf dem Hof fern von ihm, als ob sie wüssten, was sie von seiner Seite zu erwarten haben. Einige möchten ihm wahrscheinlich nicht verzeihen, dass er ihre Jungen an der Betonwand der Garage zerschlagen hat. Die blutigen Flecken von den herabtropfenden Gehirnen am Mauerwerk sind ihnen besonders gut in Erinnerung geblieben. So wie das Quietschen der aus dem Katzenwurfkasten ausgewählten Kätzchen. Einigen wurde jedoch ein humaneres Schicksal zuteil. In alten Strumpfhosen verstopft ertranken sie in den Wassergruben. Zumindest waren ihre Eltern nicht dabei, als ihre Kinder starben. Manchmal frage ich mich, was passieren wird, wenn das Ende der Welt kommt und das Jüngste Gericht bevorsteht. In der Bibel steht geschrieben nämlich, dass alle Toten dann auferstehen werden. Gilt das auch für Katzen, Kaninchen und Nutrias? Werde ich dieses Bild ertragen können? Tierische Kadaver, die sich wie Zombies aus dem Mist schütteln. Kaninchenohren, die wie Frühlingstulpen im Garten der Nachbarin keimen. Orange Zähne, langsam aus dem feuchten Boden hervorstechend, und das Quietschen geschlachteter Rinder. Und der Herrgott, wie ein Schäferhund, wird sich inmitten seiner Herde aufstellen, um die Kleinen vor menschlicher Tyrannei zu schützen. Ich würde nicht gerne in der Haut meines Vaters stecken…

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