Oben Rosen, unten Veilchen

„Oben Rosen, unten Veilchen, wir lieben uns wie zwei Engelchen…“ Ich wiederhole das Gedicht, während ich das Tischgedeck für die bevorstehende Feier arrangiere. Heute feiern wir Opas Namenstag. Auf den Wodkagläsern befindet sich wirklich eine kleine rote Rose. Manchmal benutze ich das Glas als Vase für Veilchen mit kürzen Stängeln. Dann passt das Gedicht wirklich gut.

Im Juli sind die Veilchen längst verblüht. Es bleibt nur die Erinnerung an den schönen Duft. So riecht der Frühling. 

Ich greife nach Celinas Veilchenparfüm, um eine andere Jahreszeit zu überlisten. Celina versteckt hinter dem Fernseher eine kleine Flasche mit kostbarem Inhalt. Eine Glasflasche mit einer Vertiefung für das Veilchenbild und einem silbernen Deckel. Ich atme den Frühling mit Vergnügen ein. Und Celinas Geruch auch. Denn so riecht sie wirklich. Wenn ich die Flasche schüttle, wird der Deckel von innen feucht. Ein Parfumtropfen bleibt mir auf der Nase. Durch das kann ich den Duft noch Stunden später spüren. Das ist die einzige Möglichkeit, mich ein wenig mit Parfum zu trösten. Ich werde es nie wieder wagen, mich damit zu besprühen. Einmal hat Celina mich dabei erwischt und gedroht, dass ich als Strafe nicht mehr zu Oma in den Ferien kommen darf. Ich soll nicht in ihren Sachen wühlen. Sie hat so viele Wunder vor meinen neugierigen Augen versteckt. Zum Beispiel türkisen Lidschatten. Perlen Nagellack. Ein Kleeblattkettchen oder Cabaret-Strumpfhosen mit goldenem Faden. Genau die geleichen wie meine Mutter auch hat. Papa hat ihnen solch ein Geschenk aus Österreich mitgebracht. Hinter dem Fernseher versteckt Celina auch Zigaretten, weil sie vor Opa nicht raucht. 

Celinas Zigaretten sind teurer als die der anderen, mit Filter. Celina ist schon erwachsen, aber sie versteckt sich immer noch vor ihrem Vater, wenn sie abends raucht. Wenn es dämmert, lehnt sie sich aus dem Fenster ihres Zimmers, zuvor schließt sie die Tür von innen ab. Manchmal darf ich bei ihr bleiben. Dann spielt sie laut Musik von der schwarzen Schallplatte, löscht das Licht, damit niemand im Licht sehen kann, wie sie einen nach dem anderen genießt. Sie kann Ringe blasen, wenn sie die Lippen in einen Schnabel formt. Oder Rauch durch die Nase ausstoßen, wie der Drache von der Postkarte von Oma aus Krakau. Sie war dort im Krankenhaus, als ihre Nerven versagten und sie Unsinn redete.

Ich schaue mit Bewunderung auf Celina und möchte so wie sie sein. Schön, duftend und unabhängig, denn sie verdient bereits ihr eigenes Geld. Meine Königin! Ich möchte gerne so am Fenster stehen wie sie, mit einer Zigarette, und den vorbeigehenden Jungs zulächeln. An Samstagen möchte ich in glänzenden Cabaret-Strumpfhosen auf Dorffesten tanzen. Und dann bis zum Mittag schlafen und nicht zur langweiligen Messe in die Kirche gehen müssen, die sich wie Därme im Öl hinzieht. Besonders in der Fastenzeit. Dann muss man zusätzlich eine halbe Stunde auf dem harten Boden knien und die Bitteren Klagen singen. In unserer Kirche gibt es keinen Organisten, und der Priester singt schrecklich schief. Wenn er anfängt zu singen, gelingt es uns Gläubigen nie, das ganze Lied in der richtigen Melodie zu halten. Falsche Töne und das von mehreren Stimmen. Deshalb übergeht die alte Szubartowa den Priester meistens und wählt selbst etwas aus dem reichhaltigen Repertoire. Bis zum dritten Vers kennt sie fast alles auswendig. Sie singt aus dem vollenBrustkorb, bis hinunter zum Bauch. Wenn es besonders feierlich sein muss, wie bei Exerzitien, einer Hochzeit oder einer Taufe, wird Szubartowa noch lauter. Sie donnert durch die ganze Kirche, und den auswärtigen Gästen fällt es schwer, ihr Erstaunen zu verbergen. Szubartowa schreit dann aus vollem Hals. Sie gibt eine Kostprobe ihrer im Leben unerfüllten Fähigkeiten. Wir lachen mit Monika, dass sie wahrscheinlich einmal Opernsängerin werden wollte. Wenn man neben ihr in der Bank sitzt, kann man sogar sehen, wie ihre künstlichen silbernen Zähne in ihrer aufgerissenen Mundhöhle vibrieren. Ab und zu spritzt sie Speichel wie ein Lama, aber selbst dann unterbricht sie nicht ihre Gebete an die Heiligste Jungfrau. Szubartowa wählt immer Lieder aus, in denen zumindest ein Wort über Maria und ihre mütterliche Liebe oder die Unbefleckte Empfängnis fällt. Oma Wandzia ärgert sich, dass die Marien- und Papstverehrung in unserer Kirche die Liebe zu Gott selbst übertrifft. Oma toleriert keine Heiligen, die sie als gewöhnliche Menschen betrachtet, genauso sündhaft wie wir. Sie sagt, sie hätten nichts auf den Altären zu suchen. Es gibt keinen Menschen, der auf die Welt kommt, um nicht zu sündigen, meint sie. Mama verbietet mir, ihr zuzuhören, sagt, das seien Nonsens und Oma lästere, und für Lästerung gehe man in die Hölle. Oma lacht nur, zieht tief am Zigarettenrauch und fragt, wer wohl Gott über sie informieren würde, sicher nicht unser Pfarrer, der selbst Dreck am Stecken hat. Das heißt, er sündigt auch. In solchen Momenten spitze ich meine Ohren noch mehr, weil ich es liebe, verbotene Geschichten zu hören. Oma erzählt dann von Priestern, die in der Gegend ihre Geliebten und uneheliche Kinder haben. Sie fragt, warum unser Pfarrer ständig unterwegs ist. Angeblich hat ihn jemand mal in Zivil in Breslau mit einer Frau in den Armen gesehen. Mama beruhigt Oma, aber sie hat gerade ihr Lieblingsthema erreicht und zieht zahllose Gerüchte über die Vorlieben der örtlichen Geistlichen hervor.

 

Im Mai beginnen wir mit der Vorbereitung auf die Erstkommunion. Ich betrachte unseren Pfarrer misstrauisch, wenn wir vor der Pfarrhauspforte stehen, und suche nach Spuren seiner Sünden, die Oma verraten haben könnte. Täglich versammeln wir uns in der Pfarrhaushalle, um alles zu lernen, was nötig ist, um das Heilige Sakrament zu empfangen. Das Haus des Pfarrers liegt am Ende des Dorfes, dort, wo die Statue des heiligen Nepomuk steht. Vor dem Haus befindet sich ein Garten voller schöner Blumen: Dahlien in verschiedenen Farben und duftende, edle Rosen. Sie winden sich gehorsam über der Eingangstür, als ob jeden Tag jemand ihnen die richtige Richtung geben würde. Alles ist sauber und ordentlich, obwohl der Pfarrer allein lebt, ohne eine Frau, die das Haus so ordentlich halten würde. Der Religionsraum ist der einzige Raum, den wir betreten dürfen. Der Pfarrer bewacht seine Privatsphäre, indem er die Treppe zu seiner Wohnung im ersten Stock mit zwei Stühlen blockiert. Aus Neugier werfe ich einen Blick auf seine Privatsphäre, aber außer einigen Bildern an den Wänden in goldenen, verzierten Rahmen kann ich nichts erkennen. Ich betrachte die Kunstwerke mit weit geöffneten Augen. Die Gemälde sind echt, denn die dicke Farbe glänzt schon von Weitem. Wenn man die Oberfläche des Bildes berührt, spürt man Unebenheiten unter den Fingern. Keine Fotos, keine verblassten Kopien wie bei uns zu Hause. Schon die Teppiche auf den Treppen und im Flur deuten darauf hin, dass der Pfarrer im Vergleich zu uns im Luxus lebt. Woher er so viel Geld hat, bleibt sein weiteres Geheimnis. „Sicher nicht nur aus der Kollekte“, denke ich. Bei uns werfen die Leute im Dorf schließlich nie Geldscheine in die Sammelbüchse, es sei denn, es handelt sich um Szubartowa. Wenn der Küster den Klingelbeutel hinreicht, klingelt ihr Beitrag nie. Unser Pfarrer hat auch als Einziger ein ordentliches Auto. Ein Fiat-Modell, das man in der ganzen Umgebung nicht sieht. Oma Wandziasagt, er müsse einen haben, um die Damen damit zu den Tanzveranstaltungen zu fahren. Irgendwie kann ich ihn mir nicht beim Tanzen vorstellen. Er ist immer so steif und sehr ernst. Ich erinnere mich nicht daran, dass er auch nur einmal gelächelt oder einen Witz erzählt hätte. Ein typischer Beamter. Er trägt immer einen schwarzen Soutanna, selbst wenn es sehr heiß ist. Er wischt sich die Stirn mit einem gestärkten, immer schneeweißen Taschentuch ab. Wer bügelt das? Vielleicht hat er doch eine Frau. Sogar seine Handgelenke wischt er von Schweiß ab, und dann kann man seine schöne, silberne Uhr mit einem kleinen Fenster für das Datum sehen. Alle Tage sind schwarz markiert, nur der Sonntag ist rot. Ich frage mich, was der Pfarrer tut, wenn kein Sonntag ist, denn schließlich hat er keine andere Arbeit, keine Frau, keine Kinder, kein Feld… An seinen Händen erkennt man, dass sie keine harte Arbeit gewohnt sind. Zarte Finger, saubere Nägel.

 

Neben unserer Pfarrkirche steht auch ein Schwesternhaus, in dem einige Elisabethschwestern leben. Ich kenne sie alle von klein auf, denn Omas Haus steht auch neben der Kirche. Die Schwestern bewahren wie der Pfarrer ihre Lebensgeheimnisse vor den Leuten im Dorf. Wenn man etwas von ihnen will, muss man immer vor dem Tor stehen und warten, denn sie lassen niemanden hinein, nicht einmal ein Kind. An ihren Fenstern sind sogar eiserne Gitter. Oma Wandzia lacht darüber, dass sie ihre Unschuld so bewachen. Als ich frage, was das bedeutet, erklärt sie mir, dass sie nicht heiraten dürfen und dass sie Gelübde vor Gott abgelegt haben. Deshalb tragen sie einen Ehering! Die Schwestern tragen auch immer schwarze Kleidung und auf ihren Köpfen lange Tücher mit einer weißen Bordüre auf der Stirn. Sie sind so genau in ihre Kleider gewickelt, dass es schwer vorstellbar ist, wie sie wirklich aussehen, wie ihre Haare sind. Lang oder kurz?

 

Die Anführerin unter den Schwestern ist eine, die als große Schwester bezeichnet wird. Von der Größe her übertrifft sie sogar die meisten Männer im Dorf. Ihr Gang ist schwer, ihre Stimme laut. Die großen Hände passen nicht zu einer Frau. Manchmal denke ich, dass dort unter dieser Tracht sich ein Mann steckt und tut nur so, als sei er eine Frau. Vielleicht ist er nur Wächter? Als ich eines Tages für einen Samstag und Sonntag zu Oma komme, gibt es Aufregung im Dorf, weil die große Schwester „endlich aufgeräumt hat“. Sie hat die anderen so geschlagen, dass ein Krankenwagen kommen musste. Mein Verdacht, dass die große Schwester ein Mann ist, erscheint mir noch wahrscheinlicher. Oma erzählt, dass es ihr nicht gelungen ist, mit freundlichen Worten Ordnung zu halten, und angeblich haben sich alle untereinander gestritten. Omas Nachbarin, die alte Trzaskowa mit den krummen Beinen, erzählt, dass das Haus der Schwestern schon immer ein Wespennest war und sie nur auf den ersten Blick heilig sind, in Wirklichkeit aber den Teufel unter der Haut haben und etwas, was auch zwischen den Beinen juckt. Es dauerte nicht lange nach diesem Vorfall, dass das Haus der Schwestern aufgelöst wurde, weil eine von ihnen mit dem Zaunnachbarn schwanger wurde. Sie hat sich mit Stach eingelassen, der als Schrecken aller jungen Mädchen im Dorf gilt. Man sagt über ihn, dass er pervers ist und nur eines im Kopf hat. Bei Dorffesten gegrapscht er immer die Frauen, und nicht selten hat er dafür von anderen Jungs auf die Nase bekommen. Die Schwestern verschwinden von einem Tag auf den anderen aus dem Dorfbild, und ihr Haus wird mit einem Vorhängeschloss verschlossen. Im Laufe der Zeit überwuchern hohe Brennnesseln den Eingang. Der Pfarrer erwähnt mit keinem Wort, was in der Gemeinde vorgefallen ist. Als wären die Schwestern nie hier gewesen und schon immer überflüssig. Seitdem lesen die eifrigsten Dorffrauen Bibeltexte vor und leiten Maiandachten und Rosenkranzgebete. Mit der Zeit tauchte auch in der Pfarrkirche eine weitere solche Szubartowa auf. Frau Zośka, die angeblich ihren Mann für das Trinken schlägt, aber dafür eine laute Stimme hat.

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