Ölfarbanstriche

Ölfarbanstriche sind in unserem Haus sehr wichtig. Ihre Farbe bestimmt nicht nur das Aussehen der Räume, sondern auch die Stimmung von Papa das ganze Jahr über. Seltsame Lebensbeobachtungen, basierend auf meinen ausgedachten Überlegungen, führen dazu, dass ich bestimmten Farben bestimmte Eigenschaften zuordne. Grün steht für bessere Laune, türkis reduziert das Risiko von Vaters Misshandlungen an Artur. Alle Brauntöne bedeuten seine schlechte Laune, und kakaoartige Farben bedeuten eine so schreckliche Stimmung zu Hause, dass es besser ist, ans Ende der Welt zu fliehen. Mehr Streit zwischen Mama und Papa, wenn die Wände in Kaffee- mit Milch-Farbtönen gestrichen werden. Mama macht alles selbst, auch die jährlichen Renovierungen. Sie kratzt die alte Farbe ab, stopft Löcher in den Wänden, malt den Boden mit stinkender Ölfarbe. Spät abends muss sie warten, bis wir im Bett liegen, damit wir ihr nicht im Weg stehen. Nach der Gutenachtgeschichte gehen wir das letzte Mal zum Pinkeln und setzen dann nachts keinen Fuß mehr auf den Flur. Der Boden trocknet sehr lange, die Farbe riecht nach scharfer Chemie. Ich spüre es besonders, wenn am Morgen der leichte Schlaf vom Gestank unterbrochen wird, denn ich habe eine sehr empfindliche Nase. Ich warte gehorsam, wälze mich stundenlang hin und her. Lesen ist ausgeschlossen, also zieht sich die Zeit unglaublich in die Länge. Wenn die ersten Sonnenstrahlen über mein Bett wandern, kann ich nicht einmal an Bücher denken. Mein Kopf schmerzt schrecklich, mir ist es übel. Mama steht schließlich auf und überprüft sofort, ob man vom Zimmer in die Küche gehen kann. Wenn das Wetter nicht mitspielt, klebt die Farbe bis zum Mittag. Mama hat für alles eine Lösung. Sie breitet vorher vorbereitete lange Bretter aus, von Türschwelle zu Türschwelle. Sie baut uns eine Brücke zum Überqueren. Wir gehen über die improvisierte Brücke rüber. Meine Brüder bewegen sich geschickt und schnell. Echte Zirkusartisten, während ich unbeholfen balanciere, weil ich Angst habe, abzustürzen und sicher von Papa Ärger zu bekommen. Ich schwankte schon beim Gedanken an Schläge und fast fiel ich von der Brücke. Ich halte mich mit der Hand fest und berühre mit den Fingern die immer noch feuchte Oberfläche. Zum Glück ist er nicht zu Hause. Er ist nie da, wenn Mama renoviert. Papa meidet Arbeit wie die Pest. Er macht nur das, was er muss, und dazu braucht er immer mehrere Helfer. Er dirigiert und wir müssen ackern. Mama arbeitet immer, manchmal bis Mitternacht. Er schreit nur, dass wir alles falsch machen, nicht nach seinem Plan. In Wut wirft er die Arbeit hin, steigt ins Auto und verschwindet. Immer dasselbe Drehbuch. Mama bittet ihn nicht um Hilfe, stattdessen wir müssen ihn vertreten. Ich helfe Mama bei Renovierungen, wenn ich schon etwas älter bin. Ich schtreiche gerne alte Türen und gebe ihnen ein frisches Aussehen, bringe den vergessenen Glanz auf die hölzernen, abgenutzten Böden zurück und verleihe den Fensterrahmen wieder schneeweiße Farbe. Ich liebe es zu verschönern, zu verändern, zu sehen, welchen Effekt alles haben wird. Dieses Jahr ist alles irgendwie anders. Die Renovierung ist im Winter, nicht wie sonst im Sommer. Mama arbeitet im Kinderheim und muss über Nacht fahren. Sie muss den Bus nehmen und die Arbeit unterbrechen, also muss Papa die Ärmel hochkrempeln. Ölfarbe ändert ihren Farbton, wenn sie zu lange stehen bleibt, also müssen wir weiterarbeiten. Die Situation ist angespannt. Dazu noch die braune Farbe, das deutet auf nichts Gutes hin. Ich fühle immer einen Knoten im Magen bei dem Gedanken, dass wir alleine mit ihm zu Hause bleiben müssen. Es wird ein schlimmer Abend. Mama eilt zum Bus. Papa ruft mich in die Küche als Assistentin. Er zischt Flüche, ärgert sich, murmelt vor sich hin. Es gibt jedoch keine Wahl, wir müssen das Renovieren beenden. Ich sehe sofort, dass Mama viel genauer wäre, denn sie macht alles mit Präzision, während er den Pinsel nachlässig führt, als ob er es ungern tun würde, als ob er es nicht für sich selbst tun würde. Er tunkt den Pinsel herum, und ich muss neben ihm stehen und sofort die Flecken mit stinkendem Verdünner abwischen. Ich hasse es, etwas mit ihm zusammen zu machen, neben ihm zu stehen, ich weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Schreie beginnen, Beleidigungen wie die schlimmsten, Idioten, Trottel, die Vögelhirne und zwei linke Hände haben, die, wenn etwas nicht nach seinem Willen geht, uns direkt am Hintern abhacken wird. Ein falscher Schritt, und Papas harte Hand trifft dorthin, wo es am meistens weh tut.
Der Ölanstrich in der Küche endet am Ofen. Unter dem Ofen erstreckt sich eine Leiste, die mit derselben Farbe gestrichen werden muss. Der Ofen lässt sich nicht wegschieben, weil das Rohr eng am Kamin liegt. Es ist so eine komplizierte Konstruktion von Papa. Um alles genau zu streichen, lässt mein Vater mich eine Schublade aus Holz herausziehen und mich in eine kleine Öffnung zwängen. Ich muss die Leiste malen, während ich auf dem Bauch liege. Alles geht gut, bis Papa anfängt, mich anzutreiben. Dann zittert meine Hand, und anstatt auf das Holz zu malen, ziehe ich an der Wand entlang. Ich gestehe es ehrlich, und er schreit mich sofort wie verrückt an. Ich versuche, die Farbe abzuwischen, aber leider geht es nicht mehr. Es sieht noch schlimmer aus. Plötzlich spüre ich einen brennenden Schmerz am Hintern nach einem ordentlichen Schlag.
Er zieht mich aus dem Loch unter dem Ofen. Ich muss sofort raus, weil ich sowieso zu nichts zu gebrauchen bin, zu dumm für selbst die einfachste Arbeit. Zitternd reiche ich ihm den Pinsel, und Papa kocht vor Wut. Er schreit, und ich verstehe aus Angst nicht, was er zu mir sagt. Er reißt mir den Pinsel weg und schlägt mit solcher Kraft auf meine ausgestreckte Hand, dass ich den Pinsel sofort auf den Boden fallen lasse. Eine weitere Farbspritzer entstehen direkt unter meinen Füßen. Er befiehlt mir, mich zu bücken und den Fleck abzuwischen, und dann den Pinsel wieder zu reichen. Ich gehorche seinen Anweisungen gehorsam. Aber der Pinsel fliegt mir wieder aus der Hand, weil ich ihn irgendwie nicht halten kann. Der Schmerz durchdringt meinen Arm bis zum Ellenbogen.
Ich greife danach mit meiner linken Hand, und Papa schreit, dass ich mir den Hintern damit abwischen kann. Mit den Fingerspitzen halte ich den Pinsel, und ich weiß nicht, wie ich solche Schmerzen ertragen kann.
Er kümmert sich selbst um die Arbeit, und ich muss Wasser in die Schüssel gießen und Tomek, Artur und mich waschen. Dann sollen wir ins Bett gehen und ihm uns nicht mehr zeigen. Sein Bett muss ich auch fertig machen. Weil er beschäftigt ist, bemerkt er nicht, dass ich alles mit der linken Hand mache. Die rechte schmerzt furchtbar, sogar das dünne Laken scheint auf einmal wie Zweitonnenfelsen zu wiegen. In der Nacht schlafe ich fast nicht. Ich spüre, wie meine Hand pocht und schwer auf der Decke liegt. Ich warte darauf, dass Mama von der Arbeit nach Hause kommt. Ich überlege, was ich bis dahin tun soll. Ich kann nicht so zur Schule gehen, kann mich nicht einmal selbst anziehen.
Am Morgen, als der Wecker klingelt, sage ich, dass meine Hand geschwollen und schmerzhaft ist. Papa schaut mich an, befiehlt, eine Gabel zu nehmen, die zufällig auf dem Tisch liegt. Ich lasse sie unbewusst auf den Boden fallen.
„Du sagst deiner Mutter, dass du gestern auf dem Heimweg von der Schule ausgerutscht und gefallen bist.“ Ich bleibe allein zu Hause und fange an, eine passende Geschichte mir zu überlegen, denn ich weiß, dass ich kein Wort der Wahrheit sagen kann. Am Mittag fahre ich mit Mama mit dem Bus zur Notaufnahme nach Wroclaw. Der Arzt fragt, was passiert ist, und ich erzähle lügenhafte Geschichten, als ob ich auswendig gelernte Noten singe.
„Vielleicht gibt es Schadensersatz, weil es ein Schulunfall war“, fügt Mama hinzu. „Sie müssen es nur in der Schule melden, dass Sie beim Aussteigen aus dem Bus so unglücklich gefallen sind.“
Der Chirurg, der das Röntgenbild betrachtet, ist erstaunt, weil der Knochen so gebrochen ist, dass es schwer zu glauben ist, dass es ein unglücklicher Sturz war. Ich sehe auf dem beleuchteten Schwarzweißbild eine glatte Unterbrechung zwischen den beiden Teilen des dünnen Knochens. Als ob Papas Schlag ihn mit einem Messer in zwei Teile geschnitten hätte.
Sie gipsen meine Hand bis unter die Achsel. Es ist bitterkalt, aber ich kann meinen Arm nicht in den Ärmel meines Mantels stecken. Ich sitze zu Hause, während alle Schlitten fahren gehen. Zum Glück sind Ferien, ich muss nicht in der Schule Fragen beantworten, was mir passiert ist und wann. Über den Schulunfall scheinen die Eltern irgendwie glücklicherweise zu vergessen. Wenn jemand aus der Familie uns besucht, höre ich immer die gleichen Kommentare: „Du hast so dünne Hände, also auch zerbrechliche Knochen.“
Irgendwann sammle ich Mut und erzähle meiner Mutter die wahre Geschichte. „Papa wird schnell wütend, er wollte das sicher nicht. Du weißt doch, er liebt euch alle”, ist ihre einzige Antwort. Und es gibt kein weiteres Gespräch.

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