Ich weiß, dass ich neben Gott stehe. In mir ist die feste Überzeugung, dass er der alte Mann mit langen, weißen Haaren und einem Bart bis zum Bauchnabel ist. Seine warme, weiche Hand ergreift meine Hand, wie in eine Abschiedsgeste. Doch ich möchte mich keineswegs verabschieden und von ihm fortgehen, denn ich fühle mich in seiner Nähe außergewöhnlich wohl. Seine Hand ist so warm. Der Ort, an dem wir stehen, strahlt in blendendem Weiß. Umgeben von Reinheit stehen wir neben einer riesigen, langen Rutsche, als wäre sie aus Schnee, obwohl es überhaupt nicht kalt ist. Die Rutsche ist mit Federn und weißen Kissen ausgelegt. Ich kann das Ende der Rutsche nicht sehen, was Unsicherheit in mir auslöst, ob ich wirklich hinunterrutschen möchte. Doch die kindliche Neugier treibt mich auf sie. Schließlich setze ich mich darauf, halte mich jedoch fest, bis Gott mich sanft stößt und ich in den Wirbel des Rutschens eintauche. Ich gleite und drehe mich, denn plötzlich windet sich die Rutsche wie eine Spirale. Ich lache sogar, weil es mir gefällt, und lande plötzlich auf weißen Kissen. Ich falle darauf, weiße, leichte Federn steigen auf – sehr viele Federn. Es sieht aus, als ob plötzlich der Winter angebrochen ist und weißer Flaum vom Himmel fällt. Ein Zeichen von Gott, dass er über mir ist und über mich wacht. Ich drehe mein Gesicht zum Himmel, schicke ihm ein Lächeln und winke mit der Hand, um ihm zu signalisieren, dass ich sicher angekommen bin. Plötzlich ist die Umgebung nicht mehr weiß, sondern erstreckt sich in saftigem Grün. Ich bin auf festem Boden, sicher auf dem Land. Ein Haus mit weit geöffneten Türen steht dort. In der Ferne sehe ich eine Frau, die Teig auf einem Tisch ausrollt. Wenn sie sich über den Tisch beugt, ist unter ihrer Bluse ihr Dekolleté zu sehen, die Furche zwischen ihren Brüsten ist tief. Auf ihrer Haut sind Dehnungsstreifen. Es ist wohl heiß, denn unter ihren Armen auf der Bluse sind Schweißspuren zu sehen. Erst dann bemerke ich, dass es sehr warm ist. Die Sonne scheint angenehm auf meinen Rücken. Ich gehe näher heran. Sie schaut nur auf mich, wundert sich überhaupt nicht, dass ich plötzlich neben ihr stehe. Es scheint, als würden wir uns schon lange kennen, aber für mich ist diese Frau immer noch ein wenig fremd. Doch meine innere Stimme drängt mich, sie Mutter zu nennen. Als ich dieses Wort ausspreche, hebt sie den Blick, denn sie spürt, dass ich zu ihr spreche. Also ist das doch meine Mutter. Diese erdige Mutter. Ich gehe noch näher heran, und dann öffnen sich hinter ihr weitere Türen. Plötzlich tritt eine Gestalt eines Mannes in einem weißen Hemd daraus hervor. Es sieht so aus, als wäre er leicht verschlafen, obwohl es schon Mittag ist. Er krempelt die Ärmel seines Hemdes bis zu den Ellbogen hoch. Nicht, um Mutter beim Kneten des Teigs auf dem Tisch zu helfen. Das ist eine sehr bedeutsame Geste: Ich bin hier der Herr. So interpretiere ich es. Der Mann schaut mich an, und ich schäme mich, ihn anzusehen. Es scheint, als ob er von meinem Gesicht ablesen könnte, dass ich ihn hier überhaupt nicht will. Seit dem er zwischen mir und meiner Mutter steht, beachtet sie mich überhaupt nicht mehr. Ihre ganze Aufmerksamkeit gehört ihm. Sie legt ihre Hand schmutzig vom Mehl auf seine Stirn. Sie berührt sein Gesicht mit der Handfläche. Liebevoll, kokett. Sie verschwindet in der Küche. Bringt ihm Frühstück. Er bedankt sich nicht, aber wirft dafür ein kurzes Wort „Tee!“ Jetzt wird die Bitte zum Befehl. Und sie bringt ihn gehorsam, als hätte sie völlig vergessen, dass in dieser Zeit der Teig auf der Tischplatte austrocknet. Ich spüre ihre Unterwürfigkeit und weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich fühle mich schlecht in all dem. Ich hebe den Blick zum Himmel, suche nach etwas Weißem, das zumindest ein wenig mich an Gott erinnert. Ich suche mit den Augen nach vom Himmel fallenden Federn, aber heute gibt es keine, denn der Himmel ist außergewöhnlich blau, und die goldene Sonne brennt. Die grüne Wiese neben mir blüht im Gelb des Löwenzahns. Nur die Gänseblümchen sind die einzigen Weißen. Aber viel zu klein um ein Zeichen vom Gott zu sein.
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