Schwäche


Jungs weinen nicht. Träum nicht! Steh auf und sei kein Weichei! Tu nicht so, als ob es wirklich wehgetan hätte. Blutet es? Es wird ein bisschen bluten und aufhören. Es wird sich bis zur Hochzeit heilen. Morgen, wenn du aufwachst, wirst du dich nicht einmal mehr erinnern…

Man darf nicht schwach sein, es ist lächerlich, schwach zu sein. Ein Waschlappen, ein Weichei, eine heulendeMemme zu sein. Wir beschimpfen uns als Schwuchteln und Schwule. Das sind die schlimmsten Beleidigungen, die man in den Pausen in der Schule hören kann. Das Wort „Lesbe” fällt selten, weil niemand weiß, wem man solch ein Etikett anhängen soll. Mädchen sind sowieso von Natur aus schwach.

Im Leben habe ich noch nie eine Lesbe gesehen. Ein Schwuler ist etwas anderes. Er arbeitet in unserem Gemeindebüro. Weicheier können nur hinter einem Schreibtisch sitzen. Die Leute erzählen verschiedene Geschichten über ihn. Zum Beispiel, dass er oft nach Wroclaw fährt, auf der Suche nach jungen Kerlen, um sich auszutoben. Wenn er jemanden im Dorf berühren würde, würden sie ihm sofort den Schwanz abschneiden. Er ist Inspektor für Jugend und Kultur. Nur eine solche Position kann ihm anvertraut werden, damit er seine zarten Hände nicht schmutzig macht. Er trägt jeden Tag Anzug und wählt lustige Farben für seine Kleidung aus. Welcher echte Mann würde sich in eine türkisfarbene Jacke kleiden! Oder sich die Haare in Wellen wie Herr Andrzej legen. „Echter Schwuler“, kommentiert Papa. „Solche gehören zum Gas.“

Aber ich bewundere Herrn Andrzej insgeheim. Besonders seine schönen Hände, gepflegten Fingernägel, lange, zarte Finger wie bei einem Pianisten. Er hält die Feder so wunderbar in der Hand, wenn er mit geschwungenem Schriftzug schreibt. Er spricht auch anders als alle anderen, als wäre er ein Fernsehmoderator. Langsam, deutlich und mit einem reichen Wortschatz. Er ist höflich und respektvoll zu allen. Freundlich zu jedem. Wenn er zu den Schulversammlungen kommt, setzt er sich in die erste Reihe, legt elegant ein Bein über das andere. Er hat schöne schwarze Lacklederschuhe mit langen Spitzen. Die Hosen sind immer perfekt gebügelt und reichen bis zu den Knöcheln, sodass man einen Teil der Socken sieht, immer passend zur Farbe der Jacke. Am 1. Mai oder am Tag des Sieges ragt aus seinem Revers eine rote Nelke und ein weißes Taschentuch. Im Herbst am Tag des Lehrers, wenn die ersten kühlen Tage kommen und kalter Wind weht, wickelt Herr Andrzej Seidentücher um seinen Hals, jeder schöner als das andere. Die Muster darauf sind aber nicht ganz männlich. Pfauenfedern und sogar kleine Blümchen. Statt auf den Ablauf der Zeremonie starre ich ihn an wie auf ein Gemälde.

Ich denke dabei darüber nach, wie es wäre, wenn einer meiner Brüder sich für ein solches Leben entscheiden würde, und ich danke Gott, dass sie hinter Mädchen her sind. Papa würde sie sofort aus dem Haus werfen. Er toleriert keine Abarten, Andersartigkeit und Schwächen. Und über solche Themen spricht man bei uns zu Hause überhaupt nicht. Es ist sogar peinlich, darüber nachzudenken, geschweige denn danach zu fragen.

Eines Tages bringt Artur ein neues Wort aus der Schule mit: „durchpenetriert“. Ich frage ihn nach der Bedeutung, und da verrät er mir dieses schreckliche Geheimnis.

In der Schule verbreitete sich leider das Gerücht, dass unser Vater als junger Mann im Gefängnis saß. Artur und ich wissen das schon lange, aber es ist trotzdem schrecklich, dass andere Kinder darüber sprechen, denn wer will schon einen kriminellen Vater haben.

Oma Jasia hat uns es verraten. Einmal habe ich Mama gefragt, ob das wahr ist. „Schweig”, flüsterte sie nur durch die Zähne und legte den Finger auf ihre blassen, vor Angst schweigenden Lippen. „Du darfst nicht einmal darüber nachdenken! Papa würde dich wahrscheinlich umbringen, wenn er hören würde, was du sagst!“

Einmal kam Artur blau von Flecken im Gesicht nach Hause, weil er die Ehre unseres Vaters verteidigt hatte. Sie lachten über ihn, dass er einen Vater als Feigling hatte. Dass er im Gefängnis saß und einem alten Mann diente, dem es an Frauen für Sex fehlte. Nicht dass er das freiwillig getan hätte, aber dort fragt niemand nach. Sie erwischten ihn unter der Dusche und zwangen ihn zu dem, was Artur als „durchpenetrieren“ bezeichnet. Er sagt: „Das muss jeder neue Häftling im Gefängnis durchmachen.“ Vor meinen Augen erscheinen schreckliche Bilder, und ich kann in dieser Nacht nicht schlafen. Ich überlege, ob diese Geschichte wirklich zu unserem Vater gehören könnte. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass er weint. Dass er nackt an der Wand steht, misshandelt von einer Gruppe von Perversen, dass er am ganzen Körper zittert wie ein kleiner Welpe, der bei regnerischem Wetter aus dem Haus rausgeworfen wurde. Einsam, weit weg von zu Hause, von der Mutter, die ihn sicherlich, wenn siekönnte, mit ihrem Körper beschützen würde. Sie würde sich vor ihn stellen, schwere Schläge abfangen. Ich sehe ihn, diesen schlanken Jungen mit dünnen, noch unbehaarten Beinen, mit eingefallener, knochiger Brust, wie sie ihn von hinten an den Haaren packen, seine rote Locken in den Dreck ziehen. Sie werfen ihn vor den Chef der Horde von Abweichlern auf die Knie. Er kann als Erster anfangen … Weinen? Er kann aber nur leise, in sich selbst, weil er weiß, dass man kein Weichei sein darf. Wenn er zeigt, dass es ihm wehtut, dass er nicht will, dass er sich wehrt, wird er nur ihre kranken Sinne anheizen. Sie werden ihn nicht lange in Ruhe lassen, also ist es besser, jetzt stark zu sein. Er kneift die Augen zusammen, vergisst, dass er einen Körper hat, und schweift mit seinem Geist weit weg.
Zur Mutter, zur Schwester, zum Bruder… Nach Hause, wo es warm ist und nach Abendessen riecht. Zur Kindheit auf dem Land, zu den Freunden, mit denen er jeden Tag Fußball spielt. Zur Schaukel an dicken Ketten, die die Deutschen an den alten Birnenbaum aufgehängt haben. So eine gute, deutsche Konstruktion, dass sie beide aushält, ihn und seine Schwester Krystyna. Und Krystyna lacht so schön, so klar. Er sieht die fröhlichen Grübchen in ihren Wangen. Jeden Morgen gehen sie durch die Allee zur Schule im Nachbardorf. Auf dem Rückweg auf den letzten Metern rennen sie wie verrückt. Wer als Zweiter zu Hause ankommt und verliert, muss nachmittags die Hühner füttern.

Er flieht in seine frühe sorglose Jugend. Zum Dorffest bis zum Morgengrauen. Der Geschmack des ersten Wodkas und der ersten Liebe. Grażyna, seine Geliebte. Schwarze Haare, genauso, wie er sie immer mochte, so wie er sie sich einmal erträumt hat. Grüne Augen, gebräunte Haut, geschmeidige Figur und eine sportliche Silhouette. Genau dieses Mädchen, das am besten tanzt. Und er, ungeschickt, tritt ihr auf die Füße, im Rhythmus irgendeiner Musik, die er, wenn er sie ansieht, kaum wahrnehmen kann. Er liebt sie vom ersten Blick an und will nur mit ihr heute ins Bett gehen. In ihre Arme sinken, ihren Atem hören, das schlagende liebende Herz. Er ist wie betrunken, wenn sie ihm ewige Liebe verspricht und dass sie ihn nicht verlassen wird, egal was jetzt kommt und was mit ihnen passieren wird. Sie schwört ihm, dass sie warten wird, auch wenn es drei Jahre dauern sollte. Schließlich hat sie jetzt einen Teil von ihm in sich und für die nächsten neun Monate. Und er?

Er hat doch jemanden, zu dem er zurückkehren kann! Er wird also stark sein, alles für sie und das Kind tun, er wird sich nicht so leicht ergeben!

Eines Tages werden sie sich andere Opfer suchen, Anfänger, neue Jungs… Eines Tages werden sie ihm auch Frieden geben. Er wird wieder normal duschen können und gleichgültig zuschauen können, dass es diesmal andere sind und dass es diesmal nicht sein Unglück ist. Denn nur Gleichgültigkeit ermöglicht das Überleben in einer solchen Welt. Emotionen müssen ausgeschaltet werden, Fäuste können geballt werden, aber nur unter der dicken Decke in der Nacht, wenn keiner es sieht. Man muss all das in sich ersticken, was so sehr herausgeschrien werden möchte. Vergessen, was Lachen bedeutet, was Freude und Sorglosigkeit bedeuten. Er muss in das ernsthafte, erwachsene Leben eintreten, ob er will oder nicht.

Lähmung und Stille… Das Leben ist kein Spiel, kein Kindermärchen, das Leben ist eine graue und brutale Realität für echte Kerle. Nicht für Schwache, nicht für Empfindsame…

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