Die Erde unter meinen Füssen



Ich sitze mit der alten Pinkowska vor dem Laden und betrachte meine Füße. Kleine, kurze Zehennägel. Sandalen, selbstgemachte Flip-Flops. Abgeschnittene Riemen, weil sie drücken. Die alte Pinkowska schaut auf mich, graue Haare fallen ihr ins Gesicht, dort, wo das alte Tuch nicht reicht. Der kleine, kleinste Zeh ist so merkwürdig verbogen. Passt nicht zu den anderen. Die übrigen drücken ihn, verrenken ihn. Ich bin vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, aber die Haut an diesem Zeh ist schon so hart geworden. Ein kleiner Grätchen ist entstanden, eine Kante am Zeh. Ich fühle mich beschämt, versuche, ihn gerade zu richten. Es ist warm, ich schaue auf den Asphalt. Da steht etwas geschrieben. Ich betrachte den alten Betonbelag der Straße. Wahrscheinlich während der deutschen Besatzung gegossen. Die Füße der alten Pinkowska erinnern sich vielleicht an die Deutschen oder vielleicht an die Franzosen, denn sie kam aus Frankreich. „Verbiege diesen Zeh nicht.“ „Lass mich in Ruhe“, denke ich. Ich denke daran, wie ihre Zehen aussehen müssen. Ich schaue auf die Erde unter meinen Füßen. Sie ist trocken. Trocken wie dieser Sommer. Hier und da kleine Vulkane, gemacht von fleißigen Ameisen. Kleine Krater. Was bringen und was nehmen sie Ameisen so? Sie sind schwarz und rot. Die roten beißen scherzhaft. Ich schaue auf die Erde unter meinen Füßen. Das Linoleum in Omas Küche. Alt, aber ich mag es. So eins haben wir nicht zu Hause. Bei uns ist der Boden mit alter, fettiger und stinkender Farbe gestrichen. Wenn man diesen Boden neu streicht, stinkt es so sehr, dass der Kopf schmerzt. Farbe auf Farbe. Man entfernt die alte Farbenschicht nicht ab. Man sieht die Konturen der Dielen. Alte Dielen. Von den Deutschen. Alles in unserem Haus ist von den Deutschen. Die Farben sind immer furchtbar miteinander kombiniert. Dunkel. Dunkel wie Scheiße. Scheiße, die wir nicht in eine ordentliche Toilette ablassen können, weil die Deutschen sie nicht gebaut und nicht hinterlassen haben. Wo haben sie ihre Notdurft verrichtet? Sind sie auch auf das Plumsklo im Hof gegangen? Ich schaue auf den Boden im Hof. Grünes Gras oder Schlamm. Abwechselnd. Aber meistens Schlamm.

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