„Katzenmama“ ist mein Lieblingsbuch. Ich bringe es nach Hause und fange sofort an zu lesen, schon auf dem Weg von der Schule konnte ich es kaum erwarten. Ich bin stolz, weil die Katzenmama eine Schürze hat, die meiner so ähnlich ist, mit Rüschen an den Schultern. Jetzt sehe ich, dass sie gar nicht so schrecklich ist, und da sie sie hat, kann ich auch bis zur zweiten Klasse tragen. Ich frage mich, wie alt die Katzenmutter im Buchist. Wahrscheinlich älter als ich, denn sie schaut mich zwar freundlich an, aber anders, ernster. Ihre Haare sind blond, lang und leicht gewellt, mit einer schönen blauen Schleife gebunden. Genau so hätte ich sie gerne! IhrPony liegt so schön um ihr zufriedenes helles Gesicht. Die Augen leuchten blau und passen zur Schleife. Meine nicht. Meine Augen sind grün wie die meiner Mutter, die Haare glatt wie Drähte, ich weiß nicht, von wem habe ich solche geerbt. So glatt, dass wenn ich mir den Pony schneide, trage ich für ein paar Tage die Spuren der Haarschere. Den Pony muss ich haben, weil er die hässlichen Geheimratsecken bedeckt. Groß wie bei meinem glatzköpfigen Papa, wahrscheinlich von ihm. Aber ich will nichts von ihm haben. Vor allem nicht diese krummen Zehen. Sein großer Zeh ist pilzkrank. Ich ekle mich, wenn ich ihn anschaue, noch mehr, wenn ich ihn berühren muss. Er zwingt mich, an diesem widerlichen Zeh zu ziehen, und dann furzt er laut. Er zwingt mich auch zum Lachen, aber es macht mir überhaupt keinen Spaß. Ich mag diese dummen Witze nicht. Ich will, dass er mich in Ruhe lässt. Aber manchmal hat er solche Tage, an denen er gerne mit uns Spaß macht. Manchmal fangen Artur und ich sogar seine Stimmung auf und fangen an zu lachen. Aber immer vorsichtig, wir beobachten ihn aufmerksam, man weiß nie, wann seine flüchtige Laune plötzlich verschwindet. Dann fängt er an zu schreien, droht, dass wir lachen werden, aber mit einer Stimme, wie die geschlachteten Schafe. Ich weiß nicht, wie ein Schaf lacht, aber ich will es überhaupt nicht herausfinden. Ich möchte schnell in mein Zimmer verschwinden und leise für mich lesen. Allein, ganz allein, in meinem braunen Sessel, der nachts zum Schlafen ausgeklappt wird. In dem kleinen Raum mit der abgeschrägten Wand, in dem man nicht einmal gut stehen kann, kann man schon bei Sonnenaufgang lesen. Ich habe keine Nachttischlampe oder Taschenlampe, mit der ich beim Lesen unter der Decke in der Nacht leuchten könnte, wie bei Oma. Eines Abends, als ich mich nicht von meinem Buch losreißen kann, zünde ich unter der Decke eine Kerze an. Das Knacken des angezündeten Streichholzes verrät meine Absichten. Ich bekomme Schläge und das Buch landet eine Woche lang auf dem hohen Schrank. Ich werde es nicht einmal vom Stuhl aus erreichen.
Ich lese „Katzenmama“ am häufigsten. Ich gebe es zurück in die Bibliothek und leihe es wieder aus. Ich mache es geschickt, damit die Bibliothekarin nicht fragt, warum, schließlich habe ich es erst vor kurzem gelesen und vielleicht würden andere Kinder dieses Buch auch gerne lesen. Andere Kinder werden es nicht einmal anschauen. In der Zwischenzeit leihe ich unauffällig andere Bücher aus: über den Hund, der mit dem Zug fuhr, und über Plastus, eine Knete-Figur mit den großen Ohren. Aber „Katzenmama“ mag ich am meisten. Sie ist so nett, hübsch und liebt genauso wie ich Katzen. Ihre Kätzchen, die drei kleinen auf dem bunten Cover, sind meinen Kätzchen so ähnlich, die ich im Heu im Stall versteckt habe. Nur damit niemand sie entdeckt, solange sie blind sind. Wenn die Kätzchen blind und klein sind, wählt Papa sie heimtückisch wie Eier aus dem Nest und zerschmettert sie an der Garagenwand. Von ihnen bleiben nur keine nassen Flecken. Oder Papanimmt sie von der Katze weg und steckt sie in alte Nylonstrümpfe. Dann fährt er zu einem Kieswerksee, wo der Boden nicht zu sehen ist, und wirft sie ins tiefe Wasser. Wenn sie auftauchen, muss er den Strumpf lösen und ein paar Steine hinzufügen, dann ertrinken sie zu hundert Prozent. Die Katze muss die Menschen hassen. Mir vertraut sie jedoch und verrät mir den Ort, an dem ihre Kleinen sind. Ich schleiche mich heimlich in den Stall ein, schaue mich aufmerksam um, ob Opa mich nicht beobachtet, er würde sicherlich das Versteck meinem Vater verraten. Ich stelle der Katze einen Deckel vom Einmachglas hin und fülle mit Milch ein, damit sie nicht nach Futter suchen muss und die Kleinen dem Schicksal überlassen muss. Sie könnte immer noch hin und her laufen und schließlich den Aufenthaltsort ihrer Kinder verraten. Wenn die Kätzchen ihre Augen öffnen und endlich sehen können, atme ich erleichtert auf. Solche Kätzchen wird niemand töten, dessen bin ich mir sicher. Am nächsten Tag sehe ich während der Busfahrt von der Schule, wie Papa auf dem Motorrad uns überholt und in Richtung Kieswerksee fährt. Ich renne nach Hause, atme flach und in meiner Brust sticht es, es ist zu spät! Ich habe sie nicht verteidigt! Wer hat sie verraten? Wie wurden sie entdeckt? Die echte Katzenmama, die schwarzglänzende Katze, miaut lange wie besessen, folgt mir, reibt sich an meinen Beinen, als ob sie mich bitten würde, etwas zu tun, um ihr zu helfen, um ihre Kinder zurückzubekommen. Ich hasse Papa! Wie konnte er nur? Schließlich habe ich selbst gehört, wie alle immer zu Hause gesagt haben, dass nur die kleinsten, noch blinden, getötet werden.
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