Das erste Spiel, das ich in der Vorschule lerne, ist „Der alte Bär schläft fest“. Alle mögen es, aber ich habe ein wenig Angst, wenn Norbert oder Artur mit einem Schrei auf mich zukommen und so tun, als würden sie mich gleich wie ein Bär verschlingen. Ich bevorzuge „Ich habe ein besticktes Taschentuch“. Melodie und Regel sind ähnlich. Jemand wählt jemanden aus dem Kreis, nur alles ruhig und romantisch. Man schenkt demjenigen ein besticktes Taschentuch, den man mag, also dem Herzensgewählten oder der Herzensgewählten. Ich möchte immer die Auserwählte sein. Ich fühle Enttäuschung, wenn sie mich nicht gerade auswählen. Meistens bekomme aber ich das Taschentuch und die Jungen gehen vor mir auf die Knien, wenn sie es mir übergeben. Ich mag auch „Das Blinde Kuh“ Spiel. Die Lehrerin bindet uns die Augen mit ihrem bunten Schal zu. Er riecht so schön wie ihre Hände, nussig, fast süß. Und ich mag auch ihre Hände berühren, obwohl sie leicht rau sind, weil sie abgearbeitet sind, wie bei vielen Frauen. Ich versuche, die Welt unter dem Schal zu erkennen, ich schaue auf den Boden, sehe die Spitzen meiner eigenen Schuhe, suche nach Krysias oder Andrzejs Schuhen. Andrzej ist einer Klasse über mich. Den mag ich sehr. Er ist der netteste Junge. Er spricht mit mir in den Pausen und ich fühle mich stolz, wenn alle zuschauen und die anderen Jungen rufen uns hinterher, dass wir ein verlobtes Paar sind, Jacek und Barbara. Die Welt der Kinder in einer kleinen Dorfschule. Hier sind wir sorglos, ein wenig naiv, aber sicher. Ich bin so gerne in der Schule, ich möchte überhaupt nicht nach Hause zurückgehen. Dort darf man sich nicht amüsieren, man muss ständig etwas tun, arbeiten, nicht faulenzen, Kartoffeln im Keller aussuchen, Löwenzahn für die Kaninchen pflücken, endlos aufräumen und auf die Brüder aufpassen. Nach der zweiten Klasse endet die Schulzeit in Maniów. Ein neues, großes Schulgebäude wurde ein paar Kilometer weiter gebaut, wo wir mit einem staubigen, veralteten Bus hinfahren müssen. Ich freue mich über die Veränderung, ich fühle mich so groß, erwachsen. Aber schon am ersten Tag bemerke ich, dass sich etwas verändert hat, dass etwas wie erloschen ist. Der alte Bus holt die Kinder nacheinander aus jedem Dorf ab. Bevor ich nach Mietków komme, bin ich grün vor Übelkeit und renne in der Schule sofort auf die Toilette, um mich sofort zu übergeben. Ich habe schon immer Reisekrankheit, und vom Schaukeln dreht sich das Frühstück in meinem Magen um, das Mama mir jeden Morgen aufzwingt. Jeden Tag dasselbe, zerbröckeltes altes Brot oder Nudeln vom Mittagessen vom Vortag, mit heißer Milch übergossen. Sie versteht nicht, dass ich es nicht mag, dass es mir davon schlecht geht. Ich muss es ohne Diskussion essen, mein Vater droht mir mit Schlägen, wenn ich meinen Teller nicht leer esse. Am Nachmittag die Wiederholung, sprich das Erbrechen. Am liebsten würde ich zur Schule zu Fuß gehen oder mit Fahrrad fahren, aber ich habe immer noch keins. Das von Opa zusammengebaute Zweirad liegt kaputt unter dem Zaun und niemand kann es reparieren. Papa will solche Dinge nicht für uns tun. „Du hast es kaputtgemacht, also repariere es selbst“, immer dasselbe Lied.
Die Schule in einem großen Dorf hat andere Regeln. Wer älter ist, wer stärker oder lauter ist, herrscht in den Pausen auf den Fluren. Brutalität gegenüber den Schwächeren, Verspotten der Armen, Ungepflegten, albernes Anmachen und vor allem gnadenloses Lästern und Verleumden, einfach aus purer Eifersucht. Die Jungen kämpfen in ewigen Schlachten, stoßen einander an, aber sie lästern zumindest nicht und stiften nicht gegeneinander.
In dieser Schule bin ich nicht mehr die einzige, kluge Andzelika. Die Beste, die ohne zu stottern liest, Gedichte wie eine echte Schauspielerin rezitiert. Hier treffe ich zum ersten Mal in meinem Leben auf Konkurrenz. Wir sind drei solche: ich, Kaśka und Edyta. Edyta ist die Beste in Mathe, Kaśka, obwohl sie in Polnisch auf meinem Niveau ist, übertrifft mich im Malen und vor allem kann sie hervorragend tanzen. Göttliche Gesellschaftstänze. In schönen Kleidern, auf hohen Absätzen. Kaśka nimmt an einem außerschulischen Gesellschaftstanzkreis teil. Ich traue mich nicht einmal davon zu träumen. Man müsste für eine Lehrerin bezahlen. Sie kommt nämlich aus Breslau und man müsste länger nach dem Unterricht in der Schule bleiben. Mir wurde das verboten, weil zu Hause Arbeit wartet und ich auf die Brüder aufpassen muss, bis Mama von der Arbeit zurückkehrt. Aber vor allem muss man Gefühl für den Tanz haben. Mama sagt, dass ich überhaupt keines habe. Ich bin steif wie ein Stock, ich bin wie Papa. Als Mama ein junges Mädchen war, haben alle Jungen auf Festen sie zum Tanzen aufgefordert.
Ich erinnere mich an Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen sie so hübsch, so fröhlich neben einem fremden Mann sitzt und er mich sogar auf den Armen hält, nicht Papa. Es gibt kein einziges Foto zu Hause, auf dem eine ganz gewöhnliche Konstellation zu sehen ist: Mama, Papa und Tochter, alle drei in den Armen. Mama erzählt von Tänzen mit Dorfjungen, ich frage mich, ob Papa damals nicht eifersüchtig auf sie war, ob er sie nicht nach diesen Tänzen geschlagen hat, wie nach der Kommunion bei Gosia. Damals hat sie nur mit ihrem Cousin getanzt, und mit dem Cousin könnte man nicht verheiraten. Sie hat keine Sünde begonnen, warum hat er sie dann nachts auf dem Heimweg zum Boden gerissen und so lange geschlagen, bis sie um Gnade flehte?
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