Mein Großvater und ich

 

Für Großvater Czesiek

 

Jeden Morgen sitzen wir in der sonnendurchfluteten Küche. Das Feuer im Ofen ist noch nicht angezündet, aber schon herrscht angenehme Wärme. Strahlt sie von dir aus, mein geliebter Meister der morgendlichen Zeremonien?

 

Jeden Morgen wiederholen wir die gleichen, nur unsere eigenen, heiligen Rituale. Spiegeleier auf knisterndem Schmalz, süßer Tee aus einer Aluminiumtasse, eine Scheibe Brot, geschnitten mit einem alten, geschärften auf einem Stein, Messer. Ich liebe diese Morgenstundenzu zweit. Niemand stört uns, keine unnötigen Fragen, nur stille Verständigung ohne Worte.

 

Du wiederholst alle morgendlichen Handlungen ruhig,mit Würde, ich betrachte dich mit Bewunderung, obwohl kein Prunk oder Reichtum von dir ausgeht und du keine nutzlosen Schmuckstücke versteckst.

 

Was du für mich hast, ist ein Herz auf offener Handfläche. Einfache Zeichen, unsichtbare Buchstaben im Äther, die ich gut aufnehmen und lesen kann, obwohl ich noch ein Kind bin.

 

Ich glaube nicht daran, wenn ich manchmal höre, dass du diese für mich offene Hand unerwartet zurückziehen und sie in eine Faust verwandeln könntest. Ich höre mir diesen Unsinn nicht an, denn wozu? Es sind nur alte Märchen.

 

Einmal sehe ich, nur einmal, wie du vor meinen Augen Oma schlägst. Ich halte mir die Ohren zu, kneife die bitterlich weinenden Augen zusammen. Ich will das überhaupt nicht sehen und lösche dieses schreckliche Bild aus meinem Gedächtnis für Jahre. Es kehrt zurück in Momenten des Zweifels, wenn meine ganze Welt auf wackeligen Fundamenten steht. Wenn ich unter Tränen frage, was mit Oma passiert ist, dass sie diesen Schritt getan hat, dass sie an einem dünnen Strick hängt.

 

Aber du enttäuschst mich nicht, als ob es anders sein könnte! Du, mein tapferer Held, überquerst plötzlich endlose Meter. Du schreitest mit dem Schritt eines Jugendlichen über wackelige Dachziegel und trennst mit einem entschiedenen Zug ihren freiwilligen Weg, der fast unvermeidlich zum Tod führen könnte.

 

Du rettest ein so wehrloses Leben, eine so fragile Existenz, und seitdem lässt du sie nicht aus den Augen.

 

Du legst dir im Handumdrehen ein neues Kostüm an, spielst eine neue Rolle und verwandelst dich ganz in einen treuen Schutzengel.

 

Du stehst unbeugsam neben Oma, in jeder Notlage, am Tag und in der Nacht, bei jedem Sturm. Freiwillig? Vielleicht aus einem Gefühl der Ehre, weil es endlich an der Zeit ist, Schulden zurückzuzahlen? Gutes mit Gutem vergelten, schwere Fehler, mangelnde Geduld, Wut und hässliche, verletzende Worte sühnen.

 

Du verrätst niemals jemandem, warum du plötzlich Masken wechselst. Vom strengen Vater, vom brutalen Ehemann zum Großvater mit dem Herzen eines Kindes, zu einem Felsen, der alles aushält.

 

Ich kenne dich sehr gut, denn ich liebe das ehrliche, reine Herz eines Kindes in dir. Ich verrate jedoch niemandem dieses Geheimnis, dass ich alles durchschaue, verstehe, welche Rolle du in diesem Theater spielst. Sie wurde dir fast allen vom Leben und durch einen leichtsinnigen Moment der Sehnsucht, der Träume von süßer Liebe, aufgezwungen.

 

Du kanntest deine Julia zu kurz, du unglücklicher Romeo. Du sahst das ein, als es schon zu spät war, als du bereits vor dem Altar geschworen hast, dass dies alles für immer sei, dass nur der Tod euch trennenwerde und obwohl es dir schwerfiel und du kämpfen musstest, hast du geschworen und ausgeharrt.

 

Aber in deiner Seele spielte etwas Anderes. Du singsteine andere Melodie. Die französischen Worte klingen schön, Worte aus der Zeit noch vor dem Krieg. Aber nicht für diese Braut.

 

Euer ganzes Leben verbindet euch nicht, ihr kreuzt euch auf dem engen Weg des Lebens. Du willst nur unbemerkt, leise, an ihr vorbeigehen, und sie plappert und plappert, ununterbrochen. Sie redet immer weiter und versteht nicht, was dich bewegt, was dich an der andere so fasziniert.

 

Du fliehst jeden Tag zu deinen Leuten, zu deinem Bruder, in das Land der endlosen Fröhlichkeit. Karten, Wodka, Lachen bis in den frühen Morgen an einem vollen Tisch, in der Küche. Dort erinnerst du dich daran, dass du immer noch lachen und glücklich sein kannst. Dass alles anders sein könnte, aber leider nur bei einer anderen Julia.

 

Zigeuner-Romeo mit einer verwundeten Seele. Versklavt in einem fremden Land, immer im Exil. In dieser Welt, nicht in deiner, darfst du dich nicht einfach so in die Richtung bewegen, die du selbst gewählt hättest. Du sehnst dich also nach dem fernen, vergangenen und anderen, dem verlorenen und unerreichbaren, und Tag für Tag, Stück für Stück, verlierst du dein Ziel und schließlich dich selbst aus.

 

 

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