Pfützen

Nach dem Sturm sind die Pfützen voller schlammigen Wassers. Ich gehe in die Pfütze und falle hinein wie ein Stein. Ich spritze, freue mich und werde schmutzig. Niemand sieht mich, niemand meckert. Also noch einmal. Noch stärker – platsch! Platsch! Platsch! Platsch ins Wasser! In die tieferen, dunkleren, trüberen. Platsch! Wasser fließt in die Gummistiefel, spritzt in alle Richtungen. Ich ziehe mein Kleid über meine Oberschenkel hoch und noch höher. Es ist mir egal, ob es nass wird! Feuchte Unterwäsche. Wahrscheinlich braune Flecken am Hintern. Haare fallen mir ins Gesicht. Ich spüre schlammige Flecken auf meiner Haut. Ich wische sie mit meiner Hand ab, um zu fühlen, ob ich sie richtig wahrnehme. Sand kratzt an meiner Wange. Platsch! Die Sonne kommt heraus. Also ist es heute schon mit dem Sturm vorbei. Es wird warm, immer wärmer und schwüler. Dampf steigt aus jeder Pfütze auf, aus den kleinen und aus meiner tiefen, in der ich spiele. Es ist wie der Teich bei den Mokrzycki, voller singenderFrösche. Abends kann man hören, wie sie quaken. Es sei denn, Lucyna unterbricht dieses Singen. Sie singt ihr eigenes Lied. Ein Lied des Bedauerns, dass sie einen solchen Trottel geheiratet hat. Ich lausche. Das Fluchen hört auf, von ihrem Hof zu mir zu drängen. Ich könnte einschlafen, aber irgendwie fällt es mir schwer, meine Augenlider zu schließen. Stickig ist es von den Schreien und von diesem Sommer. Die Wand über meinem Kopf ist zu niedrig, sie pulsiert vor Hitze. Ich weiß nicht, welche Uhrzeit es ist, wahrscheinlich drei, vier… Der Ofen in der Küche weckt mich. Feuer knackt unter der Blechplatte. Mama fängt an, sich zu bewegen. Aber Papa ist noch nicht zu hören. Wahrscheinlich ist er draußen und zählt seine Tauben. Dachratten. Sie picken alles, jede Dachziegel picken sie von Putz ab. Man müsste das Dach neu decken. Aber niemand hat es eilig. 50 Jahre nach dem Krieg und immer noch hat niemand es eilig. Für wen eigentlich? Es ist bekannt, dass die Deutschen nicht zurückkehren werden. Aber auch die Kinder nicht. Und wenn sie zurückkommen, sollen sie sich selbst kümmern. Aber erst einmal sollen sie Geld verdienen. Alles wird gerecht aufgeteilt. Haus, Garten, Feld. Das Feld kann man in Parzellen verkaufen. Die Erde liegt sowieso brach. Alles wächst schwach, nur Mais für Tierfutter kommt durch. Aber das wird auch nur für die Tauben verfüttert. Vielleicht könnte man noch ein paar Hühner züchten. Aber wofür? Der Hühnerstall im Winter ist so kalt, dass kein Huhn Eier legt. Früher gab es Gänse, ganz viele. Ich steige aus dem Schulbus aus, und vor dem Haus ist alles weiß. Federn rieseln wie durcheinandergeratene Kalenderblätter, und im September ist plötzlich Januar auf der Hauptstraße angekommen. Der ganze Hof ist in ein paar Stunden verschmutzt. Große grüne Haufen. Grün, weil diese ekelhaften Vögel uns das ganze Gras weggepickt haben. Sie haben die Kamillen weggepickt. Sie haben die Narzissen weggepickt, die unter dem Zaun von den Deutschen noch gepflanzt wurden. Wie habe ich es geliebt, sie für meine Sträuße zu pflücken! Nicht für die Kränze. Für Kränze hatten sie zu harte Stängel. Innen sind siie leer aber, wenn man sie pflückte, tauchte nach einer Weile Schleim auf. Wie bei Schnecken. Schnecken habe ich auch gesammelt. Mit Iza von Radwan Familie. Sie gingen zum Export nach Frankreich. In Frankreich gelten sie als Delikatessen. Meine Großeltern sind auch aus Frankreich, aber ich erinnere mich nicht daran, dass sie Schnecken gegessen haben. Ich erinnere mich auch nicht, ob nach dem Verkauf dieser Schnecken etwas übriggeblieben wäre. Wahrscheinlich nicht. Das Geld vom Schneckenverkauf habe ich nie lange in der Hand gehabt. Das Geld war sofort zum Abgeben. An denPapa. Alles an den Papa. Jeden Groschen. Auch die Geldgeschenke von Oma für Bonbons – an den Papa. Vom Urgroßvater für den Jahrmarkt – an den Papa. Für Kommunionsgeschenke – an den Papa. Mein Taschenrechner aus Österreich – an den Papa. Und von Papa zum Schrank. Im Schrank lag alles Wertvolle. Flasche Wodka, Watte, kleine Nagelscheren und dieser angeblich „mein“ Taschenrechner. Und diese angeblich „meine“ goldenen Ohrringe. Goldene Herzchen, so dünn, so fein. Ich wollte aber ein Fahrrad, ein echtes, kein vom Großvater zusammengeschraubtes. Nein! Ich bekam Ohrringe! Wozu brauche ich goldene Ohrringe zur Kommunion? Wenn ich sie nicht tragen mag! Ich mag es nicht, und das ist alles! Ich hätte gerne ein Fahrrad gehabt. Ich hatte einmal im Leben meins, Pixi, auch von meinem Großvater. Der Federsitz mit Rumcajs. Auch von ihm ein Puppenbett, eine tanzende Mickey-Maus-Figur aus dem Jahrmarkt und jeden Morgen ein Spiegelei zum Frühstück. Das Frühstück war um vier Uhr morgens. Alle schliefen noch, aber mein Großvater und ich nicht mehr. Die Küche gehörte uns. Er schaffte es immer, das Feuer im Ofen anzuzünden, bevor ich runter zu ihm ging. Wie hat er das gemacht? Um wie viel Uhr ist er aufgestanden? Licht strömte durch das Fenster auf das abgenutzte Wachstuch auf dem Tisch. Spuren vom Messer, Flecken von Rüben. Ein paar Zuckerkristalle. Ich mag dieses Gefühl nicht, wenn man die Hand auf den Tisch legt und da liegen diese Krümel. Man sieht sie nicht, aber ich spüre sie ganz genau. Ich spüre, dass es schmutzig ist. Großvaters Aluminiumbecher steht auf den Kristallen. Sie kleben wahrscheinlich am Boden, aber das stört ihn nicht. Er achtet nicht auf Sauberkeit wie Oma. Sie redet immer darüber. Sie redet, dass seine Füße stinken. Sie redet und redet, und er ärgert sich. Mich stört es nicht, dass seine Füße stinken, dieser Geruch, den ich wahrnehme, ist Großvaters Geruch, und ich weiß nicht, ob es seine Füße sind oder nicht, oder vielleicht schmutzige Bettwäsche. Das spielt keine Rolle. Ich liebe meinen Großvater.

 

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