Oma Jasia

Für meine geliebte Oma Jasia

 

Alle Kinder wollen mit mir spielen. Sie kommen und fragen, ob sie da ist, ob sie gekommen ist, wann sie wieder da sein wird. Am liebsten mag ich die dicke Marlena. Kurz geschnittene Ponyfrisur, runde Wangen, immer lächelnd. Sie ist nicht so hübsch wie ihre Schwester-Mode-Püppchen, Monika. Aber ich mag Marlena irgendwie mehr. Mit ihr baue ich ein Häuschen hinter der alten Scheune. Wir legen einen großen Stein mit Moos aus und so haben wir unseren königlichen Sessel. Alte Säcke dienen als Vorhänge, die uns vor neugierigen Blicken schützen. Niemand darf sehen, dass wir wieder so viel frisches Gemüse aus dem Garten gestohlen haben.

 

Meine Oma schreit uns nie an, aber die alte Trzaskowa– ja. Marlenas Oma, jammert und heult laut, nörgelt und runzelt seltsam die Augen. Sie blinzelt und blinzelt wie ein mythologischer Zyklop. Sie zeigt Metallzähne und spricht so seltsam. Es ist zwar polnisch, aber es sticht in meinen Ohren. Ich frage sie nie, warum redet sie so komisch. Sie wird die Frage wahrscheinlich nicht verstehen oder sich beleidigt fühlen. Und ich habe so viele Fragen an sie! Warum hat sie krumme Beine, warum humpelt sie, warum schreit sie fast immer und spricht nicht, obwohl sie manchmal überhaupt nicht wütend ist.

 

Bei der alten Trzaskowa zu Hause mag ich die seltsam riechende Küche am meisten. Ich weiß selbst nicht, ob ich den Geruch mag oder ob er mich stört. Ich gehe immer mit meiner Oma zu ihren Nachmittagsbesuchen zu ihr. An der Wand in Trzaskowas Küche hängt etwas, das der Höhepunkt meiner Träume von Besitz ist. Ein schöner Wandteller mit einem bunten Vogel und eine Kuckucksuhr, von der ich auch schon lange träume.

 

Oma bleibt nicht lange bei ihr, sie will immer schnell nach Hause. Sie wollte nur Wasser aus dem Brunnen. Zwei Eimer stehen draußen mit einem Deckel beschützt, damit die neugierigen Hühner nicht reinscheißen. Ich werfe der Kuckucksuhr einen letzten verehrungsvollen Blick zu und gehe mit meiner Oma zum Brunnen. Ich darf nicht hineinschauen, obwohl die Tiefe so kühl, faszinierend und mit einem Echo mich reinlockt. Ich rufe jedes Mal: „Echo! Echo! Echo!“ Die Antwort kommt sofort.

 

Wir tragen mehrmals am Tag Wasser mit meiner Oma. „Die Viecher müssen getränkt werden“, sagt sie über die Hühner und französischen Enten. Sie planschen im stinkenden Graben, der mit schmutzigem Waschwasser und Kuhmist von den Nachbarn gefüllt ist. Oma beschwert sich dann, dass man die Fenster schnell schließen muss. Die Fenster müssen sogar im Sommer geschlossen sein, den ganzen Tag über müssen sie geschlossen bleiben, sonst kommen dicke Fliegen herein. Sie lieben den stinkenden Mist und verbreiten Krankheiten. Opa tötet sie mit einer selbstgemachten Fliegenklatsche. Ein Stück alter Schlauch und ein Stöckchen. Opa kann alles machen, er ist ein begabter Handwerker.

Er sitzt in der Scheune und zimmert alte Bretter zu einer Kuhtränke zusammen. Oma streut dort jeden Abend fein gehacktes Brennnessel hinein. Sie sammelt das brennende Kraut mit bloßen Händen und spürt keinen Schmerz. Ich bewundere meine Oma-Zauberin.

Ich liebe unsere Ausflüge zu den Straßengräben, die mit grünen, duftenden Kräutern bewachsen sind. Wenn die Sonne nicht mehr so heiß brennt, fahren wir mit dem zweirädrigen Wagen, den Opa aus Brettern gemacht hat. Auf dem Weg dorthin, wo die Brennnesseln am besten wachsen, sitze ich im Wagen wie in einer goldenen Kutsche. Oma und Jadzia ziehen mich abwechselnd, und ich – ausgebreitet in der Mitte – wie eine Königin, werde ich von den treuen Dorfbewohnern begrüßt. Alle Leute mögen mich hier, lächeln mich an, stecken mir Bonbons zu.

 

Auf dem Rückweg gehe ich zu Fuß, springe wie beim Gummitwister um die frischen Kuhfladen herum. Vor uns gehen Omas Kühe, die wir unterwegs auf gemeinsamen Dorfwiesen zusammengetrieben haben. Sie gehen vor mir her und wedeln monoton mit den Schwänzen. So vertreiben sie die lästigen grünen Fliegen.

 

Kühe sind so klug. Sie kennen den Weg und wissen, wie sie nach Hause kommen, wenn Oma sich mit den Nachbarinnen am hölzernen Zaun unterhält. Sie warten geduldig im Stall auf das abendliche Melken, das auch von mir erwartet wird. Ein ganzer Nachmittag voller Vorfreude. Denn nichts ist besser als eine Tasse frischerMilch, noch warm mit weißem, leichtem Schaum. Ich schlürfe die Milch wie eine Katze, bewundere dabei Omas geschickte Hände. Wie schafft sie das Melken! Meine Hände sind zu schwach, meine Finger zu dünn für solche Arbeit. Ich reiche Oma nur weitere Eimer und ein weißes Sieb, durch das die Milch fließt.

Sie trennt sich von den Kühen irgendwann, weil sie von einer heimtückischen Krankheit befallen sind. Ich verstehe nicht ganz, warum Oma plötzlich dummes Zeug redet, sich seltsam verhält, nachts nicht schläft oder den ganzen Tag bis zum Mittag schlummert und unsere besten Morgenstunden in der Küche vergisst.

Lange Wochen vergehen, manchmal Monate, dass Oma im Krankenhaus bleibt. Eingesperrt in der Psychiatrie. Wir besuchen sie nicht, ich vermisse sie und meine Tage des heiligen Friedens bei ihr.

Ich möchte ihr so sehr helfen, ein Heilmittel für ihre kranke Seele finden. Ich glaube, niemand von uns versteht, warum alles damals so mit ihr passiert… Ich fürchte, sie wird sterben, und, wenn nicht, sie wirdwieder versuchen, ihr Leben zu beenden.

Mir fehlen Omas Geschichten im kalten Schlafzimmer oben. Jeden Abend dieselben Märchen, aber ich möchte keine anderen hören. „Rotkäppchen“, „Hänsel und Gretel“, „Der Rabe, der Fuchs und der Käse“, „Aschenputtel“.

 

Jeden Tag, Oma, konnte dein einfaches Mantra meine kindliche Vorstellungskraft erwecken.

Du erzählst mir viele Geschichten, du sprichst mit mir wie mit jedem anderen Erwachsenen. Ich weiß, dass deine Worte keine Lügen enthalten. Nur dir glaube und vertraue ich endlos. Was du sagst, trifft zu, ich muss kein Fragezeichen setzen, an deiner Seite erlebe ich nie schmerzhafte Enttäuschungen.

 

Du hast mir Wurzeln gegeben, obwohl wir nur kurze Zeit unter einem Dach gelebt haben, so kurz, dass mir jeder sagt, dass ich mich nicht so gut an diese Zeit erinnern kann.

Vielleicht erinnere ich mich nicht an alles, vielleicht erfinde ich meine eigene Geschichte, spinne immer noch meine kindlichen Träume endlos weiter.

Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich dich deutlich, deine Hände, deine vom Leben gezeichneten Augen. Ich spüre, wie du duftest, wie dein Herz immer noch für mich schlägt. Es spielt keine Rolle, dass du, Oma, schon gegangen bist, auch ich werde eines Tages hinter dir hergehen, nur wohin?

 

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