Ehe


Wir spielen Mann und Frau, manchmal auch ein Paar mit einem Kind, wenn wir Artur in unser Häuschen am Waldrand ziehen müssen. Mama drängt ihn oft unter unsere Aufsicht, um mit der Arbeit fertig zu werden. Meistens ist Agnieszka der Mann, weil sie älter und größer ist, und ich bin die Frau, mein Bruder ist unsere Tochter. Wir wollen keinen Sohn. Artur spricht sowieso und benimmt sich wie ein Mädchen. Er macht alles von uns nach. Er mag es sogar, unsere Kleider anzuprobieren. „Muttersöhnchen, Weichei, Mädchen und kein Junge”, lacht Papa ihn oft aus. Er erträgt es nicht, wenn Artur sich so verhält. Ein Junge muss ein Junge sein und keine weiche Frau. Ein harter Kerl, der sich schlagen kann, einen vollen Schnapsglas auf einmal  leeren kann, ohne eine Miene zu verziehen. Papa zeigt uns solche Tricks, wenn er betrunken oder verkatert ist, aber ich mag diese Spiele nicht, sie enden immer im Desaster. Zuerst lacht Papa, wir lachen, bis plötzlich seine Laune umschlägt. Dann ist nichts mehr lustig, nichts ist erlaubt, kein Wort darf man sagen oder schief ihn anschauen. Stattdessen kann man eins auf den Kopf bekommen oder einfach an irgendeiner Stelle. Wir spielen und gleichzeitig beobachten wir Papa genau, denn wir müssen den Moment spüren, in dem wir die Segel schnell einholen müssen, die Beine unter die Arme nehmen und wie scheue Hasen davonhuschen müssen. Aber wohin? Wir haben nur eine enge Wohnung. Es fehlt uns an einem sicheren Versteck. Überall kann er uns erreichen, wenn ihn der Zorn so ergreift, dass ihm die Schreie nicht ausreichen und er sich körperlich entladen muss. Uns an den Fracks packen, uns kräftig schütteln, einen Stock auf den Hintern brechen, das Kabel auf unseren Beinen zurichten so wie Beamte ihre Akten stempeln. Am Ende sind wir sein Eigentum. Denn wozu hat man Kinder? Genau dafür, damit sie wie Schweizer Uhren funktionieren, ihren Platz in der Herde kennen, am Ende der Nahrungskette. Zuerst er, der Vater, der Herr und Gebieter, Alpha und Omega, dann lange, lange nichts, und irgendwo weit weg unsere Mutter. Wir schließen den Zug. Wir müssen uns an die Ordnung der Welt halten. Den göttlichen Plan der Schöpfung. So wie es in der Bibel steht: Adam und irgendwann kommt gnädig Eva, und dann die ganze namenlose übrige Brut der Menschheit. Ich spiele gern auch mit Norbert eine Hochzeit und dann die Ehe, wenn ich bei meiner Oma im Urlaub bin. Wir schmücken den Hof mit Blumen aus dem Garten, Oma brät uns Kartoffelpuffer. Wir trinken sie mit saurer Milch serviert wie Wodka in kleinen Gläschen. Wir stellen uns vor, dass der Wodka uns in den Hals brennt, und bitten um ein Wasserglas. Norbert rühmt sich, dass sein Vater nichts verschwendet, er ist gut im Trinken. Er riecht nur am Brotstücks. Beide verstehen nicht, warum. Oma erklärt uns, dass das so eine Gewohnheit ist. Um Norbert zu heiraten, muss ich wirklich noch ein wenig warten. Ich verspreche ihm, dass ich, wenn ich die Schule beende, seine Frau sein werde und nicht auf einen anderen Jungen schaue. Ich werde ihm immer treu sein, und meine Liebe wird nie erlöschen, bis zum Tod. Ich habe Angst, ihn zu fragen, ob ich dasselbe von ihm erwarten kann. Ich weiß es nicht… Vielleicht ist es besser, es nicht zu wissen… Ich verstehe genau nicht, was Treue ist? Liebe? Wer sollte mir auf diese Fragen antworten? Wenn ich meine Mutter und meinen Vater anschaue, fällt es mir schwer, klare Antworten zu finden. Mama und Papa sind anscheinend für immer zusammen, weil sie sich kennengelernt haben, als sie 14 und er 15 Jahre alt war. Ich suche in der Schuhschachtel nach Fotos aus dieser Zeit. So sammeln wir Schwarz-Weiß-Fotos. Ich sehe nirgendwo die jungen Eltern zusammen, also ist es vielleicht wieder nur eine erfundene Geschichte. So wie viele in unserer Familie. Ich glaube auch nicht wirklich, dass er sie liebt. Ich habe auch noch nie gehört, dass den Satz „Ich liebe dich” aus seinem Mund kam. Ich habe auch nie eine Zärtlichkeit von ihm gesehen. Er hat sie nie vor uns umarmt. Aber ich habe das Gefühl, dass sie ihn sicher liebt. Sie liebt ihn blind und gedankenlos, weil wie kann man jemanden wie ihn lieben. Angst ist das stärkste Gefühl und übertrifft die Liebe leicht. Angst räumt der Liebe keinen Platz. Angst gewinnt immer. Wenn Papa Mama wirklich lieben würde, würde er nie die Hand gegen sie erheben und sie nicht als Bauernmädchen, Idiotin, Dorftrottel beschimpfen, sie nicht dorthin wegschicken, woher sie gekommen ist. Ich frage mich, was er ohne sie machen würde? Es ist für ihn einfach bequem mit ihr, Mama ist wie eine Sklavin, seine private Dienerin. Sie tut alles für ihn und anstatt ihn. Sogar das Holz hackt sie mit einer schweren Axt und sie trägt Wasser aus dem Brunnen. Sie steht im Mist bis zu den Knien im Stall, während er daneben seine Tauben zählt. Er schaut in den Himmel. Er sieht sie nicht. Als ob sie aus dem Nebel wäre, ganz durchscheinend. Oder vielleicht ist sie nicht wert, dass er sie anschaut? Es spielt keine Rolle, ob die seine Frau gerade schwanger ist oder kleine Kinder hat, die weinen. Sie muss sich die Liebe vor allem durch ihre harte Arbeit verdienen. Während sie die Hühner, Enten füttert, den Mist aus dem Hühnerstall schaufelt, den Hof aufräumt, den immer wachsenden Garten bearbeitet, das Gras mit einer stumpfen Sense mäht, dann fliegt sie weiter nach Hause, um dem Herrn dienstbar zu sein, wenn er sich setzen möchte. Mama bittet ihn selten um Hilfe, und wenn sie ihn bittet , dann winselt sie wie eine hungrige Hündin an einer kurzen Leine. Manchmal wirft der gnädige Herr etwas zu ihr herüber, dann hüpft sie vor Freude um ihn herum wie ein Grashüpfer. Unsere Mama sagt uns, dass wir unseren Papa für sein gutes Herz lieben sollen, weil er das Brot für die Familie verdient und wir Dankbarkeit für ein Dach über dem Kopf haben sollen, weil das Haus und alles hier ihm gehören. Man muss ruhig und gefügig sein, Papa besänftigen, wenn er aus irgendeinem Grund schlechte Laune hat. Auf Zehenspitzen gehen, nicht ärgern, aus seinen Gedanken lesen, was er braucht. Diese Dankbarkeit gibt uns Kraft, zwingt zur Liebe nach unverständlichen Mustern. Demut und Respekt, wie es die Heilige Schrift lehrt. Obwohl ich mich zwingen möchte und gemäß dem vierten Gebot handeln möchte, das Herz ist jedoch kein Diener, hört überhaupt nicht zu, wehrt sich, schließt sich und verhärtet sich. Das passiert selten, aber manchmal hat Mama auch genug von allem. Meistens bricht alles, wenn Papa betrunken von nächtlichen Feiern auf dem Dorffest zurückkehrt. Dann beginnt das Kino, das Mama beginnt. Eine Flut von Anschuldigungen strömt aus ihr heraus. Alles, was sie sagt, ist nicht für unsere Ohren bestimmt. Wir tun so als wären wir schon am schlafen. Besser sollen wir nicht zeigen, dass wir in dieser Zeit überhaupt existieren. Sie erzählt von unserem Vater und fremden Frauen, Schlampen, die auf Männer springen. Schamlose Deutsche von seinen Reisen in die DDR, mit denen er sich im Arbeiterhotel herumgetrieben hat, anstatt Geld zu verdienen. Ich kneife die Augen vor Angst zusammen, und wilde Szenen spielen sich in meinem Kopf ab. Tänze, betatschte Frauen, das Jagdfieber nach aufgedonnerten Frauen, die sich vor unserem Vater ausbreiten. Ekelhaft. Es ist schwer, all dem zu glauben. Ich schäme mich so sehr, dass meine Wangen brennen. Es ist, als ob ich heimlich Filme für Erwachsene nach 20 Uhrsehen würde. Nachts wache ich von ihren Versöhnungsschreien und Liebesstönen auf. Und alles ist wieder vorbei. Am nächsten Tag ist Mama so süß, als ob sie etwas angestellt hätte und jetzt sie die ganze Schuld abtragen muss. Sie schleicht sich in seine Gnade. Frühstück, Tee mit Zucker, Hausschuhe von der Tür bereit für ihn gestellt, alles dienstbereit für den Ehemann. Sie beruhigt uns Kinder, weil Papa unter Kopfschmerzen leidet. So muss man dem Ehemann dienen. Schließlich hat man es bei der Hochzeit versprochen. Man muss das Wort halten, das man vor dem Altar gegeben hat. Entweder Mama liebt ihn sehr, oder sie ist blind wie ein Maulwurf in den verworrenen Gängen des Lebens unter der schweren, schwarzen Erde. Sie hat so lange kein Licht gesehen, dass sie nicht weiß, wie sie sich alleine ausgraben könnte, wie es ihr an die Oberfläche gelangen kann. Außerdem ist sie immer noch trächtig und sie kehrt brav wieder ins Nest zurück. Arme Mama… Unsere Mama, die Maulwurfin…

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