FÜR MEINE GROßELTERN
Es sind schon so viele Jahre vergangen, und doch leben wir immer noch mit einer geheimnisvollen Vergangenheit, einer Geschichte, über die so wenig gesprochen wird. Wir fragen, aber manchmal werden nur spärliche Geschichten erzählt. Das Leben war vor dem Krieg und ist nach dem Krieg. Aber was geschah in der sogenannten Zwischenzeit? Vor dem Krieg war es, ach, was los! In einem Land, das von Honig und Milch floss, das der Teufel in einem Moment ergriffen hat. Es gibt kein Zurück mehr. Ein Haus in der Ukraine, ganz in der Nähe des wunderschönen Lwow. Selbst die engste Familie wurde verboten, obwohl sie auf dem Territorium des Großen Bruders lebte. Menschenzüge um Paris herum und dann durch die halbe Welt. Ihr trefft euch alle hier, auf den ausgetretenen deutschen Pfaden, die von nun an euch, Polen, den Weg nach Hause weisen. Kann man dieses Haus jetzt ein Zuhause nennen? Lange Momente des Zweifels. Vielleicht kommen die Deutschen wieder in der Nacht, vielleicht werden sie euch hinauswerfen. Dann müsste man schnell alles nehmen, was in einen alten Koffer passt. Man vertraut niemandem, weder seinem Nächsten noch einem Fremden. Der Krieg verletzt euch immer noch, obwohl er euch angeblich das Leben geschenkt hat. Soll man dafür dankbar sein oder diese gnädige Stunde des Überlebens verfluchen?
Das Kriegsgeschehen verbindet eure Hände in unpassenden Ehen, nur damit der Blinde dem Lahmen helfen kann, die Hand zu geben und auf die andere Seite zu gehen. Ihr baut kalte Nester, denn eines Tages werdet ihr von hier sowieso wegfliegen müssen. Vielleicht kehrt man zurück in die Heimat, vielleicht kauft man dort ein anderes Haus oder man stopft nur die Löcher im alten. Vielleicht lässt sich das Dach neu decken, der Kamin retten. Alte Fenster erneuern, neue Schlösser in die Türen einbauen. Und der alte Schlüssel, dieVerbindung zur Vergangenheit, wird in einen tiefen Brunnen geworfen. Sauberes Wasser wird wieder in einer fröhlichen, reißenden Strömung fließen und euch, die ewigen Wanderer wiederbeleben. Müde Pilger… Arme, kleine Leute… Kleine und lächerliche Männchen, von der Geschichte desunglücklichen Europa gebeutelte Menschen.
Kalte Nester ohne weichen Flaum… Alle darin gelegten Eier sind von Kälte durchdrungen. Das erste Küken möchte schnell dieses Nest verlassen. Das zweite friert fast ein, das dritte fällt von einem hohen Baum und zerbricht unglücklich auf den Boden. Arm, kalt und es fehlt ihm an Liebe hier. Sie hat sich irgendwo auf dem Weg verirrt, ist einfach davon weggeflogen, vielleicht dorthin, wo sich die Wege von Ost und Westkreuzen… oder vielleicht während eines Kriegssturms verlor er komplett seinen Flugsinn.
Der Güterzug ist stehen geblieben und bewegt sich nicht weiter. Es ist Zeit auszusteigen, auch wenn das Zuhause noch so weit entfernt ist. Unerwünschte und unbekannte Erde, deutsch, fremd, furchtbar. Hier wird euer ewiger Halt sein, das Ende dieser verdammten Wanderung von Ort zu Ort. Das Ende der Hoffnung auf Rückkehr…
Es ist schwierig, in den neuen kalten Wänden die zu schnell abgekühlte erste Liebe wieder zu erwärmen. Ihr alle vergesst, was es bedeutet zu lieben. Sich selbst zu lieben ist ein Gefühl, das niemand von euch kennt und jemanden zu lieben… dazu reicht die Kraft nicht mehr aus. Aus Lieblosigkeit entstehen Kinder. Von Anfang an mit harter Hand gefüttert. Generationen, die von der Wiege an deutlich mit Härte und Gewalt gezeichnet sind.
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