Attraktivität

Nur der Spiegel sagt die ganze Wahrheit. Ich brauche keine anderen Worte, denn dort auf der anderen Seite sehe ich alles. Ich stehe da und betrachte mich mit Bedauern. Selbstmitleid mischt sich mit Ekel. Mit bösem Blick streife ich über meinen Bauch. Wampe. Ich bin fett. Fett und hässlich. Dazu noch picklig. Einfach nur Mist. Kein Wunder, dass kein Junge mich anschauen will und ich habe nicht einmal etwas Schönes anzuziehen. Mit Kleidung kann man natürliche Defizite ausgleichen. Zum Beispiel Agnieszka, Kaśka oder Aneta. Sie sind nicht gerade hübsch, aber wenn sie die Knöpfe ihrer Schuluniformen aufmachen, möchte jeder Junge mit ihnen tanzen. In den langen Pausen werden im Foyer Diskotheken veranstaltet und solche Mädchen wie sie können sich vor Verehrern kaum retten. Nach dem Unterricht kommen sogar Jungs aus der Landwirtschaftsschule wegen ihnen zu unserer Schule. Sie bleiben solange auf dem Schulhof, bis der Schulbus kommt. Kaśka trägt große Ohrringe, sehr modisch, Aneta färbt sich ihre Ponyhaare blond. Auf der Klassenfahrt habe ich mir auch ein paar Ohrringe gekauft. Türkisfarben, in Form eines Fächers oder eines Pfauenfeders, je nachdem, wie man sie betrachtet. Groß und glänzend, aber sie haben mich nur mit ihrer Schönheit überwältigt. Niemand hat sie an meinen Ohren bemerkt. Ich habe nicht gehört, dass sie mir stehen. Stattdessen haben mich fast alle Mädchen ausgelacht, als ich Schlumpfsticker darauf geklebt habe, um sie noch hübscher zu machen. Alle lachten sich tot. Sie hatten einen Spaß ohne Ende. Ich reiße die Aufkleber in der Pause nach der ersten Stunde ab und zerstöre dabei die Ohrringe. Die türkise Farbe blättert zusammen mit dem Kleber ab. Ich werfe sie in die Toilette, in der Hoffnung, dass man sich auch so einfach von dem Gefühl der Demütigung verabschieden könnte. Ich trage nie meine Schuluniform offen. Nicht einmal in den Pausen. Ich habe nichts Schönes darunter, worauf ich stolz sein könnte. Meine Kleider sind erbärmlich und arm, aber niemanden kümmert es, besonders nicht meinen Vater. Es gibt kein Geld für unnötige Ausgaben. Mama kauft nach dem Gehaltseingang einen billigen karierten Stoff. Schwarz-blau, damit es nicht auffällt, praktisch und schmutzabweisend. Wir gehen zur Schneiderin, um Hosen zu nähen. Frau K. berechnet, dass aus dem Stoff auch noch ein Rock genäht werden kann. Sogar ein ordentlicher, knielanger. In ein paar Tagen kann ich alles von ihr abholen. Ich trage diese beiden Kleider abwechselnd seit über einem halben Jahr. Aber meistens habe ich Hosen an. Sie passen besser zu meinen schweren, hässlichen Schuhen. Der Rock und diese Schuhe, die mein Vater selbst für mich ausgesucht hat und die ich tragen soll, sehen lächerlich aus. Außerdem besitze ich keine Winterstrumpfhosen und wenn es kalt ist, friere ich an den Beinen. Der Rock klebt an den dünnen Strumpfhosen. Er lädt sich elektrisch auf und rutscht bis zum halben Oberschenkel hoch. Ich fühle mich unbehaglich und quäle mich, ständig darauf zu achten, wie ich aussehe.
An Ostern bringen Mamas Bruder und seine Frau eine ganze Tasche mit reduzierter Kleidung mit, die sich bisher nicht in ihrem Laden verkauft hat. Mama und ich können uns jeweils einen etwas aussuchen. Wir nehmen ein Oberteil und einen Rock mit Gummizug. Dazu gibt es noch einen Gummigürtel mit einer Schnalle – einem Schmetterling. Für mich ist es einfach ein Wunder, der letzte Modeschrei. Ich wähle die schwarzen Klamotten mit weißen Punkten, Mama ähnliche, nur grün mit schwarzen Punkten. Wenn ich bis zum Ende des Schuljahres nicht noch mehr zunehme, werden sie zum Beginn des Gymnasiums wie angegossen passen. Außerdem beschließe ich, mir ein weißes Plastik-Haarband zu kaufen, das ich im Kiosk in M. gesehen habe. Außerdem könnte sich alles so einrichten, dass ich Ende August endlich eine dauerhafte Dauerwelle bekommen kann. Man nennt sie eine „feuchte Italienerin“. Davon träume ich schon lange. Ich habe sogar ein bisschen Geld gespart. Einen Teil habe ich von meiner Großmutter Jasia bekommen, den anderen Teil habe ich meinem Vater aus der Portmonee gestohlen. Er schlief so fest betrunken, dass er nicht bemerkte, als ihm das Geldbörse aus der Tasche fiel. Ich habe nur einen Geldschein herausgenommen, damit er es nicht merkt. Sonst hätte er uns wahrscheinlich alle umgebracht.
Ich stecke das Geld unter den Teppich in meinem Zimmer. In meiner kleinen Schatztruhe, im Tresor für wichtige Dinge. Damit niemand es findet. Dort bewahre ich auch Briefe von einem Priester auf, den ich auf einer Buspilgerreise kennengelernt habe und mit dem ich seit fast einem Jahr schreibe. Kazimierz Plebanek. Ich weine ihm schriftlich mein Unglück, dick zu sein, aus, manchmal schreibe ich auch, wie schlecht es mir nach einem weiteren Streit zu Hause geht. Niemand weiß, dass ich ihm alles erzähle. Eines Tages ist meine Mutter schneller als ich und zieht einen Brief aus dem Briefkasten. Als ich von der Schule zurückkomme und einen offenen Umschlag auf dem Küchentisch sehe, schlägt mein Herz wie verrückt, dass ich erwischt wurde. Zum Glück enthält der Brief nichts, was meine Eltern betrifft. Der Brief passiert die Zensur meines Vaters. Jeden weiteren Brief, bevor ich ihn öffne, muss ich ihm zeigen, um sicherzugehen, dass ich keine Dummheiten schreibe. Man weiß nie, was mir noch einfällt. Und ich soll nicht vergessen, ich darf nicht ins eigene Nest scheißen. Seitdem habe ich Angst, Kontakt mit dem Priester aufzunehmen. Pfarrer Plebanek schreibt mir noch zwei Mal, aber ich antworte ihm nie wieder. Wenn er nur wüsste, warum…

Unter dem Teppich verstecke ich auch meine erste richtige Damenbinde, die ich in Warschau bei einer Gastfamilie stehle, bei denen Kaśka K. und ich während eines Schulaustauschs übernachten. Sie haben so viele Binden in ihrem Badezimmer, dass ich ohne Bedenken eine mitnehme. Ich behalte diese Binde für später, wenn ich im Internat und in der neuen Schule bin. Ich habe meine Periode seit der siebten Klasse und leide seit einem Jahr darunter, weil sie sehr stark ist und zu Hause haben wir nur Zellstoff oder Watte zur Verfügung. Und das nicht immer in Reserve. Manchmal muss ich meine Tante darum bitten.

Solche Einlagen halten meinem Blutfluss nicht stand. In der Schule überflutet es mich oft und ich stehe den ganzen Tag nicht vom Stuhl auf, verbringe die Pausen sogar in meiner Schulbank. Ich schäme mich sehr, die Wahrheit zu sagen, wenn die Lehrerin fragt, warum ich nicht an die frische Luft gehe. Ich tue so, als würde ich lesen, aber in Wirklichkeit überlege ich, wie ich nach dem Unterricht zum Schulbus rennen kann, ohne dass jemand bemerkt, was mir passiert ist. Alle würden wahrscheinlich einen Spaß daraus machen. Die Kinder in meiner Klasse lieben es zu schikanieren, und wenn sie jemanden als Opfer auswählen, hat diese Person ein Problem. Besonders in den Pausen ist es schwer. Außer mir in der Klasse bleibt immer Romek K. Er hat Angst, auf dem Flur zu sein. Er ist extrem dick und alle machen sich über ihn lustig.

Unsere Klassenlehrerin setzt ihn neben mich im Unterricht, weil sie wohl weiß, dass ich ihm nichts antun werde. Romek ist so dick, dass seine Schuluniform fast platzt. Er hat dicke Finger und aufgedunsene Lippen. Seine Augen sind in schmale Schlitze eingebettet, die man kaum zwischen seiner Stirn und den geschwollenen Wangen sehen kann. Romek ist so hässlich und immer verschwitzt, dass ich mich ein wenig vor ihm ekle, und außerdem ist er kein guter Schüler. Er hat schlechte Noten. Oft flüstere ich ihm die Antworten zu, dass die Lehrerin ihn nicht anschreit, wenn er wieder nichts weißt. Sie nennt ihn „fette schwarze Masse“, wenn er ihre Fragen nicht richtig beantwortet.

Unglücklicherweise verliebt sich Romek gerade in mich und fängt an, mir Zettel zu schieben, in denen er mir seine Liebe gesteht. Ich gerate in Panik und fange wohl an, genauso zu schwitzen wie er, wenn ich unter meinem Heft eine neue Nachricht von Romek bemerke. Ich fürchte, dass alles ans Licht kommt und jemand uns erwischt. Dann lassen sie uns nicht in Ruhe. Ein solches Paar bedeutet nur Gelächter und Fingerzeigen in den Pausen. Dann könnte ich im Klassenraum immer sitzen, auch wenn mein Blut nicht fließt. Ich bitte Romek schriftlich, mich in Ruhe zu lassen, aber seine Zettel werden nur immer intensiver. Er bereitet sie wahrscheinlich zu Hause vor, denn bereits in der ersten Stunde entdecke ich seine lächerlichen Liebeserklärungen. Voller Fehler!

Eines Tages bittet er mich, uns unter der Treppe zu treffen, am Eingang zum Keller, wo uns sicher niemand bemerken wird. Er will mich küssen! Zuerst bin ich wütend auf ihn, dass er so unverschämt ist und was er sich einbildet. Aber dann denke ich, vielleicht werde ich die Gelegenheit nutzen und ihn bitten, sich einfach von mir fernzuhalten. Dass ich nichts mit ihm zu tun haben will. Ich werde ihm sagen, dass ich zur Lehrerin gehen und mich über ihn beschweren werde. Natürlich würde ich nie so weit gehen. Ich kenne unsere Lehrerin zu gut. Sie würde ihn vor der ganzen Klasse anschreien und dann würden alle von unserer Romanze erfahren, die es nie wirklich gegeben hat, aber in den Köpfen anderer entstehen würde! Sie würden uns auf den Fluren hinterher rufen: „Verlobtes Paar, Jacek und Barbara! Verlobtes Paar!!!“ Ich und der dicke, verschwitzte Romek. Ich beschließe, dem vorzubeugen, und stimme dem Treffen zu. Am nächsten Morgen warte ich auf ihn unter der Treppe, wie er mich gebeten hat. Ich bin vor ihm da, denn mein Schulbus kommt immer als erster von allen. Als ich seine Schritte im Flur höre, rast mein Herz. Ich habe genau überlegt, was ich ihm sagen werde. Plötzlich sehe ich ihn. Er kommt auf mich zu, verschwitzt. Feuchte Flecken unter den Achseln und auf dem Bauch, dort, wo sich seine fetten Falten verstecken. „Geh zum Teufel, verfluchter Fettsack!“, schreie ich nur hilflos und renne die Treppe hinauf, während er versucht, mich aufzuhalten.

Im Unterricht blicke ich aus dem Augenwinkel auf Romek. Rotes Gesicht, nasse Augen… Hat er sich wieder verschwitzt oder geweint?

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