Hoffnungslos hässliche Haare


„Du hast hoffnungslos hässliche Haare“, sagt Mama jeden Morgen, wenn sie mich kämmt. Ich will diese dummen Pferdeschwänze und die abscheulichen blauen Punktschleifen nicht! Ich nehme sie ab, sobald ich um die Ecke verschwinde und niemand mich mehr vom Fenster sehen kann. Verfluchte enge Gummis, ausgeschnitten aus einem alten Schlauch. Mein Kopf tut weh, wenn sie an meinen Haaren am Nacken ziehen. Warum habe ich keine Locken wie Krysia oder dicke Zöpfe wie die kleine Agnieszka? Oder noch besser, dicke blonde Haare bis zur Taille wie Patrycja? Mausgraue Strähnen. Und auch die Farbe ist mausgrau, fade. Hohe Stirn. Haare so gerade wie Drähte. Unfähig, sich selbst auf Lockenwicklern zu locken, sogar mit Hilfe von Papilloten. 

Im Winter muss ich immer eine dicke Mütze tragen. Ohne Mütze dürfen wir nicht aus dem Haus gehen und ich darf meine Haare morgens nicht waschen, weil ich Hirnhautentzündung bekommen könnte, so wie Paweł aus der Nachbarschaft. Als er krank wurde, war er noch klein. Er lag wochenlang bewusstlos da und als er aufwachte, war er nicht mehr derselbe wie vor der Krankheit. Er ist anders. Man sieht es sofort an seinem Gesicht, dass er anders ist und zur Sonderschule gehen muss, zu der er alleine mit dem Linienbus fährt. Jeder weiß, wohin er fährt, in welche Schule er geht. Zum Glück muss keiner von uns dorthin gehen. Wir wurden normal geboren. Obwohl mein Vater immer sagt, dass wir Deppen sind. Sieht man etwas an uns? Ich glaube nicht. Artur hat nur abstehende Ohren und Papa zieht immer an ihnen und schwört, sie ihm irgendwann abschneiden.

In unserem Dorf gibt es noch die behinderte Ulka. Man sieht wirklich, dass etwas mit ihr nicht stimmt, dass sie krank ist. Mama sagt, Ulka hat Mongolismus, ihr besonderes Merkmal sind ihre schrägen, kleinen Augen. Ulka lebt mit ihrem Vater zusammen – einem alten Mann mit grauen Haaren und nur einem Zahn, der seitlich aus seinem Mund herausragt. Ich fürchte mich sehr vor ihm, wahrscheinlich nur wegen dieses Zahns, denn eigentlich ist der Mann nicht böse. Ich habe gehört, wie meine Großmutter sagte, dass er zu alt war, um Kinder zu haben, genauso wie seine Frau, deshalb ist ihre Tochter behindert zur Welt gekommen. 

Ulka kommt jeden Tag zu uns und spielt mit uns im Hof. Wenn sie nicht kommt, ruft Mama sie, weil sie gut Artur im Auge behalten kann. In dieser Zeit kann Mama ihre Arbeit erledigen. Mama hat keine Angst davor, uns unter Ulkas Aufsicht zu lassen, denn Ulka folgt uns Schritt für Schritt, und Artur lässt sie sowieso nicht aus den Augen. Sobald Artur anfängt, Dummheiten zu machen, wird Ulka so laut, dass Mama sofort aus dem Fenster schaut und sieht, was im Hof passiert. Ulkas Stimme ist sehr hoch, und sie spricht einige Wörter lustig aus. Sie nennt Artur – Antur. Ulka hat Angst vor Hunden. Sie rennt sofort weg, wenn Hunde manchmal von der Kette sich befreien. Und sie geht auch nach Hause sofort, wenn die Sonne stark scheint, weil ihre Haut sehr weiß ist, genauso wie ihre Haare. Weiß wie bei einer Friedenstaube, obwohl Ulka nicht alt ist. Niemand weiß, wie alt sie wirklich ist. Sie selbst weiß es auch nicht. Ich habe sie schon oft gefragt, aber sie wird sofort nervös und schreit, also lasse ich sie in Ruhe.

Durch das Dorf geht manchmal auch der dumme Bobek. Bei ihm ist die Behinderung auch sehr deutlich zu erkennen. Echte Debilität angeblich. Und genauso wie bei Ulka kann ich sein Alter nicht bestimmen. Bobek lacht immer sehr dumm. Er zeigt seinen zahnlosen Mund. Nur die Überreste von zwei Eckzähnen ragen oben an den Seiten heraus. Er könnte in Horrorfilmen einen Vampir spielen. Ich habe Angst vor ihm, weil er immer einen Stock in der Hand hat, mit dem er andere bedroht. Ich renne nach Hause, wenn er auf der Straße auftaucht. Mama versichert mir, dass er niemals einem Kind etwas antun würde, aber ich bleibe lieber von ihm fern. Auch Bobek wurde so dumm geboren, weil seine Eltern zu alt für Kinder waren.

Bobeks Bruder ist mein Taufpate. Onkel Andrzej, Papas bester Freund aus Jugendzeit. Onkel Andrzej lebte lange in Österreich, wohin er mit seiner Frau geflohen war. Sie haben dort viel Geld verdient und sind jetzt keine Freunde meiner Eltern mehr. Mama und Papa sagen, sie seien abgehoben, weil sie reich sind. Vielleicht… Ich mag sie trotzdem. 

Aber Andrzej kann nicht mehr Papas bester Freund sein, denn er hat ihn nicht in Wien aufgenommen, als Papa auch versuchte, im Westen Geld zu verdienen. Er hat ihn ohne Unterkunft gelassen und Papa hat auf einer Parkbank geschlafen. Der Taufpate hatte angeblich zu wenig Platz in seiner Wohnung. Seitdem gibt es keine alte Freundschaft mehr und keinen gegenseitigen Besuch. Manchmal stehen sie einfach am Zaun und reden ein paar Worte. Aber das war es auch… Zu meiner Erstkommunion laden meine Eltern sie ein. Tradition. Der Taufpate und seine Frau holen mich mit ihrem silbernen Toyota ab. Wir fahren damit zur Kirche und ich fühle mich stolz und erleichtert, dass es nicht Papas alter, zerfallender Wagen Syrena ist. Ich bekomme Geschenke von ihnen, von denen jeder träumt: eine elektronische Uhr mit Armband, einen Taschenrechner mit Solarbatterie und einen Kugelschreiber mit Uhr und kleiner Batterie drin. Ich betrachte all diese drei Wunder so lange, bis ich sie meinem Vater geben muss. Alles landet in der Kommode, wo die Kinder keinen Zugang haben. Von diesem Moment an darf ich diese Sachen nicht mehr berühren, weil sie zu teuer sind und ich sie kaputt machen könnte. Mama trägt meine Uhr. Papa muss sie überzeugen, sie anzulegen, genauso wie den goldenen Fingerring, den sie nicht mag. Der Taschenrechner und der Stift mit Uhr landen bei ihm und dienen ihm viele Jahre lang. All das Geld, das ich von den Kommunionsgästen gesammelt habe, muss ich bis auf den letzten Groschen zurückgeben. Ich habe Angst, mir heimlich ein paar Zloty für ein Eis im Laden zu lassen. Nur das Tagebuch mit einem Schlüssel, mit weißen dicken Seiten, auf denen ich meine Gedanken aufschreiben könnte, darf ich behalten. Niemanden interessiert so etwas. Ich verstecke es tief unter dem Bett, wo niemand hinschaut. Und obwohl ich in all den Jahren, die ich zu Hause gelebt habe, fast jeden Tag versucht habe, wenigstens einen kleinen Eintrag zu machen, schreibe ich nichts auf. Ich habe Angst, dass mein Tagebuch trotzdem jemandem in die Hände gerät und es großen Ärger gibt, vielleicht sogar Schläge für jedes unerlaubte Wort. Ich behalte meine Gedanken im Kopf, ordne sie in Sätze, bewahre meine Überlegungen für die besten Jahre auf. Ich verliere die Hoffnung nicht, dass eines Tages Freiheit in meinem Leben herrschen wird, dass die Angst verschwinden wird, dass ich keine Angst haben werde, dass mein Vater mich schlägt, wenn er alles erfährt, was mich bewegt. Ich weiß, dass er alles lesen würde, genauso wie Mama in mein Tagebuch schnüffeln würde. Ich sehe mit meiner fast wahren Vorstellungskraft, wie sie abends, wenn sie denkt, dass ich schlafe, meine Sachen durchwühlt. Dann berichtet sie dem Vater alles, wie sie es immer tut. Sie erzählt ihm sogar meine anvertrauten Geheimnisse. Sie hält zu ihm. Ich verstehe nicht, wie sie ihn so lieben kann. Was verbindet sie, werde ich nie verstehen, denn wenn man sie von außen betrachtet, schließen sich zu viele Dinge aus. Tagsüber schreit er sie an, beleidigt sie vulgär, und nachts schlafen sie in einem engen Bett, eng umschlungen wie Liebende. Ich träume oft davon, dass sie von ihm weggeht. Wir würden zu Oma und Opa ziehen. In einem Moment großer Krise zwischen den Eltern schlägt Opa sogar vor, dass wir den oberen Teil des Hauses für uns beanspruchen könnten. Ich höre diese Worte, und mein Herz möchte vor Freude platzen. In Gedanken stelle ich schon die Möbel im neuen Zimmer auf, verändere die Betten, plane ein neues Leben in meinem alten Zuhause. Dort fühle ich mich geborgen, dort ist es ruhig und sicher. Ich löchere Mama mit Fragen bis spät in die Nacht. Wann endlich? Wann gehst du endlich weg von Papa? Bitte! Aber sie schweigt. Am nächsten Tag, als sie von der Arbeit zurückkommt, stehe ich am Zaun und warte auf sie. Es ist eine gute Gelegenheit, sie wieder danach zu fragen. Papa ist nicht zu Hause. Mama steigt vom Fahrrad ab, und dann fällt mir auf, dass ihr Bauch irgendwie seltsam ist. Abgerundet, größer. Ihr Gesicht, ihre Arme, ihre Beine sind schlank, also warum hat sie so seltsam zugenommen? Ich frage sie, von einem komischen Gefühl getrieben, was das bedeutet. „Du wirst ein Geschwisterchen bekommen“, sagt sie nur und schiebt das Fahrrad in die Scheune. Als ob diese Nachricht so gewöhnlich wäre wie ein Stück Butterbrot. Ich stehe wie gelähmt da und versuche nicht zu weinen. Mir wird sofort klar, dass es keinen Umzug geben wird. Ich bin wütend auf sie. Wut überkommt mich, und am liebsten würde ich sie mit Fäusten angreifen, so enttäuscht bin ich von ihrer Dummheit und ihrer Unterwerfung, mit der sie sich knechten, erniedrigen und ihrer letzten Ehre berauben lässt. Wie eine Sklavin, eine Geliebte ist sie nicht! Sie lässt alles mit sich machen und zwingt uns dazu, uns auch zu unterwerfen. Wie konnte sie das zulassen, warum diese Schwangerschaft? Und dann auch noch so spät! Sie sind schon zu alt für ein weiteres Kind. Sehen sie nicht Ulka, Bobek, Paweł? Was passiert, wenn bei uns SO jemand geboren wird? Wer wird sich um ihn kümmern? Sicher nicht Papa! Sie und ich, wir beide kümmern. Ich mache sowieso die ganze Zeit alles mit Artur und Tomek. Ich holen sie von der Schule und dem Kindergarten ab, als wäre ich ihre Mutter und nicht ihre ältere Schwester. Wenn ihnen etwas passieren würde, würde mein Kopf zuerst rollen. Ich möchte von hier weg. Bis ans Ende der Welt. Und noch weiter. Mich um niemanden sorgen müssen. Mein eigenes Leben leben, in Ruhe, ohne Angst, ohne Scham. Einfach sein wie alle anderen, unbeschwert Spaß haben und Freundinnen einladen. Ist das zu viel, wovon ein Kind träumen kann?

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