Enten

Eine vereiste Fensterscheibe im Küchenfenster versperrt mir die Sicht auf die ganze Welt. Es war sehr kalt nachts und der Frost hat sich besonders ausgezeichnet. Eisblumen und Eisfarnblättern schmücken die Scheibe, ähnlich denen, die ich im Herbst im Wald in der Nähe unseres Dorfes gesehen habe, wo meine Mutter und ich Pilze sammelten. Ich hauche gegen die Fensterscheibe, obwohl es mir ein wenig leid tut, dass die schönsten Winterbilder gleich dahinschmelzen werden, sobald meine Atemwärme sie berührt. Sanft reibe ich mit meinem Finger die einzelnen Blumen ab, um ihnen gleichermaßen Wärme zu spenden, damit jede von ihnen gerecht aus dieser Welt verschwinden kann, denn Gerechtigkeit sollte auch unter den leblosen Dingen herrschen.
Ich habe so viele Punkte auf die Scheibe gemalt, dass ich langsam die Umrisse einiger Gegenstände im Hof erkennen kann. Der Baumstumpf meines Großvaters, auf dem er immer sitzt und die Tauben beobachtet, während er seine künstliche Kiefer auf sehr lustige Weise vor- und zurückbewegt. Dabei sieht er aus wie sein mageres Pferd, das er mit einem dicken Stock in den Stall treibt, wenn er schlechte Laune hat. Den Baumstumpf auf unserer Seite sehe ich auch. Mein Vater setzt sich nicht darauf, obwohl er genauso gerne wie sein Vater den Dachscheißern zuschaut. Er sitzt auf meinem Kinderstuhl, den mir mein anderer Großvater geschenkt hat, den ich liebe. Ich kann nie auf meinem eigenen Stuhl sitzen, obwohl es mein Geschenk war aber mein Vater hat ihn sich angeeignet. Wie alles andere, was wir von anderen bekommen. Vor allem das Geld nimmt er sofort. Er beobachtet uns genau an Geburtstagen bei Oma oder bei Ur-Großvater. Er schaut, ob jemand uns etwas in die Hand steckt und wenn jemand es tut, reicht es aus, dass er uns kalt ansieht. Sofort rennen wir auf ihn zu, um ein paar Münzen oder einen begehrten bunten Geldschein für immer bei ihm aufzubewahren. Er sagt dann laut in Anwesenheit von Verwandten, dass es besser wäre, wenn er unser Geld versteckt, weil wir es sonst im Hof verlieren würden. Und dann wird er uns Süßigkeiten kaufen, sobald er zum Laden fährt. Er kauft nie. Und wir bitten auch nicht. In meinem Inneren fluche ich leise über ihn wegen dieser Betrügereien.

Unser Baumstumpf im Hof ist schief, weil er schräg abgeschnitten wurde und mein Vater ihn nicht verbesserte. Er verbessert nie etwas, selbst wenn ihn sein eigenes Versagen ärgert. Vielleicht ist es sogar besser, dass er sich nicht um solche Arbeiten kümmert, wenn ihm sowieso nichts gelingt. Wenn er es verbessern versuchen würde und die Situation sich nur verschlimmert hätte, wäre er wahrscheinlich wütend geworden und hätte uns in seine Hände genommen, die nur zum Schlagen sehr geschickt sind.

Am Samstag, wenn er eine Ente zum Mittagessen schlachtet, legt er ihren Kopf schief auf den schiefen Baumstumpf. Beim ersten Mal springt der Vogel immer weg und die Axt verfehlt ihr Ziel. Sein Ärger spiegelt sich dann in seinem Gesicht wider, das rot wird, ähnlich wie die ersten Tropfen Blut beim missglückten Schlag gegen die Entenhals. Beim zweiten Mal spritzt dunkles Blut wie aus einem Springbrunnen. Ich sehe dann all die Ader und andere Röhrchen, die aus dem offenen Hals der Ente ragen, und mir wird jedes Mal schlecht. Der abgetrennte Kopf des Vogels fällt zu seinen Füßen. Er wirft das getötete Tier daneben und reinigt die bespritzte Axt mit einem Lumpen. Der Körper des Vogels ist immer noch voller Leben. Seine Energie ist noch nicht ganz verflogen und der Vogel zappelt wie in Krämpfen während eines Epilepsieanfalls. Mit seinem schweren Fuß, der in schmutzigen Gummistiefeln steckt, tritt mein Vater auf die Flügel des Vogels, um seine chaotische Bewegungen zu stoppen. Ein Flügel scheint von dem schweren Tritt gebrochen zu sein und liegt regungslos da, aber der andere flattert weiter, als ob die Ente plötzlich daran erinnert würde, dass sie fliegen kann und dass sie vielleicht auf diesem Weg dem Tod entkommen kann. Ich beobachte mit pochendem Herzen die Krämpfe des Vogels und fürchte mich vor dem Tod. Wenn ich sterben müsste, würde ich schnell und schmerzlos sterben wollen. Ich weiß, dass wir in der Kirche anders beten. Wir singen: „Vor plötzlichem und unerwartetem Tod, erlöse uns, Herr!“ Ich singe auch mit. Aber ich denke ganz anderes. Es passiert oft, dass ich anders denke als ich handle und anders handle als ich denke. Ich gebe mich nach außen als jemand aus, die nicht dieselbe ist wie diejenige, die in mir drin ist. Diejenige in mir drin ist manchmal sehr unartig. Sie flucht, ärgert sich und stampft mit dem Fuß und zeigt den Erwachsenen ihre lange Zunge. Ich muss diese Person gut verstecken, sonst würde ich oft Schläge bekommen, genau wie Artur. Er ist noch klein und dumm, sagt Mama, aber ich denke, er kann einfach nicht den inneren Artur überzeugen, ruhig zu sein. Ich diskutiere viel mit meinem ICH. So lange, bis es versteht und sich beruhigt oder einschläft. Eigentlich weiß ich nicht, ob es dann Ruhe ist oder eine Art Ohnmacht, oder vielleicht einfach nur Angst siegt. Also ist es besser, alles zu verschlafen. Vielleicht fürchtet sich mein inneres ICH vor meinem Vater genauso wie ich, vor seinem Geschrei und seiner harten Hand. Es fürchtet sich vor seinem Blick, ganz zu schweigen von Schlägen, dem Klang seines Autos, mit dem er zur Arbeit fährt. Sogar das Geräusch seiner Schritte auf der Treppe ist furchterregend. Unter seinen Füßen knarren die einzelnen Stufen so laut, dass sofort klar ist, dass er es ist, der gerade geht. Die Stufen warnen uns, dass wir still sein sollen, uns in die Ecke verkriechen sollen, uns gerade auf das Sofa setzen sollen und nicht dumm lachen sollen. Am besten ist es, dann am Tisch zu sitzen und Hausaufgaben zu machen. Das Heft auf der Seite öffnen, auf der eine gute Note zu sehen ist. Gott bewahre, dass etwas durchgestrichen oder mit einem Radiergummi weggewischt wird! Meinem Vater gefällt es auch sehr, wenn wir einen Lappen in der Hand halten und die Wohnung putzten. Man wischt den Staub ab, sammelt Krümel vom Teppich. Immer mit dem Kopf nach unten, wie in einer höfflichen Verbeugung. Eine sichere Position.

Vor dem unrasierten Gesicht meines Vaters habe ich auch Angst. Das ist nämlich ein Zeichen dafür, dass seine schlechte Laune ihn so lange quälen wird, bis er jemanden verprügelt hat oder der halbwegs vorhandene Bart schließlich verschwindet. Wir beide, Artur und ich, sind uns einig, dass der lange Bart ihm Weichheit verleiht. Zumindest wirkt er ein bisschen sanfter. Mit dem Schnurrbart ist es anders. Ein kurzer Schnurrbart kündigt häufige Schläge an, und ein langer Schnurrbart – endend am Unterkiefer – bedeutet, dass auch Mama in Gefahr geraten wird.

Mein kleiner Stuhl steht zwischen den Baumstümpfen auf dem Hof. Genau an der Grenze der Höfe. Unsere Höfe teilen wir in drei Teile auf. Einer gehört uns, der andere meiner Großmutter, Tante Krystyna und meiner Cousine Agnieszka, und der dritte, mit den strategischen Orten, mit der Garage, dem Schrottplatz und dem Stall, gehört meinem Großvater. Auch dieses Stück, durch das man gehen muss, wenn man in den Garten gehen will, um Johannisbeeren oder Stachelbeeren zu pflücken, wird von meinem Großvater verwaltet. Wie ein Streckenwärter überwacht er unsere Bewegungen im Garten und das illegale Abpflücken von Obststräuchern. Im Garten herrscht strenge Reglementierung. Denn fast alles, was dort wächst, wird von meinem Großvater gepflückt und auf dem Wochenmarkt verkauft. Selbst saure Äpfel und kleine, harte Birnen, die keiner von uns anrührt.

Mama hat wahrscheinlich mein Hocker vergessen, als sie die Ente draußen rupfte, die mein Vater geschlachtet hat. Sie benutzt mein Stühlchen auch von Zeit zu Zeit, besonders wenn es darum geht, im Küchenwinkel Kartoffeln zu schälen. Alle Frauen in unserer Familie schälen Kartoffeln in der Küchenecke, als ob es eine beschämende Tätigkeit wäre und man sich vor den Blicken des Ehemannes, der Kinder und Enkelkinder verstecken müsste. Selbst wenn ich mit meinem Großvater meine Ur-Großmutter besuche, sitzt sie auch, eine schon sehr alte Frau, zwischen dem Schrank und dem Eimer für Schalen und schält unbemerkbar und still. Meine Ur-Großmutter schält Kartoffeln wie eine Maschine. Ein kleines Messer mit einem hölzernen Griff gleitet durch ihre Hände. Sie sind sehr rau, gezeichnet durch harte Arbeit. Sie schält Kartoffel um Kartoffel und schaut nicht einmal auf ihre Finger, aber ich schaue voller Bewunderung auf sie und träume davon, auch einmal Kartoffeln so zu schälen wie mein Ur-Großmutter. Sie kann mehrere Dinge gleichzeitig machen und nimmt an dem Gespräch teil, das am Küchentisch stattfindet. Schon vor dem Mittagessen spielen alle außer Ur-Großmutter Karten. „Tausender“. Ein Familienritual, das mit Wodka begossen wird. Bevor es Mittag wird, endet die erste Runde und die erste Flasche Wodka ist leer. Die Kartoffeln in einem Aluminiumtopf sind auch fertig, und die Ur-Großmutter hackt geschickt Petersilie, denn ohne sie kommt kein Mittagessen aus. Dazu gibt es Entenfleisch. Natürlich von den französischen Enten. Französische Enten sind viel besser als alle anderen, erklärte mir meine Großmutter einmal. Alles, was aus Frankreich kommt, ist besser. Die ganze Familie mütterlicherseits stammt aus Frankreich und ich kann wirklich sagen, dass meine Großmutter in dieser Hinsicht recht hatte, dass das Französische qualitativ weit über dem liegt, was aus dem Osten kommt. Mir wird übel, wenn ich das Fleisch auf meinem Teller sehe, vor allem die Haut, aus der noch nicht vollständig ausgebrannte Federn herausstehen. Ich esse kein Fleisch, weil es mir nicht schmeckt und lege meinem Großvater mein Stück auf seinen Teller. Bei ihm kann ich das machen. Er erlaubt mir alles. Mein Großvater, der Fleisch liebt, freut sich, als er die Entenkeule sah. Er knabbert sie Stück für Stück ab, und selbst das Knochenmark saugt er aus den größeren Knochen. Einfach ekelhaft!

Ich mag Enten nicht auf dem Teller und ich mag sie nicht, wenn ich im Hof bin. Der Enterich macht mir Angst. Ein aggressives Männchen. Wie alle Männchen auf der Welt in der Fortpflanzungszeit. Mein Vater hat ihn vom Markt mitgebracht, um Enten zu züchten. Ich weiß nicht, wofür. Wir haben schon so viele Vögel und dazu noch Arbeit. Aber wir haben kein Getreide, um sie im Winter zu füttern. Mein Vater sät immer etwas Getreide für die Vögel. Wenn die Frostperioden beginnen und Holz gekauft werden muss, verkauft er diese wenigen Säcke minderwertigen Weizens. Auf unserem Brachland will nichts wachsen. Danach geht er zu den Nachbarn, um ein wenig Korn auszuleihen. Er wird es zurückgeben, wenn er im nächsten Jahr erntet. Aber er gibt nie zurück. Er schickt uns, um weiter zu betteln, wenn die Frostperioden länger dauern, manchmal bis Ende März und das Gras wächst immer noch nicht, aber das Futter muss für die Tiere ständig vorhanden sein. Wir schlachten nicht das gesamte Geflügel vor dem Winter. Aber wir könnten, wie bei meiner Großmutter. Sie verzichtet auf ihre Zucht in den Wintermonaten. Meine Großmutter hat jedoch einen Gefrierschrank, in dem sie portioniertes Entenfleisch aufbewahrt. Wir haben keinen Gefrierschrank. Es gibt kein Geld für solche Ausgaben und keinen Platz für ein weiteres Gerät in der engen Wohnung. Mein Vater macht sich über meine Großmutter lustig, dass sie einen Gefrierschrank gekauft hat. Er verbraucht doch so viel Strom. Ich weiß, dass er sich nur aus Neid über sie lustig macht. Er macht das immer, wenn er gerne so sein möchte wie andere, aber er nicht kann oder er sich nicht leisten kann. Mama träumt bestimmt von solchen Geräten. Wie von einem eigenem Staubsauger. Wir leihen ständig von meiner Tante einen aus. Unser ging in den letzten Wochen laut wie ein Panzer und explodierte. Eine große Staubwolke nahm uns Atem und Sicht. Es war zu erahnen. Er donnerte jeden Samstag schon monatelang. Mama bat meinen Vater, den Staubsauger zur Reparatur in die Stadt zu bringen, bevor er ganz kaputt geht. Mein Vater hört ihr nie zu. Eine Frau hat nie recht. Er weiß es immer besser. Außerdem muss er nicht staubsaugen. Seine Ohren tun nicht weh vom Lärm. Nach der Explosion schimpfte er natürlich auf uns, dass wir uns um nichts kümmern und dass alles, was wir anfassen, uns unter den Fingern zerfällt. Er schwor, nie wieder etwas für das Haushalt zu kaufen. Mal sehen, was er sagt, wenn der Fernseher ausfällt. Auch die Kiste gibt langsam den Geist auf. Das Bildschirm flackert. Die Situation ist abends sehr angespannt, besonders wenn Fußball läuft. Mein Vater schlägt mit der Faust gegen das Gehäuse und der Fernseher gibt für ein paar Minuten nach. Manchmal hält er bis zur Halbzeit ohne zu flackern. Dann wird er ausgesteckt, damit er sich ausruhen kann. Die zweite Hälfte endet oft mit einem großen Fragezeichen und dann geht es sowohl uns als auch den Tieren schwer. Uns trifft einfach seine Frustration.

Manchmal denke ich, dass es meinem Vater gelungen ist, uns eine erstaunliche Vorahnungsfähigkeit beizubringen. Eine Art vom tierischen Instinkt. Oder sogar noch etwas Höheres. Wir verstehen ihn nämlich besser als die Haustiere. Hunde drängen sich ihm zwischen die Beine und kassieren einen ordentlichen Tritt. Enten und Hühner verstummen nicht, wenn er wütend ist. Sie gackern und schnattern weiter, bis auch ihnen etwas schlimmes passiert. Wir Kinder haben eine großartige Beobachtungsgabe. Wir interpretieren seine Gesichtsausdrücke und seine Blicke. Deshalb gelingt es uns wahrscheinlich, ohne größere körperliche Verletzungen zu überleben. An die einfachen Schläge und Prügel gewöhnen wir uns im Laufe der Zeit. „Es wird brennen, es wird wehtun und dann wird es auch irgendwann aufhören“, sagt Mama. „Das ist eure Lehre.“ Ja, eine Lehre… Für unser ganzes Leben.

Dodaj komentarz