Streichhölzer

Eine magische Schachtel, nicht für unsere kindlichen Finger bestimmt. Kleine Stäbchen mit grünen Köpfen aus Schwefel. Wenn wir den Köpfchen an der rauen Fläche der braunen Schachtelseite reiben, entsteht helle, warme Flamme. Das Streichholz verbrennt schnell. Man muss vorsichtig mit dem Feuer umgehen. Die Streichhölzer liegen ordentlich, wie Besteck in der Schublade. Die Streichholzschachtel ist wie eine kleine Schublade. Ein kleines Bett. Das leere Streichholzschachtelchen lege ich mit Watte aus. Weiße, flauschige und nach steriler Sauberkeit duftende Watte. Ich stehle sie aus der Plastiktüte. Sie liegt im Schrank über dem Kühlschrank. Um dorthin zu gelangen, muss ich auf einen Hocker steigen. Mama benutzt Watte sehr sparsam. Wenn sie den Leuten im Dorf Spritzen gibt, taucht sie die Watte im Spiritus ein, der in einer kleinen Flasche ist. Der Spiritus steht in dem Schrank im Wohnzimmer, dort wo alles hingelegt wird, was teuer ist. Wenn es eine Krise gibt und in den Apotheken kein Spiritus mehr erhältlich ist, verwendet Mama Wasserstoffperoxid. Das desinfiziert auch. Und Mama verwendet Watte, wenn ihr Blut fließt. Ich weiß davon, etwa einmal im Monat hat sie das. Aber Mama weiß nicht, dass ich es weiß. Wahrscheinlich will sie auch nicht, dass ich es weiß, also frage ich Oma all diese Fragen über Blut und Watte. Sie meidet solche Themen nicht. Aus dem Streichholzschachtelchen und der Watte bereite ich ein Bettchen vor. Als ob ich manchmal dieses kleine Däumelinchen finden würde, von dem ich in den Andersen-Märchen so gerne lese. Ich liebe seine Märchen. Sie sind sehr traurig und ich mag Traurigkeit. Ich mag Melancholie, Nachdenklichkeit und Stille. Dann höre ich meine Gedanken besser. Denn sie sind auch sehr oft traurig. Wenn ich jemandem von dem erzählen müsste, was ich denke, müsste dieser jemand wahrscheinlich weinen. Oder er würde mir einfach nicht zuhören wollen. Also behalte ich meine Gedanken in meinem Kopf für später. Vielleicht treffe ich eines Tages jemanden, der meinen Gedanken zuhört. Und wenn nicht, dann werde ich sie aufschreiben und es wird ein Tagebuch für mein kleines Mädchen entstehen. So klein wie Däumelinchen. Ich werde ihr Seite für Seite vorlesen, denn ich kann nicht singen. Eigentlich hat uns niemand jemals ein Wiegenlied gesungen. Manchmal sehe ich in Filmen, wie Mütter nachts über die Wiege gebeugt sind und traurige Lieder singen. Unsere Mama singt nicht. Obwohl sie manchmal erzählt, dass sie im Chor gesungen hat, als sie in der Krankenschwester-Schule war. Mama mit einer schwarz-weißen Haube auf dem Bild. Eine Krankenschwester. Völlig anders. Lächelnd und in Gesellschaft von Freundinnen. Zu Hause ist Mama immer konzentriert. Meistens bei der Arbeit. Aber ich erinnere mich daran, dass Mama, als ich klein war, manchmal alles stehen und liegen ließ und mit uns solche Dinge gezaubert hat, die sonst niemand hatte. Und niemand konnte sich mit einer solchen Mama rühmen. Wir haben verschiedene Werke geschaffen. Zum Beispiel haben wir leere Streichholzschachteln gesammelt, zehn oder mehr, für einen kleinen Schrank mit Schubladen. Allein das Warten auf die Sammlung der richtigen Anzahl von Schachteln war Teil des wunderbaren Ereignisses. Schachtel für Schachtel klebte man mit Kleber. Mama half mir, den Schrank sehr ordentlich zu basteln. Sonst hätte ich alles mit auslaufendem Arabischen Gummi verschmutzt, denn anderen Kleber gibt es nicht im Dorfladen. Der Gummi ist gelb und schwer zu handhaben. Er fleckt und hinterlässt Spuren, die man nicht mehr entfernen kann, daher griff Mama sofort ein. Mama kann am besten mit allem umgehen und hat Geduld mit einem kleinen Kind. Sie hat auch aus buntem Papier perfekt passende Stücke zum Dekorieren der Schrankwände ausgeschnitten. Und jedes Stück in einer anderen Farbe! Wie hübsch! Die schönste aller Schränke sagt die Lehrerin und lobt mein Werk, wenn wir irgendwann ein Schränkchen für die Schule machen. Ich sage nichts, dass es nicht meine Arbeit ist. Ich mag es nämlich gelobt zu werden und ich mag es, die Beste zu sein. Aus Streichhölzern, Eicheln und Kastanien kann Mama auch die lustigsten Figuren zaubern. Mit einem Kastanienbohrer bohrt sie tief in eine Nuss, steckt die Schale auf das Köpfchen des Herbstnarrs. Und Mama kann auch am besten malen. Und zählen? Besser als ich und sogar als Papa! Sie setzt schöne, geformte Buchstaben sehr schnell auf Papier. Ohne Fehler, Durchstreichungen, mit einer sicheren Hand. Papa gibt ihr immer Anweisungen zum Schreiben Verfassen oder zum Zählen von Ausgaben. Sie ist einfach klüger als er. Das Einzige, was ich nicht mag, ist, wenn sie mir Mathematik erklärt, denn für mich ist alles so offensichtlich und für mich ist die Welt der Zahlen wie schwarze Magie. Ich verliere sofort den Überblick. Abgesehen von Mathematik bin ich in jedem Fach die Beste. Also passt mir das nicht, dass ich etwas nicht wissen kann und ich weiß nicht, wie ich meine Schwächen verbergen soll. Ich gleiche es mit einem freundlichen Lächeln aus. Jede Lehrerin mag mich und für Schmeichelei bekomme ich auch gute Noten. Erst wenn eine andere Lehrerin kommt, die uns nicht in diejenigen einteilt, die sie mag oder nicht mag, wird meine Schwäche in Mathematik noch offensichtlicher. Egal, wie lange ich mit Mama über Rechnungen sitze, es fällt mir nichts ein. Genauso wenig wie bei physikalischen Formeln, chemischen Abhandlungen und logischen Aufgaben. Mit mir stimmt etwas nicht. Das sehe ich und ich schäme mich furchtbar.

Dodaj komentarz