Wärme

Wärme ist flüchtig. Man wartet lange darauf. Sie entweicht zu schnell. Ich genieße das warme Handtuch, das Mama erwärmt hat, indem sie es auf den Stuhl neben den Ofen gehängt hat. Im Winter wärmt Mama immer die Handtücher und wickelt damit unsere Beine ein. Sonst könnten wir nicht einschlafen. Wir kamen sehr spät von Oma zurück, und die Wohnung war komplett ausgekühlt. Ich kroch unter die Decke, aber sie war schon feucht vor Kälte. Es dauert eine Ewigkeit, bis ich die angenehme Wärme spüre und endlich einschlafe. Die Kälte dringt durch und hinterlässt ihre Spuren an den Fenstern. Die Fenster sind alt und in den Ecken der Scheiben sind Risse, daher ist es für die Kälte ein leichtes Spiel, vom Hof hereinzukommen. Sie breitet sich aus. Mir entweicht Dampf aus dem Mund, wenn ich mich beschweren will, dass es mir kalt ist. Das Handtuch wärmt meine Füße. Es wird mir warm und angenehm. Seitdem tun mir die Waden nicht mehr so weh. Seit einiger Zeit plagt mich das sehr. Mama sagt, dass es daran liegt, dass ich wachse, und deshalb tut es weh. Vielleicht. Ich weiß nicht, ob ich weiter wachsen will, wenn es so schmerzhaft ist. Ich bitte Mama um ein weiteres Handtuch für den Kopf. Ich berühre meine Haare, die kühl und dadurch glitschig sind. Bei Oma schlafen wir mit Mützen auf dem Kopf in ihrem kalten Schlafzimmer. Oma sagt, dass die Wärme am meisten über den Kopf entweicht. Papa erlaubt uns nicht, Mützen im Bett zu tragen. Warum? Ich weiß es nicht. Ich vermute, er möchte nicht, dass die Sitten von Oma im Haus herrschen. Mama verspricht mir, dass ich bald warm werde und schnell einschlafe. Ich solle Schafe zählen, sagt sie, denn das hilft gegen Schlaflosigkeit. Aber mir fehlen Omas Gutenachtgeschichten und ihre Stimme. Ich schließe die Augen und erzähle mir selbst Geschichten. Meistens über Liebe. Dass ich so schön bin und dass mich jemand sehr liebt. Dann nimmt er mich mit ans andere Ende der Welt. Aber ich gehe nicht mit ihm in irgendein Schloss. Ich spiele nicht gerne Prinzessin. Mein Haus ist klein, ordentlich und verborgen. Ganz aus Holz, mit einem Kamin. Im Kamin lodert das Feuer, das bedeutet, dass ich immer Wärme habe. Und Sauberkeit. Wenn ich aufräume, macht niemand wieder Unordnung. In den Vasen stehen Wiesen- Blumen. Ich gehe über die Felder und sammle von Hand Kamillen, Kornblumen und Mohnblumen von flüchtiger Schönheit. Ich schmücke damit Fensterbänke, Tisch und Schrank. Dann setze ich mich ans Fenster in der Küche, das weit geöffnet ist, um die Sonne hereinzulassen. Ich strecke mein Gesicht in die goldenen Strahlen, durstig nach der warmen Sonne nach einem langen Winter und einem kalten Frühling. Geschlossene Augenlider. Offene Ohren für den leichten Wind und das Rascheln der Blätter. Ich glaube, ich schlafe ein. Am Morgen wache ich wieder in einem kalten Zimmer auf, weil der Ofen in der Nacht ausgegangen ist. Die Eltern schlafen noch. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, und liege da, während sich die Zeit in der Dunkelheit dehnt. Man darf kein Licht anschalten, solange Mama und Papa noch nicht aus dem Bett sind. Ich nehme ein Buch und blättere darin, aber es ist zu dunkel für meine Augen und zu kalt, um die Finger unter der Decke hervorzustrecken. Ich höre den Geräuschen draußen zu. Auch sie können verraten, wie spät es ist, wenn man gut hinhört. Zuerst die Hühner, dann die Störche auf dem Schlossturm. Der erste kläffende Hund. Das Pfeifen von Herrn Jurek, der nach Wodka dürstet. Der Laden öffnet um sieben, also geht er schon einkaufen. Mama wird bald aufstehen und mich auch zum Brot- und Milchkauf schicken. Ich vergrabe meine Hände tief unter der Decke, ich spüre die Kälte auf meinen warmen Oberschenkeln. Ich liege da, es ist angenehm und immer noch ruhig. Ich liebe die Stille und die Ruhe. Sie gehören zu den seltenen Momenten in unserem Haus. Schreie, Weinen, Schlagen und vulgäre Streitereien sind hier die häufigste Musik. Ich flüchte oft in den Garten vor dem ganzen Trubel. Wenn es warm wird, nehme ich eine Decke und breite sie unter einem Baum aus. Ich liege in der Sonne und genieße die Wärme, atme den Duft des lang ersehnten Frühlings und des zu kurzen Sommers ein. Ich spüre die Süße von Löwenzahn und Raps. Ich schaue auf die wunderschönen Apfelbäume, die Blütenblätter wie Schnee fallen lassen. Das Klappern der Störche. Das Summen der fetten Hummeln. Das Kitzeln des Grases in den Haaren. Wärme… Angenehm und ruhig. Ich schlafe wieder ein… Ich wünschte, ich könnte für immer so schlafen.

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