Chip

Gestern Abend war ich bei Freunden zum Grillen. Fleisch vom kultigen Metzger in Hessen wurde serviert – nur das Beste. Heutzutage sollte man jedoch eher auf Fleisch verzichten, wegen des Klimas. Es ist auch nicht cool. Man kann googeln, welche Folgen der Fleischkonsum für das Klima hat. Und die armen Tiere kommen auch noch dazu. Aber die Tiere von der Metzgerei werden nicht gequält. Keine langen Transportwege, alles regional, auch das Futter. Kein Soja, keine Hormonspritzen. Man macht sich schon Gedanken. Trotzdem gab es Steaks. Dazu Wein – zu einem fast sommerlichen, lauschigen Abend passt am besten Grauburgunder oder Riesling. Ach nein, wir hatten auch noch einen schönen, leichten Rosé aus dem Italienurlaub mitgebracht. Vielleicht passt er noch besser dazu, besonders wenn die Kerze am Terrassentisch nach Capri-Duft riecht. Im Korb schlummerte ein Hund der Schwiegermutter, den sie wegen einer Armverletzung nicht alleine versorgen kann. Der arme Hund, bereits ein traumatisiertes Wesen. Gut, dass man ihn aus Ungarn nach Deutschland gebracht hat. Hier hat er ein liebevolles Zuhause gefunden. Man kümmert sich um ihn, schlägt ihn nicht, gibt ihm Essen, streichelt ihn. Der wuschelige Hund hat auch einen Chip, einen Bewegungsmelder von Apple, falls er sich verliert. Manchmal ist er so verwirrt wegen der Vergangenheit. Dank diesem Chip hat man ihn immer im Blick. Er ist in Sicherheit.

Am nächsten Morgen gehe ich Brötchen kaufen. Auf dem Weg beobachte ich einen verwirrten jungen Mann, bestimmt aus Afrika, vielleicht Somalia oder Eritrea. Auf jeden Fall nicht pechschwarz. Er scheint total daneben zu sein, sucht nach einer Richtung, dreht sich um, geht schneller, als hätte er Angst vor Verfolgung und wollte sich in Sicherheit bringen. Als hätte er seinen Chip nicht dabei. Plötzlich rennt er und springt fast in die Bäckerei hinein. Ich gehe auch rein. Ich bin sicher, dass er einen verpackten Kuchenboden aus dem Regal klaut. Das Regal steht gleich beim Eingang. Er greift danach und lässt es wieder fallen. Was ist stärker? Hunger oder Angst? Er ist sehr dünn, ausgemergelt, sieht nach mehrtägiger Essensmangel aus, vielleicht auch nach Durst. Ich frage laut, ob er Hunger hat. Obwohl er den Eindruck macht, niemanden außer den trockenen Kuchenboden wahrzunehmen, reagiert er sofort auf meine Frage. Ich lasse ihn etwas zum Essen aussuchen. Es gibt viel Auswahl. Er zeigt auf das, was ganz vorne liegt: luftige Rosinenbrötchen. Sein Blick ist so leer, dass er nicht einmal die saftigen, fein belegten Brötchen mit Schinken, Käse und Lachs wahrnimmt. Er packt eine für ihn vorbereitete Tüte mit zwei Teilchen und rennt wieder nach draußen, beißt hungrig ein Stück ab und rennt weiter. Sein Ziel: eine Haltestelle. Dort bietet er einer drogenabhängigen Frau, die auf der Bank sitzt, seine Beute. Sie lehnt ab. Er isst sich alleine satt. Bis zum nächsten Mal. Ich gehe weiter und denke an den Afrikaner, den traumatisierten Hund und den Chip. Wie wäre es, wenn er einen Chip hätte? Wer würde sich um ihn kümmern? Hat er Eltern? Wo sind sie? Vermisst er sie? Meine Freunde haben gestern Abend am Tisch die Batterie im Apple-Chip gewechselt – sie haben eine ganze große Batteriepackung. Ich dachte dabei, sie werden bis zum Tod des Hundes bestimmt reichen. Man wird ihn immer beschützen können. Was ist mit dem jungen Mann? Wer beschützt ihn? Gott? Hat ER ihn vielleicht „ver-chip-t“? Jemand müsste es doch machen, wenn man ihn aus Afrika an einen sicheren Ort bringt, ihn hierher lässt. Was sagt der Gott dazu?

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