Ich beobachte aufmerksam die Finger, Zehen und Hände der Menschen. Ich gleite sorgfältig über ihre körperlichen Landkarten. Finger sind verschieden – dünn, dick, lang oder kurz. Gepflegt oder schmutzig. Krumme Zehen, rissige Fersen… Meine Finger sind lang und dünn, sie passen nicht zum pummeligen Körper. „Wie willst du mit solchen Fingern auf dem Feld arbeiten?“, jammert meine alte Tante Sabina. „Damit kannst du nicht einmal einen Besen gut greifen, um den vollgekackten Hof richtig zu kehren.“ Ich greife trotzdem nach dem Besen und fege. Ich putze, koche, wasche. Am besten gelingen mir Kuchen. Ich backe viel und gern. Niemand bittet mich darum. Ich warte gierig auf Lob für meine perfekt ausgefüllten Aufgaben wie ein hungriger Welpe. Die Auszeichnung auf meinem Lebenszeugnis ist mir wichtig. Ich bin schlau und klug, wie alle sagen. Ich kann mich durchsetzen, denn ich viel mich drin geübt habe, indem ich mich beim Vater einschmeichele. Ich versuche ihm immer alles zu recht machen. Leckere Butterbrote mit Wurst und sauren Gurken, hart gekochte Eier. Ein Handel, ein Tausch, ich verstehe das schnell. Wenn ich nicht aufs Feld gehen will, um Kartoffeln zu ernten, putze ich zu Hause, ich wasche und hänge saubere Wäsche auf. Es ist viel angenehmere Arbeit als Schuften auf dem Feld. Hauptsache, ich beschmutze mir meine dünnen Finger nicht. Nasse Erde trocknet so widerlich auf der Haut, dringt unter die kurzen Nägel. Ich will nicht solche Hände wie Mama oder Oma haben. Rissige Haut und eklige Hornhaut. Hart und gelb. Noch weniger will ich solche Hände haben wie Papa. Eckige Nägel, starke, kräftige Hände. Wenn er zuschlägt, braucht er keinen Gürtel zu Verstärkung benutzen. Man spürt seine Schläge lang und schnell und wie es bitterlich danach brennt. Ich hasse diesen Siegelring, den er immer trägt. Aus echtem Gold. Der Adel macht das einfach so. Sein Blut ist nämlich adlig, nicht wie Mamas. Sie ist nur eine einfache Bauerntochter. Er wiederholt diese Worte so oft, dass ich irgendwann daran glaube und verachte sie wahrscheinlich auch wie er. Dafür vor allem, dass sie so schwach ist, unterwürfig, dass sie schweigt, wenn er uns anschreit. Er, der bullige Kerl. Vom Handgelenk bis zum Arm sind seine Gefängnistätowierungen zu sehen. Ein Comic über seine Vergangenheit, über die niemand laut sprechen darf. Ich sehe auf einem Foto aus Vergangenheit meine damals wunderschöne Mama und schaue die, die von dem Tattoo auf seinem Arm auf mich guckt. Früher hatte sie Funken in den Augen, jetzt: nur Blick von ewigem Qual. „Hat er sie damals so geliebt, dass er sich sogar ihr Portrait auf seine sommersprossige Haut stechen ließ?“ Es wäre spannend das alles zu wissen. Aber Tätowierungen sind kein Thema für Kinder. Man weiß über viele Dinge Bescheid, aber man schweigt darüber wie ein Stein. Ich wage es nicht einmal, ein Wort über die Geheimnisse zu murmeln, nach den ich in den Schränken suche und manchmal auch entdecke. Zum Beispiel ein grünes Notizbuch, beschrieben mit der Handschrift meines Vaters. „Für meine geliebte Tochter“. Meinte er mich damit? Wen soll ich danach fragen? Wer könnte diese poetischen Geständnisse eines scheinbar harten Mannes für mich interpretieren? Hat er doch einen weichen Kern? Die Großmutter schickt mich mit ihren Erzählungen in alle dunklen Ecken voraus. Ich schlafe oft nachts nicht und denke nach, ich setze meine Lebenscollage nach meiner eigenen Vorstellung zusammen. Ich klebe die zerrissenen Teile verworrener Biografien mit kindlicher Fantasie zu einem nur in meinem Kopf existierenden Bild zusammen. Hauptsache, alles passt einigermaßen. Wen hat er geschlagen? Wer hat auf ihn geschossen? Und warum ist er dann ins Knast gegangen, wenn er doch unschuldig war?
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