Kindertag

Am Kindertag geht man am besten zu Oma und Opa. Da bekommt man Geld, selbst wenn man keine tollen Lieder singt und keine dummen Gedichte aus einer Fibel rezitiert. Ich kenne das Buch von fast auswendig. Alle gereimten Texte kann ich aus dem Stegreif aufsagen. Manchmal mag ich es, mich vor den Erwachsenen zu präsentieren und zu zeigen, was ich alles kann. Vater lobt mich dann immer und richtet meinen kurzgeschnittenen Pony mit einem kleinen Kamm, den er in der Hosentasche oder Hemdtasche trägt – aber nur, wenn er ein Hemd anhat, was nur an Feiertagen vorkommt. Dann trägt er auch den Siegelring aus echtem Gold, den er auf dem Markt von den Russen gekauft hat. Vater spuckt auf den Kamm kurz, damit sich die Haare besser legen und nicht elektrisch aufladen, weil meine Haare dünn und gerade wie Drähte sind und immer hochstehen und knistern, besonders im Winter von der Vollmütze. Deshalb nehme ich die Mütze sofort ab, wenn ich aus dem Blickfeld der Eltern verschwinde.

 

An Kindertagen schenken uns die Eltern meistens nichts, ebenso wenig zu Geburtstagen oder Namenstagen. Mit meinem Namen ist es sowieso nicht so einfach – niemand weiß genau, wann ich Namenstag habe. Mein Name steht zweimal im Kalender und je nachdem, wer sich wann daran erinnert, feiere ich ihn entweder am 4. Januar oder am 27. Januar. Am 4. Januar möchte ich keinen Namenstag feiern, weil das der Tag der Angela ist, und ich hasse es, so genannt zu werden. Trotzdem hört niemand auf meine Bitte, mich mit meinem vollen Namen anzusprechen. Aber was macht das schon? Niemand hört auf Kinder. Niemand fragt uns nach unserer Meinung. Kinder haben selbst an Kindertagen keine Stimme. Über alles entscheidet Vater. Was bringt es, ihn zu bitten, mich zu Oma gehen zu lassen? Wenn er nein sagt, dann bedeutet es nein. Niemand kann ihn beeinflussen, nicht einmal Mama. Sie hat auch kein Mitspracherecht, also fragen wir sie erst gar nicht.

 

Manchmal, wenn Vater gute Laune hat, schaffen wir es, nach Maniow Wielki zu entwischen. Dann besuchen wir nach und nach die ganze Familie. Der Kindertag wird dort nicht vergessen, denn Mamas Seite der Familie ist nicht so geizig. Also sammeln wir Kleingeld für Süßigkeiten von Opa, Oma, Uropa, Onkel Lucjan und Tante Hela. Jadzia und Celina haben meistens nichts im Portemonnaie, also versprechen sie mir mehr zu Weihnachten zu geben. Jedes Jahr sagen sie, dass sie mir am nächsten Kindertag dies und das schenken, aber irgendwie klappt es nie mit diesem Versprechen. Aber das macht nichts, denn sie machen viele tolle Sachen mit uns – malen, verkleiden sich und tanzen zu Abba-Musik. Abende mit ihnen mag ich manchmal sogar mehr als den Kindertag.

 

Wenn der Kindertag auf einen Samstag oder Sonntag fällt, wird in Maniow Wielki ein Fest organisiert. Es gibt viele verschiedene Spiele für Kinder und Zuckerwatte. Manchmal gibt es auch Stände mit so tollen Spielsachen, dass mir die Augen fast aus dem Kopf fallen, aber ich kann mir nur ein Jojo leisten. Kinder hüpfen in Säcken, nehmen an Rennen teil oder werfen Bälle ins Ziel. In diesen Disziplinen bin ich leider eine Niete. Artur gewinnt fast immer. Nur Kazik hat ihn diesmal überholt, weil Artur kurz vor dem Ziel gestolpert ist. Vater hat ihn vor allen Leuten als Idioten beschimpft. Dann schäme ich mich sehr. Alle starren uns an wie Affen im Zoo. Ich mag es nicht, Aufsehen zu erregen, aber mit Vater endet es immer in einem Drama. Er kann keine Rücksicht auf uns nehmen. Mama ist meistens nicht dabei, also beruhigt ihn niemand und niemand verteidigt uns. Mama kommt erst am Abend zum Fest, wenn sie die ganze Arbeit erledigt hat. Vater ist dann meistens schon besoffen, also muss Mama mit ihm tanzen. Und sie tanzt wunderbar, wie eine Ballerina. Ihre Augen leuchten dann. Ich weiß, dass sie tanzen sehr mag, aber sie darf nur mit Vater tanzen. Sie darf sich nicht von fremden Männern zum Tanz bitten lassen, sonst könnte Vater sie wieder schlagen, wie nach der Kommunion bei Małgosia. Damals tanzte sie mit ihrem Cousin aus Świdnica. Am nächsten Tag hatte sie blaue Flecken unter den Augen und konnte nicht zur Arbeit gehen. Jetzt tanzt sie nur noch mit Vater.

 

Wenn Mama nicht da ist, bittet Vater andere Frauen zum Tanz. Er darf das. Am häufigsten tanzt er mit Frau Irka aus dem Dorfladen. Er drückt sie fest an sich und flüstert ihr etwas ins Ohr und sie lacht ständig laut auf. Wenn ich sie so ansehe, ist mir unbehaglich, vielleicht, weil Vater seine Hand so tief auf ihrem Hintern und den unteren Teilen ihrer Pobacken hält, als würde er sie stützen. Dann wende ich meinen Blick ab und schaue die Leute an. Besser, dass das niemand bemerkt. Ich schäme mich für ihn und will schon nach Hause. Die Feste für Kinder werden oft zu Feiern bis spät in die Nacht. Wenn Mama kommt, weiß ich, dass wir bei Oma schlafen werden. Vater bleibt dann bis spät in die Nacht auf dem Fest. Ohne Mama bedeutet das Fest, dass wir mit dem betrunkenen Vater nach Hause fahren und dort meistens Streit ist. Vater ist wütend, dass er uns wegbringen musste. Er würde uns nie zu Oma zum Schlafen bringen, weil er sie nicht mag. Wenn es keinen Streit gibt, gibt es nachts Gestöhne, weil Vater sich dann nicht kontrolliert und laut ist, wenn er auf Mama liegt. Ich halte mir dann die Ohren zu, lege das Kissen auf den Kopf, will nichts hören. Diese Nacht soll vorbei sein. Das Atmen fällt mir schwer… Ruhe… Er ist gottseidank doch eingeschlafen…

Dodaj komentarz