Ich sitze allein in Karolinas Küche in Leipzig, trinke Tee. Karolina, Wilm und Lucas holen das Sofa ab, das sie bei eBay gekauft haben. Ich genieße den Moment der Einsamkeit und Untätigkeit. Ich muss nichts.
Ich fühle mich müde und brauche Erholung, genieße das süße Nichtstun. Meine Füße brennen vom schnellen Gehen, Laufen und der Eile. Meine Hände und Arme gehorchen mir nicht einmal beim Schreiben. Der Muskel in meinem Unterarm schmerzt so sehr, dass ich auf Stifte umsteigen muss, die weniger Druck beim Schreiben erfordern. Es liegt nicht am harten Kern, sondern an mir, denn ich habe die ganze Woche über übertrieben, mir selbst keine Grenzen gesetzt. Ich bin gerannt, geschwommen, habe alles gemacht, was ich musste und nicht musste. Ich habe meine Pflichten erfüllt, aber jetzt ärgere ich mich über mich selbst, weil meine Hand vom Schreiben, das ich so liebe, wie austrocknet sich anfühlt.
Ich habe keine Kraft zum Schreiben. Ich bin selbst schuld, weil ich mich für andere Dinge aufgeopfert habe, oft völlig unnötig. Ich könnte im Bett liegen, mich ausruhen, schreiben und meine Gedanken sammeln. Aber nein – ich jage und hetze, immer weiter weg von mir selbst. Wofür das alles? Ich weiß es nicht. Ich möchte ein Buch veröffentlichen und fast ein Jahr ist schon vergangen und ich habe nichts getan, weil ich keine Zeit hatte, mich hinzusetzen und mich zu sammeln. Mir fehlt die Kraft dazu.
Abends schließen sich meine Augen mit einem lauten Knall wie schwere Türen. Wie die Tore zur Hölle, meiner eigenen Hölle, die ich mir jeden Tag selber einrichte. Gedanken fließen schneller als Wolken über dem Meer, aufgeblasen vom windigen Wind. Es ist schon Freitag, und wieder wurde das Versprechen, das ich mir selbst gegeben habe – mich ausruhen – nicht eingehalten. Weil man rennen muss, flitzen, hetzen, sich selbst überfordern, ausgelaugt sein, auf allen Vieren krochen, keuchen und schnaufen, nach Luft schnappen. Jammern, klagen, vor Schmerzen stöhnen und dann nichts davon haben.
Am Montag werde ich wieder zur Arbeit gehen, aber vorher werde ich mich ein wenig noch anstrengen. Ich werde schon etwas für den Abend kochen, aufräumen, die Waschmaschine einschalten, ein paar Längen schwimmen oder ein paar Runden im Stadion laufen. Den letzten Rest meiner Energie verbrennen und die Müdigkeit mit Kaffee wegspülen! Und dann wieder rennen, und rennen, und keuchen. Weiter, über Leichen, immer weiter von mir selbst entfernt! Und wohin?
15.01.2023
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