Schönheit

In der Vorschule bemerke ich, dass meine Mama überhaupt nicht die Schönste ist. Sie hat eine lange Nase, wie ein Storchenschnabel, genau wie mein Vater es ihr vorwirft. Wenn er betrunken ist, macht er sich genau darüber lustig. Ich beginne, das zu glauben und schiebe diese Worte Agnieszka in den Mund, indem ich der Lehrerin erzähle, dass es meine Freundin war, die so etwas über meine Mutter gesagt hat, obwohl das nicht stimmt. Agnieszka wurde von der Kindergärtnerin getadelt und ihre Mutter in die Schule gerufen. Ich habe Schuldgefühle, dass ich das getan habe, aber ich kann nicht zugeben, dass es eine Lüge von mir war. Ich fühle eine seltsame Befriedigung, dass diese Worte ausgesprochen wurden, obwohl ich nicht weiß, warum.

Agnieszka hat erwachsene Schwestern, Ania und Danusia. Sie sind viel hübscher als meine Mutter. Tante Lodzia, die aus Österreich zurückgekehrt ist, übertrifft meine Mutter auch an Schönheit, aber vielleicht noch mehr durch ihren Stil. Mama hat auch einen Fuchspelzkragen wie Tante Lodzia, aber sie sieht viel gewöhnlicher aus als Tante. Vielleicht weil sie ihre Haare nicht färbt wie Lodzia. Silberfuchs passt besser zu aufgehellten Blondinen als zu Brünetten wie meine Mutter. Tante Lodzia lockt ihre Haare jeden Tag, während Mama nur an Feiertagen. Seitdem sie aber einen Lockenstab hat, den Papa aus Österreich mitgebracht hat, lockt sie ihre Haare auch für die Kirche. Sie sieht dann schön aus. Elegant. Wenn sie sich nur gerne schminken würde und Schmuck tragen würde… Aber das mag sie nicht. Außerdem weiß ich nicht, ob Papa das mögen würde und ob er es ihr erlauben würde. Er kann es nämlich nicht ausstehen, wenn Mama sich zu sehr herausputzt, besonders wenn sie ohne Unterrock geht, weil man dann ihre Waden sieht. Er schimpft mit ihr und sagt ihr, sie solle einen Unterrock unter den Rock ziehen. Röcke und Kleider müssen immer knielang sein, denn schließlich ist sie keine Hure. Ich weiß nicht genau, was eine Hure ist, aber sicherlich ist es eine Frau, die sich zu kurz kleidet. Davon muss es viele in der Stadt geben. Auf dem Land sehe ich nicht so viele schamlose Frauen. Auf dem Land trägt keine Frau Miniröcke. Nun ja, es sei denn, es sind junge Mädchen, die in die Stadt zur Schule gehen. Aber auch sie tragen sonntags keinen Minirock zur Kirche, denn der Priester würde sie von der Kanzel aus schelten. Miniröcke gefallen mir sehr. Ich träume heimlich von solchen Röcken, weil andere Mädchen in meiner Klasse solche tragen, aber ich trage immer nur Hosen. Ich würde mich anders anzuziehen schämen. Ich weiß, dass ich viel hässlicher bin als die anderen Mädchen und nicht so schlank wie sie. Mama sagt mir immer wieder, dass sie in ihrem Alter sehr schlank war und eine Taille wie eine Wespe hatte, während ich einen hervorstehenden Bauch habe. Ja, ich habe so einen hervorstehenden Bauch mit einer Kuhle über dem Bauchnabel, einer Vertiefung zwischen einer Falte und der anderen. Wenn ich mich setze, bilden die Falten auf meinem Bauch Rollen. Rollen aus Fett, die ich hasse. Ich versuche immer, sie zu verstecken, und stecke viel Energie hinein. Ich denke obsessiv über meine Falten nach. Ich denke, dass alle sehen und bemerken, dass ich dick bin. Ich habe es Monika erzählt, aber sie sagt, dass man nichts sieht. Ich weiß, dass das nicht wahr ist, dass sie nur so spricht, weil wir befreundet sind. Andere sehen und bemerken es und das war’s. Auch Papa sieht es! Er nennt mich „die Dicke”. Wenn er in besserer Stimmung ist, nennt er mich liebevollerweise „Dicki”. Wenn mein Vater das bei mir sieht, was denken dann erst die anderen? Die Jungs beachten mich wahrscheinlich deshalb nicht. Einer nannte mich sogar eine dicke Leberwurst. Eine Leberwurst wird sofort mit einem Dicken verbunden. Ich werde das mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Ich höre sein dummes Lachen immer noch in meinen Ohren. Manchmal scheint es mir, dass wenn jemand nett zu mir schaut, ich meinen Bauch einziehen sollte, um besser auszusehen und das funktioniert. Es ist einfach, Leute zu täuschen, aber nicht sich selbst. Ich ziehe meinen Bauch ein, um besser auszusehen, aber ich halte den Atem an. Es ist schwer, sich dabei entspannt hinzusetzen, also quäle ich mich und stehe schließlich auf und gehe aus dem Blickfeld potenzieller Ehemänner weg. Ich verspreche mir, dass ich aufhören werde, viel zu essen und werde abnehmen, bis ich eine Figur habe, die der von Zosia oder Kasia ähnlich ist. Oder wie von Ela. Aber nein, wie Ela werde ich nie sein! Ela ist göttlich! Einfach wunderschön. Sie hat ein Gesicht wie eine Porzellanpuppe, alles so wohlgeformt und verlockend. Blaue Augen, gerade weiße Zähne, ein so schönes Lächeln, dass es sogar die Jungs von der Landwirtschaftsschule umhaut. Und in den Wangen hat sie zwei kokette Grübchen. Ich würde so gerne wie Ela sein. Hübsch und beliebt wie sie. Immer fröhlich und von einem Kranz von Bewunderern umgeben. Und ich bin nur gewöhnlich, unscheinbar, eine graue Maus. Was nützt es, dass ich eine Musterschülerin bin! Ich würde lieber weniger im Kopf haben, aber hübsch sein. Von Gott schöne Haare bekommen, Locken, dicke Zöpfe, einen flachen Bauch und schöne Waden. Stattdessen habe ich irgendwelche Haare, über die Mama sogar jammert, wenn sie mich kämmen will. Zu hohe Stirn – wie ein Mann – kommt auch dazu. Gott hat mich nicht besonders reich beschenkt: weder Haare noch Figur, und auch noch herausstehendes Zahnfleisch, wenn ich lache. Mama sagt mir, dass ich auf Fotos mit geschlossenem Mund lächeln soll, um besser auszusehen. Also kontrolliere ich mein Lächeln oder ich ziehe meinen Bauch ein. Ich muss auch meine Hände verstecken. Ich kneife sie gut zu Fäusten zusammen, denn es ist eine Schande, solche Nägel zu zeigen. Was werden die Leute sagen? Ich knabbere sie leidenschaftlich ab, bis es blutet. Ich reiße Schicht um Schicht ab, ich esse Hautfetzen, raue Stellen und frische Krusten, die sich erst gerade bilden. Ich möchte meine Nägel nicht abkauen, aber ich kann es nicht anders. Ich kenne es, sie zu kauen, seit ich denken kann. Ich verspreche mir mehrmals am Tag, aufzuhören, aber das ist stärker als meine vorgenommene Entschlossenheit. Ich versuche, dass Papa mich nicht dabei erwischt, wie ich meine Finger im Mund halte. Manchmal schlägt er mich kräftig auf die Hände, aber das Schlimmste daran ist, dass er droht, mir irgendwann die Finger in Scheiße zu tauchen, wenn er mich wieder erwischt. Ich weiß, dass er dazu fähig wäre, wenn er wütend wird. Deshalb verstecke ich mich, wenn ich meine Nägel kaue, an einem sicheren Ort, am besten in meinem Zimmer. Das habe ich früher so gemacht, als ich Tomek den Schnuller weggenommen habe, um daran ein wenig zu nuckeln. Nuckeln hat mich genauso beruhigt wie Nägelkauen, aber auch dafür habe ich Prügel bekommen. Artur kaut auch Nägel. Wir haben das beide von Mama geerbt. Papa schreit auch Mama an. Ihre Finger und Arturs auch bluten jedoch nie so wie meine. Oft träume ich davon, irgendwann lange Nägel zu haben. Wie Großmutter Wandzia und Tante Krysia werde ich sie mit perlmuttfarbenem Lack bemalen. Auf den Fingern goldene Ringe mit einem Steinchen, wie Rubin oder Saphir, obwohl ich nicht wirklich weiß, was das für eine Farbe ist. Großmutter und Tante sind so elegant wie Tante Lodzia. Großmutter Wandzia malt sich sogar die Lippen, wenn sie zur Briefkasten geht, um Post zu holen. Ihre Haare sind immer in Wellen gelegt, mit einem rötlichen Glanz. Großmutter färbt ihre Haare alle paar Wochen, deshalb werde ich nie herausfinden, welche ihre echte Haarfarbe ist. Babcia Jasia, Mamas Mutter, ist ganz anders. Sie hat dünne, glatte Haare, die sie im Winter oft unter einem Tuch versteckt und im Sommer mit Haarspangen an den Seiten feststeckt. Glatt nach hinten gekämmt. Babcia Jasia und Babcia Wandzia sind wie Tag und Nacht. Einfachheit und Eleganz. Wärme und Kühle. Obwohl ich von Babcia Jasia keinen Stil lernen werde und auch nichts in Sachen Mode und Schönheit abgucken werde, ziehe ich Babcia Jasia vor. Sie ist rundlich, weich und voller Liebe, sie riecht nach Sicherheit und nach meiner Oma.

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