Lange Zeit konnte ich nicht benennen, was in mir sitzt, was mich auffrisst, was mir den Magen zuschnürt, was in meinem Kopf und Herzen hämmert. Viele Jahre lang habe ich meine Erlebnisse mit den Geschichten anderer verglichen – oft drastischer, scheinbar „eindeutiger“ Traumata.
(Das Wort „Trauma“ habe ich selbst lange nicht benutzt. Ich kannte es nicht. Erst als erwachsene Frau, als ich nach einer weiteren depressiven Episode eine Psychotherapie begann, fing ich an zu verstehen: Das, was ich in meiner Kindheit erlebt habe, war nicht einfach ein „schweres Leben“, sondern etwas viel Tieferes. Etwas, das einen Namen hatte: Trauma.)
Ich dachte: „Andere hatten es schlimmer. Meine Erfahrungen sind doch wahrscheinlich gar keine richtigen Dramen…“
Aber heute, mit fast fünfzig Jahren, weiß ich eines ganz sicher: Was ich erlebt habe, war ein tiefes, schmerzhaftes und zerstörerisches Trauma, das in mir eine unausfüllbare Leere hinterlassen hat. Angst, dauerhafte Anspannung und ein großes Verlangen nach einem glücklichen, leichten Leben, das ich als Kind nie wirklich kannte.
Meine Kindheit war keine Zeit der Unbeschwertheit.
Ich habe gespielt, ich habe gelacht – aber alles unter einer Bedingung:
Man durfte nicht zu laut sein. Man durfte nicht stören. Man durfte kein Kind sein.
Sobald mein Vater in der Nähe war, war das Spiel zu Ende.
Dann begann die Arbeit – oft stundenlang, im dunklen, feuchten Keller bei Kerzenschein, bei den Hühnern, beim Gras sammeln für die Kaninchen. Schreie und Schläge wegen jeder Kleinigkeit. Wenn ich schief ins Heft geschrieben hatte, wenn die Lehrerin etwas mit Rotstift markierte – dann musste ich ganze Hefte abschreiben. Und oft folgten Schläge mit dem Gürtel, dem Kabel, mit der harten Hand.
Ich hatte panische Angst vor seiner Anwesenheit. Schon das Geräusch seines Autos ließ mir den Magen zusammenkrampfen. Ich fürchtete mich davor, den Mund aufzumachen, geschweige denn, eine eigene Meinung zu sagen. Ich kannte kein Gefühl von Sicherheit. Alles drehte sich ums Überleben. Ich musste brav sein, still, gehorsam, dankbar dafür, dass ich überhaupt lebte und von ihm versorgt wurde.
Ich musste mich ständig entschuldigen. Wofür? Bis heute weiß ich es nicht. Dafür, dass ich existierte?
Als ich Neige Sinnos Buch „Der traurige Tiger“ las – die Geschichte einer Frau, die als Kind sexualisierte Gewalt durch ihren Stiefvater erlebte – überkam mich wieder dieses vertraute Gefühl:
„Vielleicht war das, was ich erlebt habe, gar kein Trauma. Vielleicht habe ich kein Recht zu sagen, dass ich gelitten habe – was soll sie denn dann sagen?“
Ich kenne diese Stimme gut, die mir ständig ins Ohr flüstert:
„Stell dich nicht so an, es war doch nicht so schlimm. Andere hatten es schwerer. Dein Vater hatte doch auch seine guten Seiten…“
Heute aber will ich laut antworten – ohne Atemnot, ohne Kloß im Hals, ohne zitternde Lippen, ohne Angst:
Mein Trauma war real. Mein Schmerz war tief. Ich habe das Recht, ihn anzuerkennen, zu fühlen und darüber zu erzählen. Über meine Kindheit. Über mich.
Das ist meine Geschichte.
Die Geschichte eines Kindes, das keine Kindheit hatte.
Und einer erwachsenen Frau, die jetzt – Schritt für Schritt – lernt, sich selbst in den Arm zu nehmen. Die ihren Schmerz anerkennt, ohne ihn mit fremden Wunden zu vergleichen.
Ohne ihm Bedeutung abzusprechen, ohne ihr eigenes Leiden kleinzureden – auch wenn genau das ein Leben lang die Person getan hat, die mir angeblich am nächsten stand: meine eigene Mutter.
Ich weiß, dass ich das, was mir genommen wurde, nicht zurückbekomme.
Nach der Kindheit bleibt eine Leere – wie nach dem Verlust eines geliebten Menschen, der zu früh gegangen ist, ohne sich zu verabschieden.
Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen. Ich werde die verlorene Leichtigkeit, das unbeschwerte Lachen, das Gefühl von Sicherheit nicht wiederfinden.
Aber ich kann mich mir selbst annähern.
Ich kann versuchen, das verängstigte Mädchen in mir zu beruhigen.
Ihr ihre Stimme zurückzugeben.
Einen Raum zu schaffen, in dem sie klagen darf, weinen, erzählen, was ihr passiert ist.
Ich kann besser verstehen, was sie durchgemacht hat.
Ihr erlauben, die Dinge auf ihre Weise zu benennen – das, was so lange totgeschwiegen wurde.
Nicht um abzurechnen.
Sondern um mich selbst deutlich zu sehen – im Licht, nicht nur im Schatten.
Und am Ende dieses Weges – oder vielleicht irgendwo mittendrin – möchte ich sagen können:
Ich bin stolz auf mich. Auf das, was ich geworden bin. Nicht trotz des Schmerzes. Sondern mit ihm. Und durch ihn.
PS. Ich bin kein kollektives Gedächtnis. Ich schreibe nur aus meiner eigenen Perspektive – auch wenn ich die Älteste von fünf Geschwistern bin.
Ich glaube, dass jedes von ihnen sein eigenes erlebt hat.
Jeder hat seine eigene Geschichte. Eigene Erinnerungen, Gefühle, Deutungen – und seinen eigenen Weg, um zu überleben.
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