Ich war…

Ich habe euch gesucht.

Lebte in der Illusion von Familie,

von Bruderschaft,

von schwesterlicher Liebe –

als müsste es so sein.

Als käme alles aus der Sehnsucht nach Einheit,

nach gegenseitigem Händedruck,

nach dem Gefühl, gehalten zu werden.

Doch in Wahrheit kehrte ich immer wieder zurück

an Orte, die mich hätten lieben sollen –

und mich stattdessen lehrten zu schweigen.

Ich lernte, die Lippen fest aufeinanderzupressen,

um nicht loszulachen –

aus Trotz oder aus Wut.

Diese Orte schnürten mir das Wort im Hals ab,

erstickten mich mit ungesagter Wut

oder dem einen Satz,

der mich hätte schützen können.

Ich ließ mich zurück –

nackt und schutzlos

auf den Türschwellen fremder Erwartungen.

Unter einer Messlatte,

von Anfang an erbarmungslos hochgelegt.

Immer ein Schritt weiter, als es gut für mich war.

Immer ein Stück näher, als es sicher gewesen wäre.

Dann kam der Tag,

an dem ich das fremde Bild von mir

nicht mehr tragen konnte.

An dem ich nicht mehr zurückkehren wollte –

dorthin,

wo mein Name nur mit Vorwurf ausgesprochen wird,

wo Liebe eine Währung ist,

eingetauscht gegen Anwesenheit,

weil man das eben so macht,

weil es erwartet wird.

Liebe, die mit einer Rechnung kommt –

ist keine Liebe.

Es ist ein Tauschspiel aus Schuld und Erwartung.

Liebe, die immerzu verlangt,

die zählt, prüft,

auslegt,

vorwirft, verletzt –

ist ein Kräftemessen

auf glitschigem Grund.

Ich habe keinen Raum mehr für Zorn.

Auch keinen Platz mehr für Erklärungen.

Die Frau,

die trotz allem immer wieder zurückkam –

gibt es nicht mehr.

Kein Lärm.

Kein Knall.

Nur:

Ich kehre nicht zurück.

Das ist keine Flucht.

Es ist Rettung.

Und wenn ihr eines Tages fragt,

was aus ihr geworden ist –

ich werde mich nicht rechtfertigen.

Ich werde mich nicht erklären.

Ich werde niemanden beschuldigen.

Ich werde schweigen.

Niemanden verspotten,

niemanden entzweien.

Ich werde nur sagen:

„Ich weiß nicht, wovon ihr sprecht.

Nein – das ist nicht meine Geschichte.

Nicht in meiner Sprache.“

Ich war zu sehr anwesend

in den Versionen meines Lebens,

die euch gehörten.

Aber ihr kennt mich nicht.

Ihr kennt nur die Erzählungen über mich,

die ihr weiterstrickt,

sobald ich euren Raum verlasse.

Und deshalb –

bin ich gegangen.

Endgültig.

Still.

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