03.09.2025
Heute Morgen habe ich den Text von gestern fertig geschrieben. Nicht besonders gut. Irgendwie fehlt ihm die Kohärenz. Und sprachlich stolpere ich auch, man sieht es an den vielen Durchstreichungen. Ich schreibe seit einiger Zeit intensiv. Zwei, vielleicht drei Jahre. Ab und zu eine Pause. Keine Inspiration. Leere im Kopf. Widerwille, oder vielleicht einfach Müdigkeit.
In letzter Zeit beobachte ich, wie körperliche Kräfte oder Erschöpfung meine Kreativität beeinflussen. Sehr. Ebenso Zerstreuung. Ich schreibe nicht, wenn ich in den Strudel unnötiger Tätigkeiten gerate: überflüssige Treffen, leere Gespräche, Besorgungen für andere, Reisen um jeden Preis. Hauptsache, ich setze mich nicht einen Moment hin… Aber um zu schreiben, muss man Luft holen. Und fühlen.
Die letzten Wochen, insgesamt schon fünf, seit ich zu Hause sitze, tun mir gut. Ich schreibe. Mal besser, mal schlechter, aber ich schreibe. Ich übe mich im Ausdruck. Ich lese. Ich fühle viel. Ich habe Träume – wieder so intensiv, dass ich beim Frühstück und auf dem ersten Spaziergang noch an sie denke. Ich füge Gedanken zusammen. Ich benenne Wünsche. Ich schreibe alles auf Papier, für später, wenn ich mich wieder an den Tisch setze.
Zuerst habe ich mich jedoch an die Kisten vom letzten Umzug gemacht. Sieben stehen noch und warten. Ich schiebe das Durchsehen von mir weg und schiebe es auf den gebrochenen Arm. Obwohl die linke Hand gebrochen ist, kann ich mit der rechten vieles tun. Hätte eine dieser Kisten nicht seit Mai neben meinem Schreibtisch gestanden und meine Augen gereizt, hätte ich ihren Inhalt wohl noch immer nicht angerührt.
Doch dann kam einer der ersten trüben Tage. Einer, an dem es wirklich keine Ausreden mehr gab. Ich musste den Karton öffnen.
Vielleicht wusste ich, was mich erwartete, und deshalb nagte dieser Widerwille an mir. Ohnmacht. Alte Fotos, eingebuddelt unter Kopien von Gemälden bekannter Maler in schweren Holzrahmen. Dazu noch mit einer alten Mappe beschwert, einem Kerzenhalter, einem Säckchen mit unerwünschtem Schmuck. Tief hineingestopft, damit niemand sie zu Gesicht bekam. Sie verraten nämlich meine unrühmlichen Zeiten. Ich schäme mich für diese Fotos furchtbar. Außer mir weiß niemand von ihrer Existenz.
Ich habe sie irgendwann aus dem Elternhaus mitgenommen, damit meine Mutter – die in ein Alter gekommen ist, in dem sie mit jedem, der vorbeikommt, alte Fotos anschaut – sie nicht auf dem Tisch ausbreitet. Vor allem darf er sie nicht sehen. Mein Partner. Er kennt diesen Teil meines Lebens nicht, und ich will, dass es so bleibt. Er ahnt nicht, dass ich jemals die war, die er auf den alten Fotos sehen könnte.
Es macht mir nichts aus, mich als kleines Kind zu zeigen. Auch noch aus den frühen Grundschuljahren, obwohl ich mich da schon zu verändern begann. Das dickliche, hässliche Entlein. Mit Pickeln. Traurigkeit in den Augen. Mit abgekauten Fingernägeln. Ungeschickt, plump, irgendwie so kommisch. Schlecht angezogen, dörfisch. Das T-Shirt betonte den aufgeblähten Bauch. Keine Taille, keine Formen. Plump, einfach plump.
Und diese Haare! Ein ewiges Thema, solange ich denken kann. Niemand in der Familie, in der ganzen Schule, im ganzen Internat hatte so erbärmliche Haare. Schlecht geschnitten, weil ich nie zum Friseur ging, nur zu Frau Lesia. Und sie war Schneiderin. Solche Scheren hatte sie auch – zum Stoffschneiden. Jeder Schnitt zeichnete sich auf dem glatten Haar ab, besonders, wenn es fettig war. Und fettig wurden sie schrecklich.
Morgens wollte ich sie waschen, bevor ich in die Schule ging, damit sie wenigstens bis zum Ende des Unterrichts hielten – nicht verklebt wie Nudelfäden. Mama meckerte jedes Mal, ich solle aufhören, weil ich mir „den Kopf verkühle“. Ich wusch sie trotzdem. Einen Föhn hatten wir nicht, also versteckte ich die nassen Haare unter einer dicken Mütze. Bis ich in der Schule war, waren sie trocken, sahen aber entsetzlich aus. Ohne Form. Und ich hatte keinen eigenen Kamm – zu Hause gab es nur einen, und den konnte ich nicht mitnehmen.
Ich richtete mich also vor jeder Scheibe. Ich zog den Bauch ein, als ob es irgendjemanden kümmern würde, wie ich aussehe. Ich dachte wohl, es ändere etwas. Also hielt ich den Atem an und saß die ganze Pause so auf der Bank in der Aula. Aus den Lautsprechern kam Musik. Die Mädchen aus den oberen Klassen begannen als Erste zu tanzen. Dann schlossen sich die anderen an. Paare bildeten sich – die hübscheren Jungen mit den schlanken Mädchen.
Und ich saß da. Eingezogener Bauch half nicht. Ebenso wenig wie der Schul-Kittel, bis obenhin zugeknöpft. Die Mädchen, die tanzten, hatten ihre Kittel offen. Darunter sah man ihre schicken Sachen. Breite Gürtel auf schmalen Taillen. Blusen in den Hosen, weil sie flache Bäuche hatten. Ohrringe – große Kreolen in grellen Farben. Lange Haare, modisch geglättet oder zum Pferdeschwanz gebunden.
Wenn die Schulglocke zur Stunde läutete, ließ ich die Bauchspannung los. Es war sowieso nichts passiert. Niemand hatte Aschenputtel zum Tanz gebeten. Ich ging traurig in die Klasse, ganz hinten. Und träumte davon, in der ersten Reihe zu stehen, wie Kaśka, Zośka, Aneta oder Agnieszka. Sie tanzten immer. Sogar Edyta, obwohl sie auch etwas rundlich war. Ich weiß nicht, was sie hatte. Schönheit war es nicht. Außer, wenn ich neben ihr stand. Dann wirkte sie hübscher. Besser gekleidet, mit schönerem Haar.
Ich beneidete sie. Schwarzes, dichtes Haar. Ab und zu eine neue Frisur, weil sie mit ihrer Mutter nach Breslau fuhr. Dort machten sie Einkäufe und dort ging sie auch zum Friseur. Ich wollte das auch. Ich verglich mich nicht nur mit Edyta, aber sie war mein Maßstab. Mit Kaśka oder Aśka versuchte ich es gar nicht. Sie waren schlank, hübsch, beliebt und von Jungs umschwärmt. Sogar von denen aus höheren Klassen. Sie verabredeten sich nach der Schule mit ihnen. Ich träumte nicht einmal davon. Für mich war das unvorstellbar.
Nach der Schule fuhr ich gleich nach Hause. Arbeit wartete. Nicht einmal für eine AG durfte ich mich anmelden. Sportgruppen waren nichts für mich, weil ich im Sportunterricht schwach war. Aber andere Interessenkreise? Ich wäre gerne in den Chor wie Kaśka gegangen. Sie besuchte auch einen Kurs für Gesellschaftstanz. Ich hatte kein Talent fürs Tanzen – nach meinem Vater. Also träumte ich nicht davon. Und außerdem – wer hätte mir ein Kleid mit Pailletten gekauft? Einen Tanzpartner hätte ich sicher auch nicht gefunden. Für die Jungs existierte ich nicht. Niemand sah mich an, niemand warb um mich. Aber genau das wollte man in diesem Alter. Fühlen, wie sich die erste Liebe anfühlt.
Ich schwärmte heimlich für ein paar Jungen. Ich wählte sie vorsichtig. Keine Rowdys, keine Schmutzfinken, keine Dummköpfe. Am liebsten durchschnittlich, nicht zu schön. Ich dachte, solche wären treu und man müsste sich nicht für sie schämen. Ob ich je so einen finde? Bestimmt nicht an unserer Schule.
Aber in der siebten Klasse begann ich, auf Piotrek zu achten. Aus dem Nachbardorf, aus einer höheren Klasse. Piotrek mit der schwarzen, struppigen Mähne. Ruhig, groß, immer schweigsam. Er saß vorne im Bus. Ich setzte mich gerne hinter ihn. Beobachtete ihn. Sah auf den Kragen, auf die Ohren, die Finger und Nägel. Ob sie sauber waren. Monate vergingen mit meinen Annäherungsversuchen. Von ihm kam kein Zeichen, kein Blick, kein Wort. Als wäre ich unsichtbar. Und er stumm. Sonderling.
Zośka aus meiner Klasse merkte es. Sie sagte, das sei ihr Cousin. Eines Tages brachte sie mir ein Foto von Piotrek – klein, wie für einen Schülerausweis. Ich versteckte es im Federmäppchen und bat sie, niemandem zu erzählen, dass ich ihn liebe. Zośka schwieg, obwohl ich so viel Diskretion nie von ihr erwartet hätte! Ich vertraute mich stattdessen meiner Oma an. Ihr erzählte ich meine geheimsten Dinge. Ich zeigte ihr das Foto meines Schwärmers. Ich beschwor sie, niemandem ein Wort zu sagen. Sie versprach es.
Ein paar Tage später, als ich aus der Schule zurückkam, schrie mich Vater an, er würde mir den Unsinn aus dem Kopf schlagen und ich solle mich ums Lernen kümmern. Ich weinte. Ich war wütend auf Oma, dass sie es ausgeplaudert hatte. Angeblich nur der Mama, wie sie sagte. Und Mama – wie immer – erzählte alles Vater. Ich riss das Foto in kleine Stücke und warf es in den Ofen. Ich wollte das Schicksal nicht herausfordern. Vater war fähig, meine Sachen zu durchsuchen und mir Schläge zu verpassen, wenn er das Foto gefunden hätte.
Ich setzte mich an eine andere Stelle im Bus. Ein paar Sitze weiter. Aus meiner Liebe wurde nichts. Vielleicht war es besser so. Damals dachte ich, ich würde ins Kloster gehen. Nur dort sah ich einen Platz für so ein hässliches Entlein.
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