2. September 2025
Heute hatte ich so viele Ideen für Texte… Wenn ich ein Notizbuch und etwas zum Schreiben dabeigehabt hätte, hätte ich all meine ungekämmten Gedanken am Ende des Tages gesammelt und ihnen eine Form gegeben. Und so? Laufe ich durch die Welt mit dem Kopf in den Wolken, die Augen weit offen, nur meine Ohren versuche ich nicht auf Geräusche einzustellen. Vor allem nicht auf Stimmen. Menschliche Stimmen. Leider bin ich eben so – ich empfange wie eine Antenne, auf jeder Welle, in jeder Sprache. Ob ich will oder nicht – ich höre zu.
Natürlich sage ich mir immer leise, in meiner Seele, dass ich nicht empfangen möchte. Dass ich Ruhe brauche. Ich will nicht, dass ständig etwas summt, dass ich zuhören, mich hineinfühlen und antworten muss. Mir ist nicht nach Reden. Small Talk ist für mich der blanke Horror. Gerede über nichts strengt an.
Also wähle ich Wege so, dass ich niemandem begegne. Ich weiß, wie es endet, wenn ich in die Falle einer Quasselstrippe tappe: mit Überreizung.
Bevor ich verstand, warum ich jeden Tag Kopfschmerzen hatte, warum ich wütend auf mich selbst, auf die Kinder, den Hund und die ganze Welt war, ließ ich fast jeden, der nur versuchte, in meine Welt einzutreten, in den offenen Raum. Das heißt nicht, dass Menschen bei mir zu Hause durch Türen und Fenster ein- und ausgingen. Wenigstens diesen Raum konnte ich in den letzten Jahren verteidigen. Aber sonst? Mutter Gottes! Bei der Arbeit, nach der Arbeit, in der Stadt, auf der Straße! Ich ließ mir leicht Energie nehmen, opferte Fremden meine kostbare Zeit, und am Ende hatte ich noch Schuldgefühle, wenn ich erleichtert aufatmete, sobald sie gegangen waren. So darf man doch nicht denken… Ich sollte die Menschen lieben, die Schwächen anderer akzeptieren, mitfühlen, die Hand ausstrecken und niemanden zurückweisen.
Daraus entstand mein Opfersein. Ja. Ich opferte mich. Ich spüre heute, wie die Wut auf mich selbst erwacht, wenn ich an meinen seltsamen Heroismus denke. Ich halte mich gar nicht für ein Opfer, denn schließlich habe ich einen freien Willen und hätte „Nein“ sagen können. Also warum tat ich es nicht? Warum war es so schwer, eine Grenze zu ziehen? Warum gab ich den Menschen das Gefühl, dass sie bei mir diese Grenze beliebig verschieben konnten, wie es ihnen passte – für ihr Glück, ihr Wohlergehen, zur Erreichung ihres persönlichen Ziels. Und ich war nur ein Sprungbrett auf ihrem Weg.
Ich half schon immer. Solange ich denken kann. Nie sagte ich: „Ich kann nicht, ich will nicht.“ Und wenn ich mich doch irgendwie herausredete, gab ich schnell nach und tat etwas um des lieben Friedens willen, für das Wohl der anderen, damit man mich mochte, damit man nicht schlecht über mich sprach. Manchmal, wenn ich daran denke, wie viel ich für fremde Menschen geopfert habe, für Kunden bei der Arbeit, könnte ich platzen vor Wut.
Ja, das waren Menschen, die Hilfe suchten. Helfen gehörte auch zu meiner Arbeit – Sozialarbeit und Beratung in schwierigen Lebenssituationen. Aber hatte ich nicht selbst auch meine eigenen Probleme? Durfte ich so mit mir umgehen, um des Wohles anderer Willen mich selbst zu vergessen? Und was ist mit meinen eigenen Kindern? Heute schäme ich mich, wenn ich daran denke, wie oft ich das Glück von Fremden über meines und das meiner Kinder stellte. Über unseren Frieden, ein stressfreies Leben, über die Zeit, die ich mit ihnen hätte verbringen müssen. Jetzt gibt mir das niemand mehr zurück.
Warum war ich so dumm, blind, naiv, gutmütig. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte… Aber das kann man nicht. Punkt.
Die Kinder sind groß geworden, ihren Weg gegangen, und ich sitze da und erhole mich nach Jahren des Opferns für die Menschheit, des Gutes-Tuns für das Ganze. Etwas für die Freude anderer zu tun.
Was hatte ich davon? Das Gefühl, an etwas Wichtigem teilzunehmen? Anerkennung? Nein, darum ging es wohl nicht. Es ging darum, die Welt vor dem Bösen und der Ungerechtigkeit zu retten. Es ging um den Kampf. Ja, um den Kampf. Vielleicht gab mir das Gefühl, ständig für etwas zu kämpfen, diese scheinbar unerschöpfliche Energie. Scheinbar. Denn jetzt, wo alles vorbei ist, fühle ich mich ausgebrannt wie ein Streichholz. Schnell, ohne besonderen Effekt.
Wofür habe ich so gekämpft? Warum? Im Namen von was? Dachte ich wirklich, ich könnte die Welt verbessern? Dass ich Unrecht ausgleichen könnte? Ich kämpfte gegen Unglücke, die ich unbewusst immer noch in mir trug. Und ich dachte, ich hätte vergeben, ich sei mit der Vergangenheit im Reinen. Dass ich sie nicht mehr tragen würde. Schließlich hatte ich sie doch in vielen Therapien bearbeitet.
Ich dachte, ich sei längst vor der Vergangenheit geflohen. Dass ich gesund sei, erfahren, weil über vierzig bin. Dass ich Tausende Kilometer gereist war, ein Stück der Welt gesehen hatte, drei Kinder großgezogen hatte. So klug bin ich! Schließlich habe ich studiert!
Und? Welche Lehre habe ich daraus gezogen? Was habe ich verstanden? Nichts. Gar nichts begriffen. Obwohl mir das Leben mehr als einmal eine Ohrfeige zur Ernüchterung verpasst hat.
Doch ich bin im Leben so, wie ich in der Schule war: Ich mache nur das, was ich mag und ohne Mühe verstehe, ohne nächtelanges Büffeln. Wenn mir etwas nicht passt, wenn ich es nicht fühle – will ich es nicht einmal versuchen. Ich lege den Rückwärtsgang ein. Ich fliehe. Ich verschiebe es auf später, auf andere Zeiten.
Oft spiele ich auch mit dem Feuer. Verbrenne mir die Finger, und doch reizt mich das Risiko. Die Vorstellung, dass mir etwas nicht gelingen könnte, kommt für mich nicht infrage. So oft bin ich auf allen Vieren gelandet – warum sollte es jetzt nicht nach meinem Willen gehen?
Ich spiele mit dem Feuer und mit Gott. Ich prüfe ihn, ob er immer noch Geduld mit mir hat. Ich reibe ihm fast jeden Tag Sand in die Augen. Und wenn er mich durchschaut? Er ist schließlich älter und weiser als ich.
Was wird dann sein, wenn er mich auf frischer Tat ertappt? Wegrennen? Oder mich hinsetzen, tief durchatmen und die Karten noch einmal austeilen. Diesmal ohne den Willen zum Kampf. Einfach nur, um zu spielen. Ohne spöttisches Lächeln über mich selbst.
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