Meister der scharfen Replik

05.09.2025

Ich merke, dass es mir wieder schwerer fällt zu schreiben, weil ich ab Montag zur Arbeit gehe. Schon jetzt denke ich daran, was mich dort erwartet. Sechs Wochen war ich nicht da. Es fällt mir schwer, meine Gedanken zu ordnen, den ersten Satz zu beginnen. Themen habe ich viele. Ich nehme noch immer vieles wahr, das Inspiration sein könnte. Ich höre Gesprächsfetzen, so wie heute Morgen, als ich mit dem Hund von der ersten Runde zurückkam.

Ich ging an der Bus­haltestelle vorbei. Ein Vater stand da und seine zwei kleinen Töchter saßen auf der Bank und baumelten mit den Beinen – beide in rosa Sandalen. Daneben zwei kleine Rucksäcke, in einer Größe, die sofort verriet, dass beide noch in den Kindergarten gingen. Der Vater stand mit dem Rücken zu mir und mit dem Gesicht zu den Kindern. Ich sagte laut „Guten Morgen“, damit er sich umdrehte und ich ihn mir ansehen konnte. Ein spontaner Reflex. Von hinten erinnerte er mich nämlich an meinen eigenen Vater. Sogar seine Kleidung und Sandalen… Nur seine Stimme war anders. Sanft.

Die Mädchen fragten nach einer Raupe. Was das sei? Der Vater versuchte ihnen zu erklären, worin der Unterschied zu anderen Krabbeltieren bestehe. Er suchte nach Worten, gestikulierte, und die Kinder fragten und fragten. Ich blieb stehen, was meinem Hund sehr gelegen kam, da er gerade einen von anderen Hunden bepinkelten großen grauen Stein beschnüffelte. Ich hatte also eine gute Ausrede, selbst stehen zu bleiben und zuzuhören. Raupen, Würmer, Insekten – eine kurze Biologiestunde an der Bushaltestelle. Geduldige Erklärungen des Vaters und endlose Fragen der Kinder. Schön.

Da spürte ich Neid. Ein schmerzhaftes Stechen mitten ins Herz. Wie ein Aufkratzen einer alten Wunde. Deren Existenz war mir bis zu diesem Morgen gar nicht so sehr bewusst. Natürlich, meine Kindheit war nicht die beste, das habe ich schon oft geschrieben. Ein brutaler, schreiender Vater. Ich habe ihm in meinen früheren Texten immer vorgeworfen, dass er uns quälte, beschimpfte, uns ständig zu sinnloser Arbeit zwang.

Nie aber habe ich so darüber nachgedacht, dass er uns die Welt überhaupt nicht erklärte. Er sprach nie mit uns. Nicht so, wie dieser Vater an der Bushaltestelle – über kleine Dinge, die in diesem Alter aber die ganze große Welt eines Kindes ausmachen. Von ihm habe ich nichts erfahren. Er war es nicht, der uns unsere Umwelt nahebrachte.

Ich frage mich, worüber er überhaupt mit uns sprach? Wenn ich mir versuche, Phrasen ins Gedächtnis zu rufen, die ich aus seinem Mund hörte und die mir bis heute im Kopf herumspuken, dann höre ich immer wieder das Gleiche, dieselben kranken Worte:

„Nur Löwenzahn sammeln! Ich werde prüfen, was ihr für die Kaninchen gesammelt habt!“

„An die Arbeit jetzt!“

„Du wirst gleich lachen aber wie ein Schaf!“

„Geh und brich dir einen Stock vom Flieder! Aber so einen, der nicht auf deinem Arsch zerbricht!“

„Wo ist das Kabel?!“

„Wo ist mein Gürtel mit der großen Schnalle?!“

Ich grabe und grabe in meinen Erinnerungen. Ich bemühe mich wirklich, in den Gesprächsfetzen aus meinem Elternhaus etwas Schönes zu finden, das wenigstens ein wenig an das heutige Gespräch am Morgen erinnerte. Könnte mein Vater jemals so mit uns gesprochen haben? Oder konnte er nur schreien?

Welche Sprache war seine Sprache? Welchen Wortschatz hatte er, welchen Satzbau? Wo setzte er den Akzent, wenn er sprach?

Ich weiß, dass er bis heute laut spricht. Und wenn er wütend ist, presst er die Worte atemlos heraus. Dann werden seine Gesichtszüge schärfer. Seine Augen, klein und stahlblau, werden noch kälter. Er versucht, sie aufzureißen. Doch sie sind tief eingesunken, und sie röten sich nur wie bei einem Säufer, obwohl er schon lange nicht mehr trinkt. Die Nase, gerade und ebenfalls rot, bläht sich an den Seiten. Dadurch wirkt er noch böser, als wolle er andere erschrecken. Sein Kopf versinkt in den breiten Schultern, ohne Hals.

Mein Vater spricht nicht ganz korrekt. Er macht sprachliche Fehler, und manchmal hätte ich lachen wollen – was ich nie wagte, aus Angst. Manchmal hätte ich ihm auch sagen wollen – besonders wenn er sich vor anderen wichtig machte – dass er nicht einmal richtig reden kann, wie ein richtiger Dorftrottel. Ja, man erkennt die Dorftrottel an ihrer Sprache.

Weil sein Wortschatz arm ist, gleicht er das mit Fluchen aus. Schlimm und häufig. Er schimpft, egal auf wen und warum. Ich habe keine Ahnung, ob er merkt, was er da redet, was ihm gerade einfällt. Er war immer taub für das, was andere sagen. Und unempfindlich gegenüber dem Fluss eines Gesprächs. Mein Vater glaubt, er habe eine scharfe Zunge. Und dass er sich alles erlauben darf. Also beleidigt er andere. Witzige Sprüche… Vor allem für ihn selbst. Ja, manchmal kann man sogar lachen, öfter aber weinen. Ein Meister der scharfen Replik.

Mit ihm gibt es keine Diskussion. Man darf keine andere Meinung haben, denn er bricht das Gespräch beleidigt ab: „Gut, hör auf, beenden wir das, es gibt sowieso nichts zu reden.“ Mit diesem Satz kaschiert er auch oft seinen Mangel an Wissen, seine Unbildung und sein Jonglieren mit Unwahrheiten. Irgendwo aufgeschnappt oder in billigen Zeitungen gelesen.

Seine Sprache ist wie sein Inneres – nicht nur das Herz, das ganze Innere – erfüllt von Wut und Hass auf die Welt. Er lebt immer im Gefühl, dass er, er allein, Armut und Unrecht erfährt und nur er vom Unrecht der Welt getroffen wird. Denn die Welt meines Vaters ist sehr einfach, basiert auf Hierarchie und natürlich in Schwarz und Weiß bemalt.

Er teilt die Menschen in jene, denen es auch schlecht geht, und Reiche, die stehlen. Die dürfen alles. In seiner Welt dreht sich alles ums Geld. Die Reichen fahren ein dickes Auto, haben neue Häuser, Urlaube im Ausland, weitere Geschäfte, Kameras, Uhren, goldene Siegelringe. Und vor allem keine Krankheiten. Und wenn sie welche haben, dann haben sie das Geld, um sich davon zu heilen.

Und sie haben Kinder, die sie lieben. Er dagegen – so arm, vom Leben gezeichnet und kränklich – hat nicht einmal seine Kinder bei sich, obwohl sie bei ihm sein sollten – dankbar für das Leben, das er ihnen geschenkt hat.

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