Wiederkehrende Träume

5. September 2025

Die Nacht war unruhig. Wieder träumte ich von der Liebe. Ein wiederkehrendes Motiv in meinen Träumen: Ich bin immer mit jemandem zusammen, dem ich um jeden Preis treu bleiben möchte, und zugleich gehört mein Herz einem anderen. Diese Nacht ging die Geschichte im Traum am weitesten: Fast wäre ich mit diesem wirklich geliebten Mann gegangen. An das Ende erinnere ich mich nicht mehr, die Bilder verschwammen – aber das ist ohne Bedeutung. Die Gesichter, die ich sah, waren mir völlig fremd, sie gehörten niemandem aus meinem wirklichen Leben.

Früher, noch in meiner Ehe, träumte ich fast jede Nacht, dass ich meinen Mann verlassen wollte. Ein Spiegelbild der Realität: In Wirklichkeit wünschte ich mir damals nichts sehnlicher, als meinen eigenen Weg zu gehen, frei, allein.

Es gibt auch einen anderen Traum, der mich seit Jahren verfolgt und mir keine Ruhe lässt. Darin kehre ich zum Studium der Polonistik zurück. Ich träume, dass ich die Literaturprüfung nicht bestanden habe. Immer wieder taucht dieselbe lange Liste von Pflichtlektüren auf, die ich nie bis zum Ende gelesen habe. Eine einzige Prüfung blockiert das gesamte Studium. Auf den Institutsfluren treffe ich ehemalige Bekannte – sie erhalten ihre Diplome, machen Karriere, kommen mit Kindern zurück an die Uni und erzählen, was sie nach dem erfolgreichen Abschluss tun. Nur ich, eine Außenseiterin, habe nichts Interessantes zu berichten. Ich irre immer noch zwischen den Hörsälen umher, im Wissen, dass es für mich längst zu spät ist. Manchmal versuche ich im Traum, mich selbst zu überzeugen, dass ich noch einmal zur Prüfung antreten werde – und dass es diesmal klappt. Zu Hause lüge ich, wenn man mich nach dem Studium fragt – ich sage, dass ich es längst abgeschlossen habe und nun nur noch auf Jobsuche bin.

Es ist eine Täuschung und zugleich wie ein Abbild der Wahrheit. Mein Studium habe ich abgeschlossen, ich habe Arbeit. Doch ich suche immer noch nach dem, was ich wirklich tun möchte. In jedem Job wiederholt sich dasselbe Muster: Ich starte mit enormer Energie, gebe alles, gewinne schnell Anerkennung und habe Erfolg… und plötzlich kommt die Leere. Ich beginne, mich ausgebrannt und gleichgültig zu fühlen. Meine derzeitige Tätigkeit dauert nun schon drei Jahre – und das ist für mich zu lang. Ich bleibe nur, weil man ja von etwas leben muss, aber Zufriedenheit spüre ich überhaupt nicht. Ich kenne mich gut genug, um zu wissen, was ich nicht will, auch, was ich gerne tun würde – doch der Arbeitsmarkt in Deutschland gibt nicht viel her.

Darum träume ich immer öfter von einem eigenen Ort auf dieser Welt – einem kleinen Café, einem Bistro. Ich habe bereits den Namen, die Speisekarte, die Vorstellung, wie alles aussehen soll. Ich möchte kein großes Geschäft, keine Last, die erdrückt. Ich will Gleichgewicht – das, was man heute Life–Work-Balance nennt, doch für mich ist es kein Modewort, sondern eine Notwendigkeit. Ich gehe auf die Fünfzig zu und weiß inzwischen genau, was mir guttut und was mich zerstört.

Nach Jahren schmerzhafter Erfahrungen habe ich gelernt, auf meine Gesundheit zu achten – auch auf die seelische. Vielleicht klingt das nach reiner Esoterik, aber mein Körper rebelliert sofort, wenn ich es mit dem Stress übertreibe. Die Signale sind eindeutig: starke Kopfschmerzen, die mich nachts zur selben Stunde weckten. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich um 2:30 die Augen öffnete und der Schmerz so durchdringend war, dass ich schon an den Tod dachte. Ich hatte tatsächlich Selbstmordgedanken. Es dauerte lange, bis ich begriff, dass ich nicht krank war, sondern etwas ändern musste.

Ich reduzierte meine Verpflichtungen auf ein Minimum. Ich treffe mich nur mit Menschen, die mir guttun. Ich begann, mich selbst zu beobachten und auf die Signale meines Körpers zu hören. Heute weiß ich, wann etwas oder jemand mir schadet. Ich weiß auch, dass ich mich selbst beruhigen kann, wenn nachts Unruhe und Zittern auftreten. Dann rede ich mit mir wie mit einem Kind: Ich erkläre mir, dass es nichts zu fürchten gibt, dass Angst nur ein Schatten der Vergangenheit ist.

Es hilft. Manchmal lege ich die Hände auf meinen Bauch, manchmal streichle ich meinen Arm. Nach einer Weile schlafe ich wieder ein und ruhe friedlich bis zum Morgen, bis der Wecker klingelt.

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