07.09.2025
Mama, in ein paar Tagen wirst du siebzig – und ich fünfzig.
Vor kurzem habe ich ein Foto von dir gefunden.
Gar nicht so alt, aus dem Jahr 2019.
Man sieht, dass die Jahre dich eingeholt haben, aber dein Gesicht war damals noch voller, nicht so von Schmerz gezeichnet, und dein Lächeln war noch unverstellt. In deinen Augen lag ein Glanz. Dein Haar zerzaust, die Stirnlocke wie immer eigenwillig ins Gesicht fallend. Die pflaumenfarbene Bluse stand dir wunderbar – sie passte zu deiner sonnengebräunten Haut. Du hast die ersten Sonnenstrahlen stets gierig eingefangen.
Ich war immer neidisch auf deine dunkle Haut.
Und auf deine Augen – grün, mit gelben Sonnenblumen rund um die Pupillen, eingefasst von einem schwarzen Rand.
Auf deine Wimpern, die du nie zu tuschen brauchtest.
Auf deine sportliche Figur, deine Geschicklichkeit und deine Geduld.
Diese Geduld, die ich leider nicht von dir geerbt habe.
Du konntest Kinder beruhigen wie niemand sonst. Du hast nicht geschrien, nicht geschlagen. Du hast uns mit Liebe gefüttert, gebadet, gekämmt, die Ohren nach dem Baden getrocknet. Du hast Karottensaft gepresst, und im Winter warmes Wasser mit Vibovit gemischt, damit wir keine Rachitis bekamen.
Du hast immer rechtzeitig gekocht und gesund. Aus fast nichts konntest du ein gutes Essen zaubern.
Du hast Wassereimer getragen – zwei auf einmal, Holz gehackt wie ein Kerl, im Winter Kohle geschleppt, jeden Nachmittag den Holzspähnen-Ofen angefeuert. Alles für uns. Nie etwas für dich. Denn um dich selbst hast du dich nie gekümmert.
Mit uns hast du kleine Häuser aus Streichholzschachteln gebaut, wenn uns die Langeweile packte.
Du hast uns gezeigt, wie man Eier auspustet, bunte Ketten für den Weihnachtsbaum bastelt, Männchen aus Kastanien formt und Kränze aus Löwenzahn flicht.
Mama, für all das bin ich dir dankbar.
Dafür, dass du mir gezeigt hast, wie wichtig Kinder sind. Dass man für sie Nächte durchwachen kann, schwere Einkäufe schleppt, Kartoffeln vom Feld trägt, stinkende Enten rupft und unaufhörlich in der alten „Frania“-Waschmaschine wäscht.
Ich bin dir dankbar, dass du mir Mathematik erklärt hast, auch wenn ich frech war und wütend – so als wärst du schuld daran, dass ich dein Talent für Zahlen nicht geerbt habe.
Ich bin dir dankbar, dass du uns Ferienlager ermöglicht hast, durch die ich ein kleines Stück Welt sehen durfte – auch wenn du danach noch monatelang die Raten abbezahlen musstest.
Ich bin dir dankbar für Oma und Opa, für die Zeit bei ihnen. Heute weiß ich: Nur du hast dafür gesorgt, dass der Kontakt nicht abriss. Jeden Sonntag bist du mit uns zu Fuß zu ihnen gegangen, hin und zurück, auch wenn dir die Beine sicher schon damals von der Arbeit schmerzten.
Und heute bin ich dir dankbar für tausend andere kleine und große Dinge.
Auch wenn du vielleicht glaubst, mein Schweigen sage etwas ganz anderes.
Ich weiß, dass du da bist.
Dass du wartest.
Dass ich, wenn mein Leben scheitern würde, immer zu dir zurückkehren könnte. Du würdest helfen. Nie würdest du dich von Stolz leiten lassen.
Es ist gut, jemanden wie dich zu haben.
Gut zu wissen, dass du noch immer dort bist, wo ich herkomme.
Dort, wo ich dich zurückgelassen habe, könnte ich dich jederzeit wiederfinden.
Solange du noch da bist, möchte ich dir noch sagen, dass …
… es mir schwerfällt, zu dir zurückzukehren.
Ich kann mit dir nicht über das Leben reden.
Zu viele Jahre sind vergangen – ohne dich, ohne mich.
Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, was ich sagen könnte, ohne in Tränen auszubrechen.
Während ich diese Worte schreibe, schnürt es mir die Kehle zu.
Ein ungelöstes Problem.
So viele unausgesprochene Geschichten.
So viele verschiedene Sichtweisen – deine und meine, aber keine gemeinsamen.
So verschieden. Aus zwei so unterschiedlichen Welten.
Es fällt uns schwer, einander zu begegnen, ohne zu streiten.
Immer bleiben wir auf halbem Weg zur Wahrheit stecken.
Und gibt es überhaupt eine Wahrheit? Ich weiß es nicht …
Sicher ist nur: Weder du noch ich kennen sie.
Es gibt nur deine Version und meine.
Beide gleich schmerzhaft.
Beide voller Bitterkeit und schwerer Erinnerungen.
Wenn ich an uns denke, an die Zeit, als wir uns nahe waren, tauchen nur Bilder meiner frühen Kindheit auf.
Nur diese Momente, wenn wir allein zu Hause waren – wir Kinder und du, Mama.
Dann ging es uns gut. Für einen Augenblick sicher. Schön war es, wenn du da warst.
Wenn du dich im Haus bewegt hast, beschäftigt warst, während wir etwas am Tisch, auf dem Teppich oder in der Ecke machten.
In solchen Momenten konntest du uns Geborgenheit geben.
Bis Papa zurückkam.
Er veränderte alles. Auch dich.
Hattest du Angst vor ihm?
Was hast du gefühlt, wenn er zurückkam?
Hast du ebenso gezittert wie wir beim Klang seiner Schritte?
Bist du auch strammgestanden?
Oft haben wir zu dir geschaut, wenn wir dich brauchten.
Damit jemand uns vor ihm beschützt. Damit jemand, der sagt, er liebe uns, ihm mutig ins Gesicht schaut.
Warum konntest du das nicht?
Warum hast du uns gezwungen, still zu sein und Papa nicht zu reizen?
Warum mussten wir uns ständig entschuldigen?
Warum sollten wir ihn lieben?
Wofür?
Mama!
Weißt du, vielleicht habe ich damals angefangen, dich fast genauso zu hassen wie ihn.
Ich war wütend, zornig auf dich. Wahrscheinlich deshalb so frech.
Du standest immer auf seiner Seite.
Und das tut bis heute weh, auch nach all den Jahren.
Erinnerst du dich, wie er dich die Treppe hinuntergestoßen hat, als du mit Mariusz schwanger warst?
Du trugst ein lilafarbenes Kleid mit weißem Kragen, von Frau Koladowa genäht.
Zwei perlmuttfarbene Knöpfe wie Bonbons.
Deine Haare zum Pferdeschwanz gebunden.
Schon damals, obwohl du jung warst, fehlten dir ein paar Vorderzähne.
Ich habe mich dafür geschämt.
Ich erinnere mich an alles.
Ich habe dich damals gebeten, dass wir zu Oma und Opa ziehen.
Wir hätten ein eigenes Zimmer gehabt. Opa hatte es uns sogar versprochen.
Du hast nicht auf mich gehört.
Warum?
Hattest du Angst, allein durchs Leben zu gehen, ohne ihn?
Du hättest es geschafft.
Vielleicht sogar besser.
Vielleicht wärst du heute gesund und heiter. Wärst eine schöne Frau geblieben.
Vielleicht wäre uns so viel Unglück erspart geblieben. Keine so zerbrochenen Lebensgeschichten.
Weißt du, Mama, ich glaube, auch ich wäre für dich eine bessere Tochter gewesen.
Ich hätte den Respekt vor dir nie verloren.
Vor der wichtigsten Person in meinem Leben.
Du wärst heute vielleicht nicht allein, obwohl du fünf Kinder hast.
Warum hast du ihn gewählt?
Nur du allein kennst die Antwort.
So oft habe ich dich schon gefragt, und du bestehst stur darauf, meine Frage nicht zu verstehen.
Ist es wirklich so schwer, die eigenen Kinder zu begreifen?
Du wirfst uns Lieblosigkeit vor, mangelndes Herz.
Jedem von uns hängst du ein Etikett an.
Lebt es sich für dich so leichter?
Fällt es dir einfacher, Fremden zu sagen, dass wir – die Kinder – an allem schuld sind?
Dass wir dich als Mutter ablehnen?
Wie stellst du dir eine echte Familie vor?
Ich weiß, du hast versucht, eine zusammenzufügen. Uns einzureden, dass wir Kinder und ihr, die „liebenden Eltern“, uns gegenseitig etwas beweisen müssten.
Aber glaube mir, Mama – nichts lässt sich erzwingen.
Mit Gewalt erreicht man nichts. Für die Fassade auch nicht.
Nur selbstlose Liebe, gegenseitiger Respekt und Wahrheit können etwas aufbauen – und all das fehlte in unserem Leben.
Dodaj komentarz