Frau Szalowa

17.09.2025

Wieder bin ich nach vier Uhr aufgewacht. Seit ich arbeite, schlafe ich schlecht. Um diese Zeit finde ich keinen Schlaf mehr. Ich wälze mich von einer Seite auf die andere, und die Gedanken schwirren mir im Kopf herum. Gestern war zu viel Unangenehmes. Im Nacken spüre ich Spannung. Beim Erwachen ein leichtes Stechen. Blockade. Eine Stressreaktion. Gut bekannt.

Meine Gedanken schweifen zurück nach Maniow, in mein Dorf. Heute taucht die Erinnerung an Frau Szalowa auf – die älteste Frau dort. Über hundert Jahre alt ist sie geworden, als Einzige im Dorf. Auf ihre Weise freundlich, aber im Umgang mit den Menschen doch von einer gewissen Härte. Ich erinnere mich an ihre Hände: kräftig, kantig, vom Arbeiten gezeichnet. Kurze Nägel, fast ins Fleisch eingewachsen, umgeben von einem dunklen, bräunlichen Saum. Kein Schmutz – sie war sehr reinlich. So sagte meine Mutter, wenn sie mich zu ihr schickte, um Milch oder die Sahne zu holen, die Szalowa selbst machte. Die dunkle Spur schwerer Arbeit hatte sich in ihre Haut eingebrannt, und sooft ich ihre Hände ansah, dachte ich: So wollte ich niemals arbeiten.

Frau Szalowa war eine von denen, die von früh bis spät schufteten – Seite an Seite mit ihrem Sohn Bolek. Ihr Mann war viel älter, hochgewachsen, schlich durchs Dorf, die langen Beine nachziehend. Immer langsam. Er sah durch die Leute hindurch, nicht auf sie. In seinen Augen lag Abwesenheit. Grau-milchige Locken umrahmten sein Gesicht, das so rot war wie das eines Truthahns – und doch trank er nicht.

Sonntags ging der alte Szal als Erster in die Kirche. Szalowa ging auch, aber später, allein. Sie marschierte schnellen Schrittes, trotz ihres Alters. Wahrscheinlich war sie es gewohnt, in Eile zu sein – bei all den Pflichten im Hof, im Haus und im großen, blumenreichen Garten. Ihr Sohn Bolek fuhr mit dem Fahrrad.

Bolek stotterte sehr stark und Leute verspotteten ihn. Man musste lange warten, bis man verstand, was er sagen wollte. Aber er besaß einen nagelneuen Traktor, den man sich bei ihm auslieh – deshalb duldete man ihn. Sogar gemocht wurde er, denn er war kein schlechter Mensch. Naiv vielleicht, ja, vielleicht sogar einfältig. Man lud ihn auf ein Gläschen ein für Arbeiten, die er oft ohne Bezahlung erledigte.

Darum saß Bolek oft mit meinem Vater am Küchentisch und trank, ohne zu merken, dass mein Vater nur jedes dritte Glas leerte. Er trank mit ihm, wenn er seine Hilfe brauchte oder Platz im Speicher für sein Getreide. Einige Säcke schlechten Weizens, kaum besser als Taubenfutter, brachte mein Vater bei Bolek unter. Und zahlte nichts dafür.

Das Haus der Szals war ein alter deutscher Speicher. Bis heute sieht man daran die Spuren der deutschen Vergangenheit. Unter dem Dach hing eine alte Kurbel, mit der man die Säcke durch kleine Fenster hinaufzog. Das Haus war hoch, zweigeschossig, doch nur unten befanden sich Wohnräume. Dort waren auch die größeren Fenster. In Szalowas Fenstern hingen prunkvolle Gardinen – wohl ein Geschenk der Tochter aus Deutschland. Sie war mit Mann und Kind in den Westen ausgewandert. Manchmal, sehr selten, stand ein Auto mit deutschen Kennzeichen vor dem Haus. Sauber, glänzend, nagelneu. Ein Objekt der Begierde für viele im Dorf. Sicher auch für meinen Vater.

Die Tochter von Szalowa zeigte sich bei ihren Besuchen kaum im Dorf. Nur sonntags ging sie mit der Mutter in die Kirche. Arm in Arm marschierten sie schnellen Schrittes. Die Tochter mied die Blicke, als wollte sie keinen Kontakt. Bei uns hieß es, die, die in den Westen gegangen waren, hätten Angst, jemand könnte sie bitten, auch andere „mitzuziehen“ – auf die Saisonarbeit.

Die Enkelin von Szalowa ließ sich im Dorf nicht sehen. Sie spielte nicht mit uns im Park, ging nirgendwohin. Sie blieb vor dem Haus auf der Wiese und spielte mit Szalowas Hund. Er blieb für die ganze Besuchszeit der Enkelin von der Kette befreit und glücklich.

Sie spielte anders als wir – so „städtisch“. Anmutig warf sie ein Stöckchen, der Hund sprang danach, und das Mädchen lachte perlend. Sie trug schöne Kleidung – kurze rote Shorts und einen breiten, modischen Gürtel. Selbst wenn ich dastand und sie ansah, nahm sie mich nicht wahr. Alle Dorfkinder waren für sie Luft. Ich dachte, vielleicht schämte sie sich, weil sie kein Polnisch sprach.

Einmal in einigen Jahren stand auch ein Auto mit französischen Kennzeichen vor Szalowas Haus. Sie hatte eine Schwester in Frankreich. Beide Schwestern sahen sich ähnlich – kurze Frisuren, stark gekräuselte Dauerwelle. Eines Sommers kam die Schwester mit Tochter und einem Jungen. Sie blieben fast den ganzen Sommer. Zwei Monate! Fabrice… Gott, was für ein Name, was für ein Junge. Ganz anders als unsere Dorfjungen.

Lockiges Haar, dunkler Teint, sportliche Gestalt. Und eine Leichtigkeit, die ihn von allen anderen abhob. Täglich spielte er mit Jungs Fußball im Park, auch wenn er kein Wort Polnisch sprach. Wenn er unsere Namen aussprach, war ich hingerissen von seinem fremden Akzent. Seine Sprache klang singend, exotisch. Deshalb fingen wir – Patrycja, Monika und ich – an, beim Fußball mitzuspielen.

Fabrice störte es nicht, dass wir alle gleichzeitig im Tor stehen oder in seiner Mannschaft spielen wollten. Er war anders. Wir verliebten uns sehr. Alle – das weiß ich, auch wenn es keine zugab. Jeden Tag wartete ich am Fenster, bis er auf der Straße erschien, um ihm dann in den Park nachzuschlüpfen. Um Fußball zu spielen, machte ich die Hausarbeit schneller als sonst. Hauptsache, so viel Zeit wie möglich auf dem Spielfeld mit ihm verbringen. Patrycja und Monika taten dasselbe. Wer wollte nicht einen Franzosen zum Verlobten haben?

Aber es schien, als interessiere Fabrice nur der Fußball. Er verabredete sich mit keiner von uns, flirtete mit niemandem. Nicht einmal mit Patrycja, der Schönsten von uns. Meine Sommerverliebtheit blieb also einseitig. Eines Tages verschwand er ohne Abschied – und blieb zwei, vielleicht drei Jahre fort.

Als er zurückkam, war er fast erwachsen. Gleichgültig gegenüber unserem Winken. Fußball interessierte ihn nicht mehr, auch wenn wir drei wieder im Park saßen und auf ihn warteten. Stattdessen traf er sich mit den Jungs vom Dorfvorsteher. Städter. Sie sahen nicht zu uns hin – und wir zu ihnen schon, voller Sehnsucht.

In den nächsten Ferien, kurz vor Ende der Grundschule, tauchte Andrzej auf. Ebenfalls aus der Stadt – aus Legnica. An Schönheit reichte er Fabrice das Wasser. Selbstbewusst, sportlich, modisch gekleidet, mit schicker Frisur. Schlagfertig. Er wählte sofort Patrycja. Von da an gingen sie Hand in Hand durchs Dorf und küssten sich öffentlich. Gott! Ich hätte mich das nie getraut, die Leute hätten geredet – aber ich war so neidisch. Ich wollte auch meinen ersten Jungen haben. Aber wie, mit meinem Aussehen? Nie würde ich so hübsch, schlank und gewitzt sein wie Patrycja.

Also tauchte ich in Liebesromane ein. Ich träumte davon, dass ich eines Tages jemanden finden würde, der mich liebte, wie in all diesen herzzerreißenden Geschichten. Ich las einen nach dem anderen, vom Regal meiner Großmutter heruntergeholt. Sie selbst las nie, also wusste ich, dass die Bücher wohl von Tanten dort geblieben waren. Voller leidenschaftlicher Szenen. Eines Nachmittags bekam ich dabei nicht nur Herzklopfen – sondern auch meinen ersten Orgasmus.

Verblüffung – und große Lust…

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