04.10.2025
Ich schaue in mein Notizbuch auf den letzten Eintrag – schon drei Wochen sind vergangen, seit ich nichts mehr geschrieben habe. Wieder bin ich im Trott des Alltags gelandet, in diesem vertrauten Rhythmus, der Tag für Tag verschlingt. So wenig Zeit bleibt zum Schreiben. Schade. Ich bedaure sehr, dass ich nicht frei über meine Zeit und mein Leben verfügen kann – vielleicht etwas groß gesagt – jedenfalls nicht so, wie ich es gern hätte.
Ich weiß, dass ich schreiben kann. Es ist wohl das Einzige, dem ich mich so sehr hingeben könnte, dass ich die Welt um mich herum vergesse. Doch das Wort „Hingabe“ passt hier nicht ganz, denn ich bringe kein Opfer und spüre keinen Zwang, wenn ich schreibe. Ich möchte sagen, dass es die einzige Tätigkeit ist, der ich treu bleiben kann – standhaft im Schreiben.
Bis heute habe ich meine Berufung nicht gefunden. Ich habe viele verschiedene Arbeiten gemacht – und mache sie immer noch. „Berufe“ will ich sie nicht nennen, denn müsste ich mich einer Gruppe zuordnen, würde ich wieder nirgends so recht hineinpassen. Auch das ist mein ewiges Thema: Leben am Rand. Dazwischen. Immer mit einem Fuß schon woanders.
Manche sagen bewundernd, ich würde zwischen den Welten leben. Aber das ist nur im kulturellen und sprachlichen Sinn gemeint. Wenn es um Arbeit geht, sehe ich eher spöttische Blicke, höre Kommentare wie: „Schon wieder was Neues? Und was ist mit dem alten Job?“ Ich kann nichts dafür: Sobald ich ein Ziel erreicht habe (das nur ich selbst benennen kann) beginne ich, mich nach etwas Neuem umzusehen. Das Alte verliert seinen Reiz und ich fühle mich schnell innerlich leer, wenn ich meine kostbare Zeit weiter in etwas investiere, das mich nicht mehr bewegt.
Zeit… Ich habe plötzlich gelernt, sie zu schätzen. Wahrscheinlich hängt das mit meinem Alter zusammen. In drei Wochen werde ich fünfzig und ich kann schon rückwärts zählen. Ich habe meinen Zenit überschritten. Ein seltsames, erschreckendes Gefühl. Ich fürchte mich vor dem Alter. Vor Gebrechlichkeit, Krankheit, Schrullen. Ich weiß nicht, ob die jungen Leute – die in dem Alter meiner Kinder – mich schon als „ältere Dame“ sehen. Früher verband ich diesen Ausdruck mit meinen Großeltern. Jetzt sehe ich mich selbst mit einem Schild um den Hals: Frau im fortgeschrittenen Alter.
Dabei fühle ich mich gar nicht alt. Im Kopf jedenfalls nicht. Aber ich weiß, dass es sich anschleicht, dass es hinter mir steht. Morgens, wenn ich aufstehe und die ersten Schritte über den Holzboden mache … dann spüre ich es. Die Füße bewegen sich anders. Nicht ausgeruht, selbst nach acht Stunden Schlaf. Wahrscheinlich werden sie es nie wieder sein. Wahrscheinlich werde ich diese Müdigkeit nicht mehr aufholen.
Jahrelang habe ich nicht darauf geachtet, was mein Körper wollte. Ich habe Energie für Nichtigkeiten verschwendet, mich selbst nicht respektiert. Nie darüber nachgedacht, dass man Gesundheit nur einmal hat – so wie das Leben. Ein Spruch, den Mütter und Großmütter seit Generationen weitergeben. Aber damals war man in einem Alter, in dem man glaubte, alles besser zu wissen. Man hatte die Weisheit mit Löffeln gefressen, lachte den Älteren ins Gesicht und verdrehte die Augen.
Und jetzt? Ich gewinne an Respekt für die Vergänglichkeit und Ruhe. An Verständnis für viele Situationen, in denen ich mich früher nicht einmal vorstellen konnte – und in denen ich andere, vor allem meine Mutter, scharf kritisierte. Dass es ihr weh tut, dass es zwickt, dass sie morgens mit den Hühnern aufsteht und auf dem Sofa einschläft. Dass sie nicht mitgeht, nicht hochkommt, dass sie keine Lust hat. Weil sie nicht kann. Weil sie all die Jahre konnte und musste.
Jetzt fehlen Kraft und Gesundheit. Auch Geduld – mit anderen und mit sich selbst. Aber die Scham ist verschwunden, es zuzugeben. Wozu sich schämen, wofür? Für das Älterwerden, den Verfall, die Schwäche? Dafür, dass es näher zu den sehr Alten – zu unseren Vorfahren – als zu den jungen Generationen ist?
Ein bisschen Scham spüre ich noch, wenn ich nicht alles verstehe. Ich möchte Moderne und Fortschritt begreifen wie früher, schnell. Immer auf dem Laufenden bleiben. Mit meinen Kindern reden und diskutieren und immer noch einen klugen Satz hinzufügen. Mein eigenes Wort behalten.
Ich möchte immer noch lernen können – schnell und mit sichtbarem Erfolg. Keine Angst haben, loszugehen, neue Welten zu entdecken. Den Rucksack schultern und aufbrechen – mit erhobenem Kopf, auch wenn vielleicht mit Herzklopfen. Dieses Gefühl kenne ich gut aus den Jahren der Jugend.
Noch immer diese Chance haben, alles von Neuem zu beginnen. So viel Zeit haben, dass es für Neues reicht. Einen Vorrat im Lebensrucksack – Zeit für morgen, übermorgen, für irgendwann.
Nie aufwachen und denken: hm … schon alles vorbei? Ist das das Ende?
Wie schade, dass es so kurz war. Und dass so wenig vom Leben blieb.
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