Überlebensstrategie

5. Oktober 2025

Ich lerne für die Deutschprüfung. C2, weil ich mich im Anflug des Bedürfnisses nach Veränderung der Arbeit dafür angemeldet habe.
Ich dachte, ich könnte anfangen, in einer Schule zu unterrichten.
Ich habe nicht in Deutschland studiert, deshalb hätte so ein Zertifikat im Schulwesen wohl eine gewisse Bedeutung.
Man weiß ja nie. Einen Job habe ich trotzdem nicht bekommen.
Nicht einmal eine Absage.
Und die Prüfungsangst hat mich schon eingeholt. Ich fühle mich wieder wie vor vielen Jahren, als ich irgendeine Klassenarbeit schreiben musste oder Angst hatte, aufgerufen zu werden.
Ich habe mich nie wirklich auf das Lernen konzentriert.
Ich tat nur das, was mir Freude machte und mir leichtfiel.
Den Rest habe ich vermieden – und das erfolgreich.
Ich kam durchs Gymnasium, bestand das Abitur und schloss in Polen die Universität ab. Eine Meisterin der Überlebensstrategien.

Auch jetzt verlasse ich mich wohl auf das Glück. Oder brauche ich den Nervenkitzel? Ich könnte einfach nicht nach Göttingen fahren,
dorthin, wo die Prüfung stattfindet. Ich würde meine Gesundheit schonen. Aber ich kann nicht aufgeben.
Ich will es versuchen. Ich rede mir ein, dass es für mich nichts bedeutet, wenn ich nicht bestehe. Trotzdem tief in mir spüre ich das Bedürfnis zu bestehen.
Das Bedürfnis, es mit Erfolg zu beenden.
Zerrissenheit. Wie immer.
Ein vertrautes Gefühl.
Vertraut wie das Leben im Stress und unter Druck.
Versprechen, die ich mir längst gegeben habe, halte ich wieder nicht ein. Ich habe mir geschworen, leichter zu leben. Alles vermeiden, was mich aufregt, was mir nicht guttut,
was mich in Krankheit und Depression treibt.
In das Ausgebrannt sein.
Vor zwei Wochen war ich bei einem großen Schulfest in Świdnica.
Das achtzigjährige Jubiläum der Schule und ein Klassentreffen.
Ich schlief in einem Hotel neben der Kirche des heiligen Josef.
In einer kleinen, engen Gasse. In der Stadt der Sorglosigkeit, die von Montag bis Freitagnachmittag dauerte. Damals war ich in der Schule und im Internat. In die Kirche ging ich nur, wenn mich die Angst packte.
Ich stand dann früh auf, wohl schon um fünf. Oft schliefen die anderen Mädchen auch nicht mehr und lernten eifrig für Tests und Klassenarbeiten. Und ich glaubte hartnäckig an Wunder. Ich ging duschen, zog mich an und ging zur Frühmesse um sechs Uhr. Ich saß in der Bank und fiel andächtig auf die Knie, wenn der Gottesdienst zu Ende ging und es Zeit war, zur Schule zu gehen.
Die Angst stieg mir in den Hals. Ich flehte Josef um Hilfe an.
Als hätte der Heilige auf dem Altar die Macht, mir all das Wissen in den Kopf zu drücken, das ich nicht gelernt hatte, weil ich im Unterricht nicht aufpasste. Oder den Unterricht schwänzte.

Oft verbrachte ich die Zeit mit Nichts. Mit Dummheiten. Mit ziellosem Herumlaufen in der Stadt. Mit Späßen und Stören, mit dem Suchen nach Komplizen für angeblich lustige Streiche.
Lustig meistens nur für mich. Manchmal fand sich jemand zum Spaßhaben, aber selten. Ich weiß nicht, warum ich das alles tat.
Als müsste ich mich austoben für all die Jahre der Stille und der Zucht zu Hause, für die Schläge, nur weil ich einfach ein Kind sein wollte. Ich war wie ein Hund, nach Jahren der Gefangenschaft plötzlich von der Kette gelassen.
Ich wusste nicht, wohin mit mir. Das Wichtigste war: so weit wie möglich weg von zu Hause.
Ich hatte fünf Tage zum Austoben. Für Wildheit und Wahnsinn,
die ich damals brauchte wie nichts anderes auf der Welt.
Am Freitag, mit dem gepackten Rucksack auf dem Rücken,
ging ich zur Schule und dann direkt zum Bahnhof – nach Hause.
Und dann wurde plötzlich alles schwer und traurig. Ich ging langsam. Mit Widerwillen nach Hause, mit Widerwillen zu den Eltern. Ich freute mich nur auf meine Geschwister, dass ich sie sehen, umarmen, mit dem Kleinen spielen würde. Ich liebte meine Brüder sehr.
Dem Jüngsten kaufte ich jede Woche ein billiges Spielzeug,
einen Ramschartikel vom russischen Markt beim Busbahnhof.
Für ein paar Groschen. Ich sparte, indem ich nicht für Mahlzeiten bezahlte. Ich hätte nichts gehabt, wenn ich im Internat regelmäßig gegessen hätte. Nicht einmal für Binden hätte es gereicht. Ich zahlte also nur für das, was nötig war: Frühstück von Montag bis Donnerstag. Am Freitag musste man bis zum Mittagessen zu Hause durchhalten. Dort aß ich mich satt und wenigstens kostenlos.
Unter der Woche musste ich tricksen. Trocknes Brot aus der Kantine stehlen. Ich schlich mich leise in die Küche, in der Pause zwischen den Schichten, wenn keine Köchinnen da waren.
Ich nahm aus den emaillierten Wannen ein paar Scheiben, und um den Rest musste ich die Mädchen bitten, mir zu bringen, was sie selbst nicht gegessen hatten. Manchmal war das Essen zu lecker,
dann musste ich mich mit einem Stück Butter oder einem Löffel Marmelade begnügen. Ich hatte keine Scham, zu bitten, denn ich hatte aufgehört, an Scham zu denken. Ich hatte dieses Gefühl tief verdrängt, sonst hätte ich wohl die vier Jahre in solchen Bedingungen nicht überlebt.
Im ewigen Hunger.
Im Studium war es ähnlich. Ich sparte am Essen. Ich musste regelmäßig nach Hause fahren, um satt zu werden. Und der Vater musste meine Besuche mit Geld erzwingen. Ich bekam etwas, als ich kam. Als ich nicht kam – gab es nichts.
So einfach. Wie sein Denken.
Wenn ich zu Hause war, packte ich alles Essbare in Taschen. Es musste für eine Woche reichen. Zu dieser Zeit zu Hause war wirklich wenig, denn in den neunziger Jahren herrschte bei uns große Armut. Der Kühlschrank war leer und im trockenen Keller schrumpften die Kartoffeln, sie trieben zu schnell aus und welkten.
Für so viele Münder reichten die Ernten nie lange. Es war immer zu wenig von allem.
Mama machte keine Einmachgläser mehr, seit sie die zwei weiteren Kleinen bekam. Sie hatte einfach keine Kraft mehr für Gurken, Bohnen oder Marmeladen. Das Einkochen und Einlegen mochte sie auch nie besonders. Ich machte jahrelang Pflaumenmarmelade, aber seit ich im Sommer anfing, so weit wie möglich von zu Hause zu fliehen, verfaulten die Pflaumen auf den Bäumen. Und die meisten waren sowieso wurmstichig. Wie fast alles in unserem Garten und auf unseren Obstbäumen.
Wenig und unergiebig. Mama sagte, es liege an der Erde. Auf unserem Feld war sie voller Steine und ausgelaugt. Beim Nachbarn wuchs alles prächtig. Wenn sich in irgendeinem Sommer doch mal etwas ergab, war es zu teilen – mit dem Großvater,
der Tante, ihrer Familie. Am Ende blieb fast nichts für niemanden.

Mama züchtete Enten und Hühner. Ab und zu gab es ein Mittagessen daraus, aber zu teilen für sieben Personen.
Meistens konnte ich davon nichts ins Internat mitnehmen.
Eier gab es manchmal. Schon im Herbst, im kalten Hühnerstall,
legten die Hühner keine Eier mehr. Vater kam nie auf die Idee, ihn zu dämmen. Wozu auch. Er kümmerte sich um nichts – nicht um die Kinder.
Nur die Tauben hatten es gut bei ihm. Er züchtete Hunderte davon,
zum ewigen Klagen der Mutter, dass sie ihr alles im Garten aufpickten und den ganzen Hof vollschissen. Und das Dach zerstörten, das deshalb jahrelang leckte und die Decken überflutete, besonders kurz nachdem Mutter die Zimmer renoviert hatte. Aber Vater kümmerte das wenig.

Mama war dafür da, sich um Haus und Hof zu kümmern.
Nicht nur, um zu gebären und zu erziehen, sondern auch, um zu ernähren. Mama war für alles gut – auch dafür, Vater immer zu verteidigen und Entschuldigungen für ihn zu erfinden.
Ihn um Geld für uns zu bitten.
Ihn zu bitten, uns im Winter mit dem Auto zum Bus oder Zug zu bringen, weil er nicht wollte, wenn er schlechte Laune hatte.
Sie bat um Kleingeld für ein Ticket und um neue Schuhe, weil es nicht mehr ging, in den alten zu laufen, die sehr drückten.
Sie bat auch, dass er nicht schlägt. „Sieh doch, sie weinen,
es reicht jetzt, du schneidest ihnen noch den Rücken mit dem Gürtel auf. Sie haben doch nichts Schlimmes getan.
Beruhige dich.“
Und wenn der Vater uns eine Strafe ausgedacht hatte,
lief sie uns nach, weil man bis in die Nacht Kartoffeln auf dem Feld auflesen musste und es war schon dunkel, und die Kinder hatten Angst.
Auch Löwenzahn musste man am Ackerrand rupfen,
denn in den Körben, die man von der Wiese brachte,
war das Gras nicht festgedrückt und von schlechter Sorte
und eignete sich nicht für die Kaninchen.
Kartoffelkäfer sammelte unsere Mutter mit uns in der brennenden Sonne in die Wodka-Flaschen, damit die Kartoffeln nicht von der Plage überfallen würden.
Sonst hätten wir im Winter Steine fressen müssen.

Unsere Mutter.
Schlichterin und Retterin.
Opfer ungerechter und wankender Friedensabkommen.
Denn unsere Wut über den Vater luden wir an ihr ab.
Bei ihr war uns erlaubt, was sonst nicht.
Sie schlug nicht.

Dodaj komentarz