Lotto

16. Oktober 2025

Ich kam von der Arbeit völlig erschöpft nach Hause. Beim Essen schlage ich die Zeitung auf und lese, welche Zahlen beim Lotto gezogen wurden. Alte Gewohnheit.

4, 5, 6, 7, 13, 21… Ich pruste plötzlich los, gerade als ich ein Ravioli mit Pilzsauce hinunterschlucke. Also hätte Artur unseren Vater tatsächlich zum Millionär machen können. Es war also theoretisch möglich – viele kleine, aufeinanderfolgende Zahlen, zufällig im Lotto zu ziehen. Und dieser alte Bock hat Artur so angeschrien, dass er dumm sei und zu nichts tauge. Ich weiß nicht einmal, ob er ihn deswegen nicht auch geschlagen hat. Wahrscheinlich schon. Ein Grund war für ihn immer leicht zu finden. Ich erinnere mich gut an dieses Abfragen und Ankreuzen der Zahlen auf dem Lottoschein. Er drückte den Stift fast durch das Papier. Wozu eigentlich, frage ich mich, dieser alte Esel, brauchte er unsere Vorschläge? Er wusste doch ohnehin immer alles besser.

Seine Zahlen waren die „wahrscheinlicheren“. Sie mussten unterschiedlich sein und im Bereich von 1 bis 49 liegen. Woher aber sollte Artur in dem Alter wissen, dass 54 außerhalb dieses Bereichs liegt? Er war ja noch ganz klein. Die Zahlen, die er gelernt hatte, reichten nicht fürs Lotto, und die, die er irgendwo aufgeschnappt hatte, passten einfach nicht. Trotzdem brüllte er ihn an.

Ich erinnere mich an Arturs nassen Haare. Vom Schweiß? Vater kämmte sie ihm immer streng zur Seite. Er mochte es, wenn Jungen so frisiert waren. Er drückte die Zinken des Kamms in die Kopfhaut, damit der Scheitel schön tief und gerade wie mit dem Lineal wurde. Nach dem Baden mussten die Haare glänzen. Und sie glänzten – denn wer hätte sich schon gegen Vater gestellt? Erst glänzten aber die Augen – vor Schmerz und Angst – vor der Präzision, mit der er den Kamm durchzog.

Artur musste Hosenträger tragen, passend zu seiner schönen, perfekten Frisur. Ja! Cordhosen und Hosenträger, um wie ein richtiger Mann auszusehen. Und die Lippe durfte nicht zittern, wenn ihm die Tränen kamen – denn echte Männer weinen nicht. Sie stehen stramm wie Soldaten, wenn Papa kämmt und wenn er mit der Hosenträgerklammer „nur zum Spaß“ schnippen lässt. Das fand er immer lustig. Ein Mann mit Humor. Besonders dann, wenn er über seine eigenen Kinder lachen konnte. Meistens verkatert oder wütend, weil er zum Beispiel schon wieder, verdammt nochmal, nicht gewonnen hatte. Wieder nichts, zum Teufel! Schon wieder musste er sich neue Zahlen ausdenken – wahrscheinlichere, näher am Sieg, näher am ersehnten Millionenbetrag.

Gott, lass ihn doch einmal gewinnen, bete ich, nur einmal – um des lieben Friedens willen.

Ich beiße mir auf die Zunge. Uns wurde ja immer beigebracht, dass man um nichts bitten darf, vor allem nicht um Geld. Man darf keine Schande machen. Man muss seine Ehre haben. Arm sein ist erlaubt, aber ehrenhaft muss man bleiben. Sein Stolz zeigen. Nichts borgen, nichts Fremdes anfassen und schon gar nichts vom Vater – sonst hackt dir der liebe Gott die Finger ab. Nichts wollen, nichts erwarten, denn Wurst ist nichts für Hunde. Schau dahin, wo dein Platz ist, nicht über den Zaun zum Nachbarn. Haben die anderen was? Dann haben sie es sicher gestohlen oder auf fremdem Leid aufgebaut. Mit Ehrlichkeit kommt man zu nichts. Die Welt ist schlecht, das Böse lauert überall und du bist dumm, Kind. Du wirst die Menschen schon noch kennenlernen. Du wirst dich von ihnen böse täuschen und mit blankem Hintern auf der Müllkippe landen. Lächerlich bist du, ungehorsam und dumm, Kind. Ab ins Bett, aber zuerst Gebet! Und nicht auf der Bettkante sitzen – man kniet! Zur Strafe ein Zehner vom Rosenkranz. Laut und deutlich! Nicht gähnen! Sonst halte ich dich wach für noch einen Zehner.

Und jetzt ab ins Bett, kein Licht mehr anmachen. Leg das Buch weg. Nicht lachen! Haltet die Klappe, sonst mache ich sie euch zu!

Endlich – Stille.

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