Unabhängigkeit

28. November 2025

Gestern habe ich meine Gedanken über Unabhängigkeit aufgeschrieben. Über die Freiheit, nach der ich mich so sehne, dass ich sogar dafür meinen Job hinschmeißen und meinen Partner verlassen würde. Heute kam im Traum die Antwort meines Unbewusstes.

Ich lächle jetzt, während ich das schreibe, obwohl mir eigentlich gar nicht zum Lachen zumute war. Als ich aufwachte, fühlte ich sogar Angst und suchte im Bett sofort nach Wilm. Nach Ruhe. Nach der Gewissheit, dass er nicht gegangen war. Ich träumte sehr intensiv. Ich weiß, dass ich einmal nervös aufgewacht bin und dann — als ich wieder einschlief — wieder tief in die Traumgeschichte hineingezogen wurde.

Der Chef verkündete in einer Sitzung (ich weiß nicht einmal, was das genau für ein Treffen war), dass er wolle, dass ich im gegenseitigen Einvernehmen gehe. Er habe eine passendere Person für meine Stelle gefunden. Sie könnte sofort anfangen. Ich hatte das Gefühl, dass eigentlich schon alle Bescheid wussten. Panik bekam ich trotzdem nicht. Ich begann, nüchtern über die Situation nachzudenken und sofort abzuwägen, wo ich arbeiten könnte. Ich sagte, dass ich drei Monate brauche, und dass ich ja auch drei Monate Kündigungsfrist habe.

Der Chef fing an, die „Neue“ vorzustellen — oder eher ihren Vater, der jemand Bedeutendes ist. Im Traum verstand ich, dass ich austauschbar bin — und zwar ziemlich schnell. Sogar die Personalchefin akzeptierte ohne Weiteres den neuen Zustand, obwohl ich früher ein ganz anderes Bild von ihr hatte. Ich dachte, dass sie als geschiedene Frau mit Kindern, also in einer ähnlichen Lage wie ich, sozialer reagieren würde.

Der Chef, weiterhin freundlich, verhielt sich jedoch wie ein Spieler. Er ging durch den Raum, stellte die Mitarbeitenden wie Figuren auf einem Spielbrett um — nur ich stand am Rand, wie ein geschlagener Bauer. Ich bedeutete nichts mehr, obwohl ich dachte, wir hätten eine gute Beziehung. Ich sehe, wie sich eine neue Konstellation bildet — ohne mich.

Hartnäckig denke ich daran, wo ich jetzt unterkommen und wie ich mein Geld zum Leben verdienen soll. Ich sehe aus dem Fenster Rita — die Besitzerin des Cafés, bei der ich im Sommer ausgeholfen hatte. Sie kommt auf mich zu. Auf dem Kopf trägt sie eine große, bunte Filzmütze. Sie ist anders als alle anderen. Eine Frau mit gutem Herzen.

Ich mache ihr Tee. Um den Tisch herum versammeln sich meine Kinder. Plötzlich sind sie klein, aber als wüssten sie schon alles, was passiert ist, und erwarten eine Lösung. Ich muss entscheiden — wie immer — allein. Wilm ist nicht bei mir und wird es von nun an auch nicht mehr sein. Ich spüre Unruhe. Ich habe mit ihm Schluss gemacht. Ich weiß nicht, wie und wann genau, aber ich weiß, dass es meine Entscheidung war, weil ich frei sein wollte. Ich habe zwischen uns immer irgendein Problem gesucht. Und jetzt stehe ich alleine da.

Die Welt wankt, und ich suche weiterhin verzweifelt nach einer schnellen Lösung.

Ich gehe plötzlich in einen Raum hinein, in dem irgendeine Sitzung stattfindet. Ich fühle mich fremd und unerwünscht. Ein Mann kommt auf mich zu. Ich frage, was die Leute dort machen. Eine knappe, sachliche Erklärung. Der Mann steht in der Tür, will mich aber eigentlich nicht hineinlassen. Er zeigt mir irgendein buntes Papier, einen Flyer — ich verstehe nichts. Überhaupt nicht mein Thema. Ich gehe weiter.

Mich überkommt der Gedanke, dass mir nur die Arbeit im Café bei Rita bleibt. Leider für wenig Geld.

Plötzlich sehe ich wieder den Chef und die Personalchefin und wiederhole ihnen, dass ich Zeit bis Ende Februar brauche — gemäß meinem Arbeitsvertrag und dem Kündigungsschreiben. Dieses Mal haben sie nichts dagegen. Der Chef beschäftigt sich längst nicht mehr mit mir. Er plant die Zukunft mit der „Neuen“ auf meiner Position.

Ich sehe Wilm aus der Ferne — er geht die Treppe hinunter. Ich weiß nicht, ob er mich sieht. Das Gefühl, dass wir nicht mehr zusammen sind, verursacht einen Knoten im Bauch. Ich bin sicher, dass er sich schon nach einer neuen Frau umsieht. Ich weiß, dass er nicht für den Rest seines Lebens allein sein will. Die Vorstellung, ihn eines Tages mit ihr in der Stadt zu sehen, löst eine Panik des „Nicht-rückgängig-Machens“ in mir aus. Ich will das nicht — ich würde diesen Anblick nicht ertragen. Wegziehen wäre eine Lösung.

Doch dann denke ich, dass es irgendwo weit weg, in einer anderen Stadt, schwer wäre, mit 50 wieder von vorne anzufangen. Ich habe auch leider das Gefühl, dass Wilm schon in die nächste Phase übergeht, dass er sich mit meinem Weggehen abgefunden hat. Es macht mich traurig, dass es so schnell geht. Eigentlich möchte ich zu ihm zurück — aber es ist wohl zu spät, und er hat keine Kraft und keine Lust mehr, mit mir noch einmal neu anzufangen.

Ich wache auf — erschrocken vor Einsamkeit. Zum Glück höre ich seinen vertrauten, schweren Atem neben mir. Er schläft tief. Ruhig, wie immer. Neben mir. Ich schiebe meine Hand zu ihm hin, suche seinen warmen Körper. Ich berühre die vertraute Haut. Ich beruhige mich wie ein Neugeborenes.

Wenn so meine Freiheit aussehen soll — dann will ich sie nicht. Danke. Ich will lieber erst einmal Ruhe. Ich rücke näher zu Wilm. Die angespannten Muskeln in meinen Beinen und Füßen und der leichte Krampf im Bauch lassen langsam nach. Ruhe. Das Wunder der Nähe.

Ich bin ein Mensch. Ein Herdentier. Ein Säugetier, das von seiner Gruppe abhängig ist.

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