2. Dezember 2025
Schon wieder eine Schreibpause. Ich bin nicht in der Lage, mir selbst das gegebene Versprechen zu halten, im Rahmen meiner Übungen und der Vorbereitung auf ein Buch jeden Tag wenigstens ein paar Sätze zu Papier zu bringen. Stattdessen stehe ich auf, ziehe meinen Badeanzug an und gehe noch vor der Arbeit schwimmen. Ich zähle die Bahnen.
Ich hatte mir geschworen, es nicht zu übertreiben, damit ich abends nicht schon während der Zwanziguhrnachrichten auf dem Sofa wegdämmere. Doch gestern früh war das Schwimmbad leer und ich fühlte mich darin so großartig – allein, ganz allein, in Stille und Dunkelheit. Niemand spritzte mich nass, niemand drängelte sich vorbei, um mich zu überholen. Vierzig Minuten lang war ich Königin der Wellen, der türkisfarbenen Wasserfläche, der geheimnisvollen Stimmung eines Schwimmbads im Morgengrauen.
Bei der vierundzwanzigsten Bahn wusste ich schon, dass ich auf vierunddreißig kommen wollte und bei der vierunddreißigsten stellte ich fest, dass ich seit Ewigkeiten keine vierzig Bahnen mehr geschwommen war – also warum nicht heute? Es war doch leer. Und so lief alles wie von selbst.
Während ich schwimme, verscheuche ich die Gedanken an den verlorenen Abend und daran, dass die Erschöpfung mich wieder daran hindern wird, für die Prüfung am Freitag zu lernen. Ich zähle die Tage und weiß nicht, wann ich mich endlich hinsetzen, damit ich mich wenigstens ein bisschen vorbereiten könnte. Wieder bin ich Andzelika aus der Schul- und Studienzeit: Ich mache alles, nur nicht lernen, erfülle alles – nur nicht meine Pflicht. Ich verspreche mir, diese Woche nicht mehr ins Schwimmbad zu gehen, aber sofort denke ich daran, dass ich vielleicht stattdessen einen längeren Spaziergang mit Rex machen könnte.
Woher kommt das bei mir – dass ich nicht fähig bin, meinen Hintern ruhig zu halten, selbst jetzt, wo ich nach dem Auszug der Kinder könnte, wo ich eigentlich nichts mehr müsste?
Nach der Arbeit gehe ich müde mit dem Hund spazieren. Es war jedoch alles zu viel. Auf dem Sofa schaffe ich es nicht einmal bis zum Vorspann der Nachrichten. Um 21:30 wache ich wie aus einem tiefen Schlaf auf. Angeblich habe ich sogar geschnarcht. Ich putze mir die Zähne, wasche mir das Augen-Make-up ab, lege mich ins Bett und schlafe sofort ein, müde wie ein kleines Kind nach einem Tag auf dem Rummelplatz.
Heute früh wachte ich kurz nach fünf auf. Ausgeschlafen. Von Erholung kann ich aber nicht sprechen – die Beine steif, brauchen ein Dutzend Schritte, um überhaupt in Gang zu kommen. Die Füße kribbeln und brennen. Erster Kaffee und Zeitung, Kreuzworträtsel. Der nächste Kaffee, kleiner, weil das schon der zweite ist. Es geht mir besser.
Ich bin ein Morgenmensch. Schöpferisch bei Tagesanbruch. Also schrieb ich eine Karte – einen Brief an meine Freundin Caroline, die ich am Donnerstag treffen werde. Ich übernachte bei ihr vor der Prüfung, die in Bonn stattfindet. Ich freue mich, sie wiederzusehen. Sie war für mich in Brasilien eine sehr wichtige Person, aber auch jetzt gehört sie zu denen, an deren Freundschaft mir sehr liegt. Sie ist eine von denen, die auch ihres durchgemacht haben und mich verstehen – und ich sie –, ohne überflüssige Erklärungen. Caroline urteilt nicht. Sie nimmt alle so, wie sie sind. Ich weiß, dass ich mir bei ihr keine Gedanken machen muss, was sie über mich denkt. Für sie bin ich – und das genügt.
In den Umschlag steckte ich einen Teil des Geldes, ein Drittel der Summe, die sie mir damals geschenkt hatte. Sie gab es mir „für immer und ewig“, als ich nicht wusste, wie ich über die Runden kommen sollte.
Ich muss immer noch vorsichtig mit dem Geld umgehen, damit der Dispo nicht ins Bodenlose wächst. Irgendwie halte ich mich in Grenzen, weil ich jetzt mit W. zusammenwohne. Ich zahle ihm etwas für Strom, Wasser und Heizung und mache die Einkäufe für uns beide. Nach den Unterhaltszahlungen für die Kinder bleibt mir trotz allem kaum etwas übrig. Trotzdem will ich Caroline das Geld zurückgeben. Ich mag es nicht, in der Schuld zu stehen, im Gefühl der Dankbarkeit zu verweilen. Ich möchte nicht den Eindruck haben, mich jemandem gegenüber für meine Ausgaben rechtfertigen zu müssen.
Ich weiß, dass sie nie etwas in dieser Art denken würde: „Aha, sie fährt in den Urlaub nach Polen, und von mir hat sie damals 1000 Euro zum Leben bekommen.“
Das ist nicht sie – ich bin es, meine eigene strenge Beobachterin und Kommentatorin. Ich stelle mich in Gedanken ständig an den Pranger und geißle mich. Alles immer falsch: zu wenig, zu viel oder ungenügend. Die Messlatte bleibt hoch. Unerreichbar. Und wenn ich mich ihr schon nähere, schiebe ich sie noch ein Stückchen, ein winziges Stück hinauf – so, dass ich sie wieder nicht erreiche.
Ich falle schnell in das alte System: Disziplin, Selbstkritik und ewige Scham. Ein gnadenloser Antrieb, der mich weiter und weiter schiebt – hin zum nächsten Ziel, damit ich noch besser, klüger, vollkommener bin.
Dabei bin ich doch müde. Seit Langem. Voller Schmerzen.
Der Schmerz ist eine neue Sprache, in der etwas – der Körper oder vielleicht die Seele –zu mir sprechen will. Manchmal denke ich, vielleicht klingen so die Worte Gottes, der über mich wacht und mich aus Liebe zwingt, endlich aufzuhören. Zum Stillstand zwingt. Der mit der Fürsorge eines Vaters sagt, ich solle einfach ich selbst sein und nicht eine weitere, bessere Version von mir. So, wie er mich geschaffen hat: gewöhnlich und zugleich vollkommen.
Ich schreibe dieses Wort – „vollkommen“.
Ich bin erstaunt, wie leicht es plötzlich aus mir herauskam, wie es sich von selbst aufs Papier ergoss. Ich schaue auf die Buchstaben. Ich kann sie lesen, ich verstehe die Bedeutung, erfasse alles mit dem Kopf, rational – natürlich! Aber was fühle ich im Herzen? Leere. Nur Leere. Denn das kann doch nicht von mir handeln.
Vollkommenheit ist etwas, dem ich nur zustrebe, das ich aber niemals erreichen werde. Ein Ziel, das fern bleibt und unerreichbar ist.
Was könnte denn so ein gewöhnliches Mädchen wie ich, Andzelika, und nun schon eine älter werdende Frau, noch Großes erreichen…?
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