Herzschlag

03.12.2025

Gestern war ich nicht schwimmen und bin abends nicht wie erschlagen ins Bett gefallen. Ich habe sogar ein bisschen gelernt, mir auf YouTube Tipps angesehen, wie man die Prüfung besteht. Wenigstens das. Das absolute Minimum. Heute Morgen wachte ich um fünf Uhr auf. Noch mit geschlossenen Augen versuchte ich, meinen Traum zurückzuholen. Ich weiß, dass ich lange und intensiv geträumt habe, doch der Inhalt entglitt mir. Ich liebe diese Momente im Bett, wenn die Bilder noch an mir vorbeiziehen, ich aber schon weiß, dass sie nicht zur Wirklichkeit gehören. Manchmal deute ich meine Träume symbolisch. Die wichtigsten von ihnen trage ich bis heute in mir, obwohl zehn oder fünfzehn Jahre vergangen sind.

Ich weiß: Träume sind Gespräche. Oft Hinweise, stille Eingebungen. Von wem? Das weiß ich nicht. Gestern schrieb ich über Gott, der zu mir spricht, indem er mir Schmerz schickt, damit ich endlich stehen bleibe und mir selbst nicht schade. Damit ich lerne, mich so zu lieben, wie ich bin. Vielleicht war auch heute eine Botschaft dabei — ein so leises Flüstern, dass ich es gar nicht wahrnahm. Stattdessen nahm ich nur die Unruhe der Menschenmenge wahr, das Chaos, das in meinem Traum tobte — unzählige Personen, die kreuz und quer durcheinanderliefen. Sicher hängt das mit dem gestrigen Tag in der Arbeit zusammen und mit dem Gedanken, dass ich meine Telefonnummer ändern will und muss, um mich von vielen Leuten abzugrenzen. Nicht aus Ärger oder Wut. Aus dem Bedürfnis nach Ruhe. Nach einem kleinen Stück „Offline-Sein“. Vorübergehend nicht erreichbar. Endlich auch mir das zu erlauben.

Seit Wochen berate ich in der Arbeit eine Familie aus der Ukraine. Fünf kleine Kinder. Man könntesagen: ein volles Chaos. Ich möchte gar nicht wissen, was hinter ihren Türen passiert. Die Mutter kommt zu mir und weint. Sie kommen nicht zurecht. Nachbarn rufen an und berichten. Andere Anlaufstellen, der Kindergarten, die Schule — alle wenden sich an mich. Sie geben Informationen weiter, aber handeln tut niemand. Das Jugendamt wird eingeschaltet. Alle warten. Jeder Anruf aber trägt denselben Unterton: dass ich die Verantwortung übernehmen soll.

Wieder drückt jemand den Knopf: „Andżelika, hilf!“

Andżelika hilft ja immer.

Ich engagiere mich für das Wohl der Kinder. Das alte Muster — Mutter Teresa. Für alle, die verletzt wurden.

Doch seit einiger Zeit verändere ich mich. Früher stürmte ich bei jedem Hilferuf los wie die Feuerwehr, mit Sirene und Martinslicht. Egal, um wie viel Uhr, egal, ob es mir gerade passte oder nicht. Ich eilte zu Hilfe — oft auf meine eigenen Kosten und auf die meiner Kinder, die ich allein zu Hause ließ. Ich vertraute auf ihre Selbstständigkeit und ihr Verständnis. Schließlich brauchte jemand anders ihre Mutter dringender. Schließlich brannte und krachte irgendwo die Welt zusammen.

Heute beginne ich langsam, aber beständig, mich mit einer Mauer zu umgeben — immer höher, immer dichter. Ich baue Schritt für Schritt meine eigene Sicherheit auf. Ich dichte meine vier Wände so ab, dass selbst, wenn jemand laut meinen Namen ruft, der Klang nicht durch die Mauern dringt und meine Ohren erreicht. Ich möchte mir selbst ein Schutzschild sein vor einer Welt in ständiger Notlage. 

Ich habe keine Kraft mehr.

Ein Herz? Ja, das habe ich. Noch immer nicht versteinert, vielleicht sogar immer noch zu weich. Aber ich muss es zügeln, sonst werde ich unter dem, was sich unaufhörlich auf meine Schultern legt, zusammenbrechen. Ich muss lernen, wohin ich schaue und mit welchem Blick. Also übe ich einen strengen Ausdruck, eine kritische Miene. Ich wähle meine Worte — vielleicht noch zu oft nur in Gedanken — um klarzumachen, dass jeder Mensch für sich selbst Verantwortung trägt.

Bin ich schuld an ihrem Unglück, daran, dass die anderen den Weg zur Besserung nicht finden? Ich möchte nicht alles über ihre Probleme wissen. Ich habe keine fertigen Antworten. Wie sie auch nicht.

Wir leben in einer Welt, in der Pech sich mit Glück mischt, Liebe mit Hass, Gut mit Böse, Gesundheit mit Krankheit.

Heute trägt dich der Wind, morgen trifft dich die Katastrophe.

Ich suche auch nur meinen Weg. Ich versuchemich, ich irre, ich erfahre manchmal Glück, manchmal Enttäuschung. Wie alle — lebe ich einfach mein Leben. Mal oben, mal unten, meine Lieben!

Also lasst mich bitte alle in Frieden.

Dann meldet sich meine innere Stimme, der ewige Kritiker, und fragt:

„Hast du ein Herz aus Stein? Warum hast du dich so plötzlich verändert? Was ist passiert?“

Nichts. Um Himmels willen, nichts! Mein Herz schlägt noch immer im gleichen Rhythmus. Ich liebe Menschen, ich wünsche ihnen Gutes, Wohlstand, ein Leben in Gesundheit, Liebe, Ruhe, Glück. Von ganzem Herzen.

 

Aber nicht mehr auf meine Kosten.

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