4. Dezember 2025.
Ich habe heute nicht viel Zeit, aber ich möchte etwas aufschreiben, damit ich nicht zu lange aus dem Rhythmus falle. Gleich fahre ich nach Bonn zur Prüfung. Bevor ich die Tasche packe, möchte ich noch ein paar Worte in mein Heft schreiben.
Ich war mit Rex spazieren. Auf dem Rückweg kam ich an der Haltestelle vorbei, an der ich nun schon zum zweiten Mal demselben Mann begegne. Etwa Mitte dreißig. Neben ihm zwei kleine Mädchen. Rosa Rucksäckchen, wahrscheinlich auf dem Weg in den Kindergarten. Sie lehnen an der Bank und schauen zu ihrem Vater hinauf. Er erzählt ihnen etwas und sie fragen ständig dazwischen. Eine unglaubliche Ruhe in dieser Szene. Harmonie im Alltag.
Der Mann sieht nicht wie ein Intellektueller aus. Verzeih, dass ich das so schreibe, aber manchmal täuscht mich der Eindruck wirklich nicht. Ein gewöhnlicher Mensch. Vielleicht ein Arbeiter, Handwerker. Einfach ein Vater. Ein Familienmensch. Ich habe ihn schon einmal gesehen – damals war er nur mit dem älteren Kind unterwegs. Auch da sprach er mit ihm, erklärte etwas. Schon damals war ich beeindruckt, wie dieser „einfache Mann“ mit seinem Kind spricht. Ganz normal, ohne erhobene Stimme, ohne Ironie, ohne diese erwachsene Überheblichkeit, die so leicht die kindliche Offenheit zerstört. Er spricht einfach. Und in dieser Einfachheit liegt etwas Schönes, Mildes, etwas, das mich berührt.
Wieder spüre ich ein leichtes Stechen im Herzen, als ich die Szene sehe. Ich werde langsamer, sobald ich sie aus der Ferne erkenne. Gehe absichtlich gemächlich, um zuhören zu können, um mich an dem Anblick eines Vaters mit seinen Kindern sattzusehen. Dieses Stechen ähnelt der Sehnsucht. So wie dann, wenn ich alte Fotos meiner Kinder anschaue – ihre süßen Gesichter, kleine Händchen, die süßen Lücken nach den ausgefallenen Milchzähnen, die lustigen Grimassen, das Funkeln der Freude in ihren Augen.
Ab und zu greife ich auch zu meinen eigenen alten Fotos. Doch dieses Stechen ist anders – schärfer, fast unangenehm. Manchmal muss ich die Bilder schnell wieder in den alten grauen Umschlag zurücklegen. Ich ertrage den traurigen Blick in den Augen meines jüngeren Bruders kaum. Jemand, der die Geschichte meiner Familie nicht kennt, würde auf diesen Schwarz-Weiß-Fotografien vermutlich nichts Besonderes sehen. Man spürt die Spannung und die toxischen Beziehungen erst, wenn man dicht daneben steht, Menschen zuhört, ihre Gesten beobachtet. Am besten fast aus dem Versteck, wie nebenbei, unabsichtlich. In den schlichtesten Situationen zeigt sich die Wahrheit. Spontaneität spricht eine deutliche Sprache.
Bin ich überhaupt noch spontan? Kann ich noch so frei sein wie ein Kind? Ich wäre so gerne. Wer nicht? Ich würde gerne wie diese zwei kleinen Mädchen neben ihrem Vater stehen und unendlich viele Fragen stellen. Antworten bekommen und liebevolle Blicke voller Verständnis.
Ich habe die Spontaneität zu früh verlernt. Ich wurde erwachsen als kleines Mädchen, immer voller Aufgaben. Pflichten, die die ständig erschöpfte Mutter entlasten sollten. Zu Hause muss man sich nützlich machen, darf keine Last sein. Und später lief alles einfach weiter. Ich stehe immer meinen Aufgaben. Die große Schwester. Die Haushaltshilfe. Ehefrau. Mutter. Vorbildliche Angestellte. Erste Hilfe für die Welt. Immer für andere, nie für mich.
Weiß ich überhaupt noch, wer ich bin? Wer ich im Laufe dieser Jahre geworden bin? Jetzt, wo ich es fast vergessen habe, muss ich mich daran erinnern, wer in mir lebt. Wem ich morgens in die Augen sehe, wenn ich in den Spiegel schaue. Wessen Gedanken in meinem Kopf herumwirbeln. Sind sie überhaupt meine? Was ich will und wonach ich mich sehne. Ob ich Träume habe. Und wenn ja – welche? Ich könnte spontan nicht antworten.
Wahrscheinlich würde ich irgendwelche Floskeln wiederholen: als Frau in der Menopause, Midlife-Krise, Selbstfindung. Nein… ich weiß wirklich noch nicht, was in mir schlummert.
Ich brauche Zeit, um zu meinem Inneren vorzudringen. Um die Schichten abzutragen und alles mit warmem Licht zu beleuchten. Mit Sonnenlicht – nicht mit dem scharfen Licht einer Operationslampe. Ich möchte mich nicht unter ein Messer legen und in Einzelteile zerlegen.
Ich weiß, dass viel Gutes in mir ist. Tiefe. Etwas, das geduldig auf mich wartet. Das mich nicht drängt. Nicht mit dem Finger droht. Sanft mit mir spricht und alles erklärt. Mir die Hand reicht. Zuschaut, wie ich meine ersten unsicheren Schritte mache.
„Hab keine Angst, Kind. Keine Angst. Ich bin bei dir. Schon immer“.
Was für eine Erleichterung, nicht allein zu sein…
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