6. Dezember 2025
Gestern ging ich schon um acht Uhr abends schlafen. Die Prüfungsanspannung, die Rückkehr aus Bonn, ein längerer Spaziergang mit dem Hund — und wieder fühlte ich mich erschöpft. Es reicht, dass ich mich mit einem Buch in der Hand auf das Sofa lege, und sofort überkommt mich Müdigkeit. Schade. Ich mag Winterabende. Dunkel und lang, aber im warmen Zuhause verbracht, schenken sie mir ein angenehmes Gefühl von Geborgenheit. Ich bin dann gern allein. In der Stille. Ein wenig in der Küche herumwerkeln, Dinge von einem Platz zum anderen legen, mir einen Tee machen und mich mit dem Gefühl von innerem Frieden hinsetzen.
Ich weiß nicht — vielleicht ist es ein Zeichen des Älterwerdens, vielleicht lasse ich einfach los. Ich lasse los nach vielen Jahren ständigen Stresses, des Hetzens von … nach … und wieder zurück. Nach Jahren des Funktionierens, manchmal auch des krampfhaften Suchens nach einem Ziel, als wäre das Leben selbst nicht schon genug. Man bemerkt es lange nicht, solange der Körper sich dressieren lässt und funktioniert. Habe ich früher keine Müdigkeit gespürt? Sicher doch. Oft fiel ich ins Bett und schlief wie betäubt. Der Schlaf war wie ein plötzlicher Verlust des Bewusstseins: schnell, kurz, ohne Erleichterung zu bringen. Ich dachte nicht daran, wie sehr ich Erholung brauchte.
Alles änderte sich vor vier Jahren, als ich im Schlaf innerlich zu zittern begann. Ich bebte, Krämpfe überkamen mich — anders als nach dem Sport. Ich verspürte die Angst, die Parkinson-Krankheit meiner Großmutter geerbt zu haben. Das Zittern hielt mehrere Jahre an, und ich beobachtete es genau. Schließlich kam ich zu dem Ergebnis, dass ich zittere, wenn ich mich sorge — sogar unbewusst. Sorgen hatte ich immer viele — nicht nur meine eigenen. Ich dachte nämlich auch für andere und löste Probleme, die nicht meine waren. Ich konnte die aufdringlichen Gedanken nicht einmal nachts abschalten.
Nach fast einem Jahr dieser „Zitteranfälle“ ging ich zum Arzt. Ich bekam eine lange Krankschreibung, damit ich mich radikal von den Problemen der Welt distanzieren und auf mich selbst konzentrieren konnte. Nach drei Monaten wechselte ich die Arbeit. Ich fand eine neue. Sie war nichts für mich. Acht Stunden im Büro zu sitzen und vorzugeben, etwas zu tun — das kann ich nicht und wahrscheinlich werde ich es nie lernen. Ein halbes Jahr verging und ich fand eine weitere Stelle. Und das alte, wohlbekannte Thema kehrte zurück: helfen.
Ich stürzte mich sofort in den Strudel des Handelns. Eine vertraute Matrix, in der ich funktionieren kann — endlos, bis zur Selbstaufgabe. Für andere denken. Nach optimalen Lösungen suchen. Eine Hand ausstrecken. Licht in die Dunkelheit tragen. Andere auf den richtigen Weg schieben, damit sie sich nicht verlieren, damit sie sich in der Welt zurechtfinden. Damit sie nicht aufgeben und wieder Hoffnung schöpfen. Damit auch sie einen Geschmack von Glück erleben dürfen.
Aber weiß ich überhaupt, was Glück bedeutet? Kann ich anderen eine fertige Definition davon geben? Nein. Heute weiß ich, dass das unmöglich ist.
Jedes Wort hat eine doppelte, vielleicht sogar vielfältige Bedeutung. Doppelten Boden. Alles hängt von der Interpretation ab — und vor allem vom Kontext. Sicher hängt es nicht von meinem guten Willen, meinem Helferinstinkt oder meinem Wunsch ab, jemanden zu retten. Jeder weiß selbst am besten, was sich für ihn hinter dem Begriff „Glück“ verbirgt — oder was er darunter finden möchte.
Und wie lautet meine eigene Definition? Ich bin mir nicht sicher, ob ich spontan eine eindeutige Antwort geben könnte, wenn mich jemand einfach so fragen würde. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass Glück sehr flüchtig ist, beinahe mystisch und fern. Es ist wie ein Schiff am Horizont, das man lange beobachtet, während man in die Meereslinie schaut, wo Wasser und Himmel sich berühren.
Ich stehe barfuß im Sand und blicke aufs Meer. Das Schiff gleitet langsam dahin, leuchtet in der Ferne. Ich kneife die Augen zusammen. Es scheint mir sogar, als könnte ich seine Farbe erkennen. Für einen Moment wird das Segel dreidimensional. Ist es eine Täuschung, dass es sich mir nähert und mit der nächsten großen Welle fast rankommt? Dann könnte ich es genauer betrachten. Vielleicht würde ich sogar einen Namen am Bug entdecken. Den Namen irgendeiner Glücklichen, die der Kapitän liebte — oder im Hafen zurückließ, um des Meeres willen.
Ich blinzle noch stärker, denn die Sonne, die gerade hinter den Wolken hervorkommt, blendet stark mit ihrem Licht. Sie wärmt mein Gesicht und macht meinen Körper angenehm träge. Das Schiff entfernt sich. Ich gehe zurück an den Strand und lege mich auf den gelben Sand. Ich lasse mich von der Wärme und den Sonnenstrahlen mit vollem Vertrauen durchdringen.
Ich schließe die Augen und vergesse das Schiff. Vom Rauschen des Wassers gewiegt, schlafe ich ein — ohne die Definition des Glücks gefunden zu haben.
Vielleicht gelingt es mir irgendwann …
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