Acedia

6. Januar 2026

Seit gestern setze ich mich mit einem neuen Begriff auseinander. Ich möchte das keine Diagnose nennen, die ich mir selbst gestellt habe.

Acedia – Mangel an Sorge, eine Form der Gleichgültigkeit. Ein Zustand der Erschöpfung. Ein Gefühl von Leere und Abneigung gegenüber sinnvollen Tätigkeiten. Es passt erstaunlich genau zu dem, was ich nicht erst seit Kurzem, sondern seit sehr langer Zeit empfinde. Tröstlich ist, dass Acedia keine Faulheit bedeutet. Zwischen Acedia und Faulheit darf und sollte man kein Gleichheitszeichen setzen. Erleichterung. Also bin ich kein stinkfauler Mensch. Sondern stecke einfach in einer tiefen Krise. Wie schön.

Es passt zu unserer Zeit, in der wir wohl alle eine Müdigkeit gegenüber der Wirklichkeit verspüren – gegenüber sinnvollem Handeln, ja sogar gegenüber Pflichten und dem Streben nach Zielen. Müdigkeit vom Sich-selbst-Ziele-Setzen. Stattdessen mangelnde Konzentration oder gedankenloses Tun. Aktion um der Aktion willen. Unabhängig vom Ergebnis, vor allem aber ohne Sinn. Zu viel Bewegung, zu wenig innere Ruhe.

Ich habe noch nicht zu Ende gelesen, ob die damit verbundenen Schuldgefühle und der Widerwille gegenüber der eigenen mangelnden Produktivität ebenfalls zur Definition der Acedia gehören. Ich habe nicht zu Ende gelesen, weil mir die Konzentration und Ausdauer fehlten, den Artikel bis zum Schluss zu lesen. Zu viele Reize – und ich bin ihnen gegenüber sehr empfänglich.

Es ist dennoch gut, auf solche Informationen zu stoßen, die einem ein Alibi liefern dafür, warum man heute, gestern und vorgestern – warum man seit dem 13. Dezember 2025, obwohl man es sich selbst und den Leserinnen und Lesern des eigenen Blogs versprochen hat – keinen einzigen Satz geschrieben hat. Nicht einmal ein Wort steht neben dem Datum 13. Dezember 2025. Wahrscheinlich hat mich etwas abgelenkt. Oder ich war müde, wie schon lange, seit Jahren des Sich-selbst-Antreibens zu permanenter Bewegung. Früher noch zu viele Aufgaben. Jetzt freue ich mich, wenn ich im Kalender leere Stellen sehe. Nichts. Nur Datum, Wochentag – und nichts. Leere. Großartig! Das Nichtstun tut mir gut. Keine Faulheit. Acedia.

Acedia ab heute, meine Damen und Herren, Acedia. Ich schreibe ihretwegen – und ich schreibe ihretwegen nicht. Ich muss – und ich muss gar nichts. Vielleicht ersticke ich so nicht unter dem Druck meiner eigenen Gedanken.

In einem Ratgeber für von Acedia Betroffene habe ich gelesen, man solle täglich nur eine einzige Handlung wiederholen, und zwar kurz, eine, die keiner Bewertung bedarf, um das Gefühl der Selbstwirksamkeit wieder freizulegen – und bewusst kein Ziel zu erreichen. Also wiederhole ich es heute zum ersten Mal. Vielleicht wiederhole ich es morgen. Ich weiß es nicht, denn ich weiß nicht, ob ich dazu fähig bin. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich mich weiterhin auf diesem nicht empfohlenen Weg befinde – dem Weg zum Ziel.

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