8. Januar 2026
Die Welt wirkt heute Morgen ruhig. Es ist dunkel. Der Schnee glitzert. Er zeichnet eine scharfe Linie zum im Dunkel versunkenen Umfeld. Auf den Terrassendielen liegt er wie frisch aufgeschlagene Schlagsahne. Keine Vogelspuren, nicht einmal der Abdruck einer Katzenpfote. Als hätten auch die Tiere diese frostige Nacht friedlich und tief geschlafen.
Ich öffne das Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Atme die Kälte tief ein. Sie sticht nicht mehr so in die Lungen wie gestern Abend – der Wind hat sich schnell gelegt. Genug Schnee hat er trotzdem herangeweht, sodass die Thermomatte an der Autoscheibe unter seinem Gewicht verrutscht ist. Wahrscheinlich werde ich die Scheibe freikratzen müssen, bevor ich zur Arbeit fahre.
Noch sitze ich im Warmen und trinke Kaffee. Ich schreibe – wieder mehr als zwei Sätze. Über nichts. Kein Grübeln. Ich versuche, dabei zu bleiben. Versuche, optimistisch zu schreiben, mir durch dieses kleine Ritual so etwas wie Lebenszuversicht anzueignen. Glück zu empfinden. Ich frage mich, ob man das lernen kann.
Gestern habe ich auf Facebook ein Video einer polnischen Psychologin gesehen. Sie behauptete, traumatisierte Menschen würden niemals glücklich. Ihnen zu sagen, auch sie könnten Glück erfahren, gleiche dem Versuch, Schnee auf eine heiße Oberfläche zu streuen. Ich weiß nicht, warum mir das im Kopf geblieben ist. Vielleicht wegen dieses Schnees.
Ich bemühe mich wirklich, die Welt so zu betrachten, dass ich wenigstens einmal am Tag ein angenehmes Stechen spüre – irgendwo im Herzen oder im Bauch. Ich bemühe mich wirklich. Gestern ist mir so ein Moment gelungen, draußen im Schnee, beim Spaziergang mit dem Hund. Doch schnell holen mich Gedanken ein und verdunkeln dieses gerade erst aufkeimende Glück: Weltpolitik, neue Verschärfungen in der Arbeit mit Geflüchteten …
Gestern habe ich auch deutlich gespürt, wie sehr mir jemand an meiner Seite fehlt. Jemand, mit dem ich Gedanken teilen könnte – ganz real, von Angesicht zu Angesicht, ohne Schreiben, ohne Telefonieren. Entdeckungen. Zum Beispiel meine Familiengeschichte. Ich habe gerade eines der Rätsel gelöst, das mich seit Jahren beschäftigt hat! Es gibt so viele Dinge, die mich bewegen und Gespräche bis Mitternacht wert wären. Wert meiner Zeit, meines Nachdenkens, meines Aufschreibens. Manchmal fühlt sich das an wie kindliche Faszination. Ich weiß genau, wie sie sich anfühlt.
Manchmal frage ich mich, ob ich seltsam bin. Ob andere mich auch so sehen. Ich springe von Idee zu Idee, von Projekt zu Projekt, von Thema zu Thema. Ich weiß, ich bin fünfzig, und um noch einmal neu anzufangen, muss man gut überlegen, ob es sich lohnt. Dieser Gedanke macht mir Angst. Er friert mich ein. Innerlich fühle ich mich nicht alt. Ich habe noch so viel Lust auf Neues. Auf Entdeckungen. Auf diese „Oh“- und „Ah“-Momente des Staunens. Darauf, endlich das zu lernen, was mir wirklich Freude machen würde – wofür mir früher aus irgendeinem Grund die Zeit gefehlt hat.
Stattdessen stecke ich in starren Strukturen fest. Zuhause, Arbeit, Geldverdienen, Alltag. Als säße ich in einem Schnellzug. Ich fahre durch kleine Bahnhöfe, durch Großstadtstationen, durch Einöden – oft einsam, aber so schön, dass man aussteigen möchte. Doch man kann einen rasenden Zug nicht einfach anhalten.
Also schaue ich weiter aus dem Fenster. Senke den Kopf, hebe ihn wieder, ändere den Blickwinkel. Manchmal schirme ich die Augen mit der Hand ab, kneife sie zusammen, wische mir die vom Wind gereizten Tränen weg. Ich schaue und staune, was alles vorbeizieht, entgleitet, verschwindet. Dort draußen, hinter dem Fenster. Unerreichbar.
Von Zeit zu Zeit – in letzter Zeit sogar nervös – fällt mein Blick auf die rote Notbremse. Hinter Glas, in Reichweite. Daneben ein kleiner Hammer, dessen Kraft man leicht unterschätzt. Wenn man ihn ergreifen würde … Die Scheibe ist doch klein. Schnell entscheiden. Ganz schnell. Aber wohin? Ich weiß es nicht. Vielleicht einfach nach vorn. Ins Offene. Ziellos. Für mich.
So wie der Graureiher von gestern am Fluss. Wie würdevoll er sich in die Luft erhob, erschreckt vom Geräusch meiner Schritte. Die weit ausgebreiteten Flügel, dieser majestätische Zug. Eine stille Kraft lag in seinen Bewegungen. Erst langsam, dann etwas schneller – aber ohne Hast, ohne Nervosität.
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