Der Schreibtisch

9. Januar 2026

Seit Mai letzten Jahres wohnen wir in diesem Haus. Und doch habe ich mich heute zum ersten Mal an den Schreibtisch gesetzt, in jenem Zimmer, das mir unter anderem zum Schreiben dienen sollte. Auf der großen Tischplatte liegen seit Monaten Briefe, Rechnungen, Hefte, Fotografien und andere Kleinigkeiten, für die ich bislang keinen Platz in den Schränken gefunden habe.

Der Stuhl — aus den fünfziger Jahren — ist bequem. Das hässliche, alte Kissen brachte W. zur Polsterei. Die Frau ließ sich mit der Arbeit viele Monate Zeit. Kurz vor Weihnachten holten wir das Kissen ab; jetzt sieht es tatsächlich wie neu aus.

Karolina war über die Feiertage bei uns. Tagelang saß sie am Schreibtisch und schrieb an einer Studienarbeit. So kam es, dass ich mich während des Weihnachtsurlaubs selbst nicht zum Schreiben dort hinsetzte, obwohl ich es mir vorgenommen hatte. Dabei hatte ich mir schon den ganzen Sommer über vorgestellt, mit meinen Heften genau hier zu arbeiten. Ich hatte Zeit — damals, als ich nach dem Unfall in den Bergen krankgeschrieben war. Jeden Morgen sah ich mich dort schreibend sitzen. Der Sommer verging, die Krankschreibung ebenso. Entstanden ist nicht eine einzige Seite.

Der Ort ist wirklich ausgezeichnet. Gutes Licht. Ein schöner Blick aus dem Fenster: die alte Stadtmauer mit einem schmalen, steilen Aufgang zu einem alten Turm. Einem mittelalterlichen Wehrturm. Erstaunlich gut erhalten.

Neben dem Turm steht ein Baum. Welche Art? Ich weiß es nicht. Hässlich ist er, wirklich. Wenn ein Baum überhaupt hässlich sein kann, dann dieser. Bei der Planung des Gartens war er immer wieder Gegenstand von Diskussionen: fällen oder nicht fällen. In seinem Fall war ich für das Fällen. Unglaublich. In seinem Fall könnte ich selbst als Holzfäller dienen.

Weder Nadelbaum noch Laubbaum. Spärliche, wie achtlos herabhängende Äste. Irgendwie schotenartig. Zwar bleibt der Baum im Winter grün, doch dieses Grün entzieht sich jeder klaren Bestimmung. Schmutziges Grün. Mattes Grün. Ausgebleichtes Grün. Grünlich grün. Ein Grün, das nur dem Namen nach grün ist.

W. bestand darauf, den Baum stehen zu lassen, obwohl selbst der Gärtner davon abriet. „Die Vögel werden sich freuen“, lautete sein Hauptargument. Schade nur, dass man sie nicht nach ihrer Meinung fragen kann. Im Garten sind es vor allem Tauben — doch sie haben sich eindeutig für die Spitze des Turms entschieden.

Im Winter, wenn die Tage kurz und meist dunkel sind, beleuchtet W. den Baum mit einem Strahler. Warmes, gelbes Licht fällt von unten auf diese botanische Merkwürdigkeit. Jetzt, da Schnee gefallen ist, besitzt das Ganze sogar einen gewissen Reiz. Es wirkt geheimnisvoll, vielleicht ein wenig unheimlich. Besonders mit dem Turm daneben — etwa in einer mondhellen Nacht.

Bevor ich einschlafe, liege ich im Bett, dem Fenster zugewandt. Ich blicke in den Garten, wo sich der Schatten des Baumes im gelblichen Licht abzeichnet. Das stimmt entweder auf nächtliche Albträume ein — oder auf das Schreiben von Kriminalromanen in der Nacht.

Nun sitze ich am Schreibtisch und warte darauf, dass unser Baum-Ungeheuer mich vielleicht inspiriert. Am Nachmittag sendet er mir keine Zeichen. Also schreibe ich, was mir gerade in den Sinn kommt. Intuitiv? — ich weiß nicht — vielleicht eher unsortiert. Ich schreibe um des Schreibens willen. Um meine „Handlungsfähigkeit“ zu bewahren, wie ich es mir kürzlich versprochen habe. Nicht nur zwei Sätze, nicht nur vier. Ich zähle die Zeilen nicht. Ich schreibe einfach.

Oh — draußen beginnt es zu dämmern. Die Reste des Schnees — heute leider schnell vom Regen aufgelöst — nehmen eine bläuliche Färbung an. Der Baum jedoch wird schwarz, ebenso die Mauer und einzelne Grasbüschel. Draußen ist es plötzlich dunkel und traurig geworden.

Wahrscheinlich werden aus meiner Feder keine Kriminalromane entstehen. Dafür müsste man Gänsehaut verspüren, nicht Traurigkeit und Melancholie — und genau diesen gebe ich mich jetzt hin. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es am fehlenden Schnee, und damit am fehlenden Licht. Ja, ich brauche Sonne. Helligkeit. Nicht Wärme, nicht Hitze — darum geht es nicht. Licht. Längere Tage, kürzere Nächte, einen blauen Himmel. Ich habe genug von der Grautönigkeit.

Ich höre auf. Ich schreibe entschieden zu viel. Am Schreibtisch habe ich es mir bequem gemacht. Es ist gemütlich hier. Ruhig. Wunderbar einsam. Still. Und ich liebe die Stille.

Vielleicht werde ich es doch mögen, auch am Schreibtisch zu sitzen.

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