Schwimmen

10. Januar 2026

Am Morgen entschied ich mich fürs Schwimmen. Nicht aus einem Gefühl innerer Disziplin heraus, sondern aus Lust darauf. Und aus Freude darüber, dass es wieder weiß geworden war. In der Nacht war viel frischer Schnee gefallen.

Ich gehe zu Fuß zum Schwimmbad, durch eine Stadt, die noch im Schlaf versunken ist. Im Schnee keine einzige Spur eines Schuhs oder einer Hundepfote. Samstag – vor sieben Uhr schlafen die Menschen noch.

Ich erreiche die Hauptstraße. Hier sieht es schon ein wenig anders aus. Sogar das erste Auto taucht an der Kurve auf. Wahrscheinlich muss jemand zur Arbeit. Gut, dass ich es nicht bin.

An einem kleinen Platz, wo Hundebesitzer ihre Tiere zum morgendlichen Pinkeln ausführen, sehe ich bereits Spuren von Pfoten und Pfötchen sowie von Schuhen und schweren Stiefeln. Unterschiedliche Größen, unterschiedliche Abstände zwischen den Schritten. Man kann erkennen, wer kurze und wer lange Beine hat. Das Tempo des Gehens lässt sich allerdings nicht entschlüsseln.

Die morgendlichen Gedanken sind seltsam. Eigentlich gehen sie um nichts oder um Dinge, über die ich mit niemandem Gespräche geführt hätte – nicht einmal beim Small Talk. Ich mag es nicht, über Belangloses zu reden, also freue ich mich, unterwegs niemandem Bekannten zu begegnen.

Auf dem Parkplatz am Schwimmbad verrät die Anzahl der Autos immer, wie viele Menschen gerade am Schwimmen sind. Heute stehen dort nur sieben. Ich atme erleichtert auf, denn vermutlich finde ich noch eine freie Schwimmbahn. Die Menschen fürchten das Winterwetter. Sie geraten in Panik, sobald ein wenig Schnee fällt oder die Wettervorhersage vom Üblichen abweicht. Für mich ist das gut – ich habe mehr Platz im Wasser. Das ist wichtig, denn ich schwimme auf dem Rücken. ehr Raum.

Drinnen wie immer dieselben Personen. Ihnen reicht morgens – genau wie mir – ein kurzes „Guten Morgen“. Wir reden hier nicht, wir schwimmen.

Wie immer zähle ich die geschwommenen Bahnen, heute auf Polnisch. Manchmal zähle ich auch auf Deutsch. So ist es auch mit meinen Träumen. Einmal träume ich auf Polnisch, einmal auf Deutsch. Gegen Ende meines Aufenthalts in Brasilien träumte ich sogar auf Portugiesisch. Es zieht sich mir gerade der Bauch zusammen. Aus Sehnsucht nach diesem Land.

Mit dem regelmäßigen Schwimmen begann ich damals in São Paulo. Zu dieser Zeit floh ich ins Schwimmbad, um aus dem Blickfeld meines ehemaligen Mannes zu verschwinden. Er – zu Hause, ich – im Schwimmbad. Das half. Das Schwimmen blieb mir sogar nach der Scheidung.

In Wahrheit schwimme ich gar nicht besonders gut. Ich habe es mir selbst beigebracht, als ich schon sechzehn war, vielleicht sogar siebzehn. In den Ferien in den Bieszczady-Bergen, am Solina-Stausee. Alle aus der Clique, mit der wir dort waren, konnten schwimmen – nur ich nicht. Sie kamen aus der Stadt, ich vom Dorf. Sie aus normalen Familien, ich … wir sparen uns die Suche nach passenden Bezeichnungen. Ich schämte mich furchtbar, dass ich nur am Ufer planschte. Vor allem, weil Paweł in der Gruppe war. Er war damals mit seiner Freundin Kaśka dort, der Schwester meiner Freundin Edyta. Paweł zeigte mir Sympathie. Nichts Großes. Er war einfach nett. Für mich etwas Neues …

Für ihn, für seine Augen, die mich überhaupt wahrnahmen, wollte ich schwimmen können. Also legte ich mich auf den Rücken und versuchte, mich über Wasser zu halten. Manchmal schwamm ich zu weit hinaus, sodass ich mit den Füßen den Grund nicht mehr spüren konnte. Panik schnürte mir dann den Atem ab. Das Herz schlug schneller. Irgendwie schaffte ich es immer zurück ans Ufer. Ich weiß nicht, ob Paweł mich beobachtete. Besser wäre es gewesen, wenn nicht.

Am See waren nur wir – drei wild aufgestellte Zelte. Sonst keine Menschenseele in der Umgebung. Es waren meine ersten Ferien dieser Art. Weit weg von zu Hause, ohne Aufsicht von Erwachsenen. Ich hatte meine Eltern angelogen und gesagt, ich würde mit den Pfadfindern in ein Wanderlager fahren – mit Betreuern, also unter Aufsicht. Ich weiß nicht, ob sie an diese Geschichte geglaubt haben. Mein Vater sagte bis zuletzt „nein“, deshalb verpasste ich den ersten Bus nach Świdnica. Der zweite war an diesem Tag der letzte. Hätte ich ihn nicht genommen, wäre ich nicht in die Bieszczady gefahren und hätte all das nicht erlebt. Vielleicht hätte ich dann auch den Geschmack von Freiheit nicht so intensiv gespürt.

Wahrscheinlich begann damals auch eine gewisse Veränderung in mir. Eine äußere Metamorphose ganz sicher, denn ich fing an abzunehmen. Etwas war anders als zuvor. Vermutlich war ich auch aus der Pubertät herausgewachsen. Die innere Veränderung leitete die äußere Verpuppung ein. Ja, ich benutze dieses Wort mit Absicht, denn ich war wirklich hässlich, dick, pickelig und voller Komplexe. Ich schämte mich für mich selbst. Ich hatte Angst vor der Welt und vor neu kennengelernten Menschen. Dabei hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre Internatsleben in der Stadt hinter mir.

Die Reise in die Bieszczady, das wilde Zelten, morgens Cornflakes mit Milch und Rosinen, die ich vorher nicht kannte. Tage in der Sonne am See. Trampen. Kilometer zu Fuß durch menschenleere Gegenden. Abends Queen-Musik aus dem Walkman. Der echte Geschmack des Lebens. Der frühen Jugend.

All das durchstieß vermutlich den bis dahin fest verschlossenen Kokon. Als wäre plötzlich ein Lichtstrahl hineingedrungen und hätte mir die Chance gegeben, ins Leben zu erwachen. Dieser kleinen, pummeligen Larve, die ich bis dahin gewesen war.

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