14.01.2026
Ich höre auf, um den heißen Brei herumzureden. In letzter Zeit hatte ich einfach keine Lust zu schreiben. Es spielt keine Rolle, ob der Kugelschreiber so oder anders ist, ob ich schwimmen war oder nicht, ob ich zehn Bahnen zu viel geschwommen bin, ob ich mit Rex zu viel unterwegs war, ob ich geschlafen habe oder nicht. All das sind nur Ausreden. Ich zweifle sogar an der Acedia, der ich zwei Vormittage gewidmet habe, indem ich im Internet darüber recherchierte. Ich war nie diszipliniert genug, um irgendeinen Vorsatz durchzuhalten — zum Beispiel diesen: Was Süßes betrifft, dauert bei mir die Sonntagserlaubnis nun schon seit sieben Tagen an. Eine Scheibe Brot mit Honig. Hörnchen mit Marmelade. Gestern habe ich mir sogar ein Stück Kuchen gekauft. Ich habe es nicht gegessen, weil ich zuvor schon ein Brötchen mit Honig gegessen hatte. Der Kuchen liegt zu Hause in der Küche, und ich sitze jetzt bei der Arbeit und denke eigentlich nur an ihn — und bereue, dass ich ihn nicht in meine Frühstücksdose gepackt habe.
Heute habe ich dafür mein Notizbuch mit zur Arbeit genommen. Ich sitze hier und schreibe, denn seit gestern passiert bei der Arbeit nichts. Mir fehlt eine Beschäftigung und an Untätigkeit bin ich nicht gewöhnt. Ich kann sie nicht ausstehen. Gestern habe ich einen halben Tag im Internet verbracht. Ich habe Reisepläne für einen Aufenthalt in Breslau gemacht. Morgen fliege ich dorthin. Ja, es ist schon das zweite Mal, dass ich mit dem Flugzeug nach Breslau reise. Vom Flughafen wird mich mein Papa abholen. Mein Vater. Ich habe ihn darum gebeten. Dieses Mal möchte ich meine Eltern besuchen. Aus einem reinen Bedürfnis heraus, sie zu sehen. In meinem Kopf entwerfe ich verschiedene Szenarien, wie es sein wird. Ich habe sie seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Ich konnte es nicht. Damals hätte ich es nicht geschafft. Ich musste bestimmte Themen durcharbeiten. Mein Leiden durchleben. Das Schreiben hat mir geholfen. Ich schrieb damals regelmäßig über sie und an sie, obwohl ich bis heute keinen einzigen Brief abgeschickt habe.
Alle Texte sammle ich auf einem Blog. Ich denke, solange sie leben, werde ich es nicht anders können. Ich schütze sie noch immer — auf eine seltsame Art. Manchmal rechtfertige ich sie sogar, suche nach ähnlichen Fehlern bei mir selbst. Schließlich könnte auch ich mir manches vorwerfen. „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein…“ Ich weiß, dass ich mir von diesem Treffen nicht zu viele Hoffnungen machen sollte. Wie oft habe ich Enttäuschungen erlebt, wie oft habe ich mir geschworen, sie nie wiederzusehen. Ich kenne ihre Reaktionen ganz genau. Ich kann alle Fragen und Antworten voraussehen. Die spöttischen Lächeln. Ich kenne das alles so gut — und ich hasse es so sehr. Schon jetzt verkrampft sich alles in mir, wenn ich nur daran denke.
Warum fahre ich also dorthin? Ich weiß es nicht. Seit Jahren habe ich darauf keine Antwort. Weil sie meine Eltern sind? Vielleicht auch deshalb. Obwohl das schließlich in beide Richtungen funktioniert. Um Eltern zu sein, reicht es nicht, einfach nur Kinder in die Welt zu setzen.
Weil sie alt sind? Ihr Alter spielt sicher eine Rolle. Mama klagt über ihre Gesundheit, weil sie vom Leben ausgelaugt ist, und Vater — von schlechten Emotionen, von Wut, Aggression und davon, ständig beleidigt zu sein. Aber ich denke auch, dass ihn Schuldgefühle zerfressen. Niemals würde er das zugeben. Mama auch nicht. Weder der eine noch die andere wird aus der Opferrolle heraustreten. Sie werden die Schuld bei uns suchen, bei den undankbaren Kindern. Bei der diebischen Politik, beim ungerechten System …
Ich schreibe und spüre, wie sich mein Nacken anspannt, meine Schultern, wie mir plötzlich die Hand wehtut, während ich den Stift immer fester umklammere. Gedanklich treibe ich ab nach Maniów.
Ich gehe im Haus umher. Es ist wie immer zu warm hier, schlecht gelüftet. Die Wäsche hängt über dem Geländer im Flur. Ich rieche ihren feuchten, leicht muffigen Geruch, während ich unten im Windfang stehe. Ich wische mir die Schuhe an einem alten Handtuch ab. Auch das kenne ich noch aus der Kindheit. Hier wirft man nichts weg.
Ich lege die Hand auf das Treppengeländer. Glatte Ölfarbe — dieses Jahr braun, letztes Jahr war sie bestimmt dunkelgrün. Ein Wasserfleck in der Ecke der Decke. Warum? Weil Tante und Agnieszka mit Janusz sich immer noch nicht an der Dachreparatur beteiligt haben. Der Weihnachtsbaum steht in der Ecke. Künstlich und kitschig, aber für Mama der schönste. Blinkende Lichter. Er wird wohl bis Mariä Lichtmess stehen bleiben.
Ich erinnere mich an jede einzelne Stufe, über die ich nach oben gehe. Ein rechter Winkel, dann der nächste, spitzere; die Spalten zwischen den Brettern, die selbst Ölfarbe nicht verdeckt. Die Vertiefung mit scharfen Kanten in der dritten Stufe von oben, an der sich die Fransen des Wischlappens verfingen und die man mit dem Fingernagel herauspulen musste, damit kein Schmutz blieb. Die Kanten der Stufen gründlich säubern.
Über den Lappen gebeugt sah ich jede einzelne Blase im Anstrich der Wand. Erst als ich erwachsen war, erfuhr ich, dass man beim Neuanstrich die alte Oberfläche abschleifen müsste, damit die Farbe nicht abplatzt. Wir haben das nie getan.
Ich stehe im oberen Stockwerk. Die steilen Stufen zum Dachboden gibt es seit einiger Zeit nicht mehr. Stattdessen wurde eine Luke mit Holzspänen-Klappe eingebaut. Auch sie ist von Feuchtigkeit gezeichnet. Schließlich ist das Dach undicht. Früher, wenn man im Flur stand, stank es nach den Tauben, die mein Vater auf dem Dachboden hielt. Das ewige Klagen meiner Mutter, dass Federn und Scheiße herunterfielen, sobald sie die Tür öffnete, und dass es vom Eingang her zog. Auf den Stufen zu den Tauben — wie man damals sagte — konnte man im Winter Töpfe mit Suppe abstellen. Manchmal fror sie sogar ein.
Links das Wohnzimmer mit dem Bett meiner Eltern. Die Schlafcouch — sie war immer das Lieblingsmöbel zum Sitzen vor dem Fernseher. Nachts schliefen dort meine Eltern, jetzt schläft dort nur noch mein Vater. Der Fernseher nimmt die halbe Wand ein, also die halbe Länge des Zimmers. Meist laufen ununterbrochen die Nachrichten oder Boxen. Gewöhnlich bis zwei, drei Uhr nachts. Aus dem Fenster des Zimmers sieht man die Kapelle und auch, wer auf uns zukommt, zum Beispiel ungebetene Gäste. Auf der Fensterbank stehen Blumen. Verschiedene: kleine, große — und alle wachsen gut. Meine Mutter hat einen grünen Daumen.
Hinter dem Zimmer — das Zimmerchen. So haben wir es genannt. Eine kleine Nische, entstanden aus einer ehemaligen Abstellkammer. Meine frühesten Erinnerungen an dieses Haus stammen genau aus diesem Zimmerchen. Eine Kammer. Zwei Betten von den Kindern. An der Wand Fotos in Rahmen. Unsere verblassten Kommunionbilder hängen noch immer hier. Und das Porträt meiner Mutter im Kommunionkleid. Ein Kranz auf dem Kopf, mit Myrte durchflochten. Ich kenne all diese Fotografien genau. Alle Heiligenbildchen. Oft habe ich sie betrachtet, wenn ich zu früh aufwachte und warten musste, bis die anderen aufstanden.
Zwischen dem Zimmer und dem Zimmerchen gibt es keine Tür, und es hat nie eine gegeben. Früher hingen an ihrer Stelle bunte Plastikstreifen — ein Ersatz für Intimität. Sie sollten uns den Blick auf den Fernseher versperren, auf den Film nach acht, also den nicht für Kinder. Leider dämpften sie weder den Ton des Films noch die nächtlichen Geräusche. Ach, diese bunten Streifen — manchmal flatterten sie sogar leicht. Heute hängen dort irgendwelche silbernen, glänzenden Ketten — wie für den Weihnachtsbaum. Ich weiß nicht, wozu, denn das Zimmerchen wird nicht mehr genutzt. Mama schläft auch nicht mehr darin. Und auch nicht im Wohnzimmer.
Sie schläft im Zimmer der Jungen. Die Möbel im Wohnzimmer stammen noch aus den Neunzigerjahren und werden vermutlich nie ausgetauscht werden. Alte Heizkörper, mit silberner Farbe gestrichen. Ausstellungsstücke vom Sperrmüll aus Deutschland. Auf dem Tisch liegt immer eine Serviette, eine Zuckerdose, eine Zeitung mit Kreuzworträtseln, ein Kugelschreiber, eine Brille und eine Tüte mit Medikamenten. Genauso wie Medikamente dürfen auch Kekse nie fehlen.
Das Zimmer der Jungen. Erst jetzt nenne ich es so, damals sagten wir: Arturs Zimmer, Tomeks Zimmer, Mariusz’ Zimmer. Je nachdem, wer gerade darin schlief und im Haus wohnte. Klein, zu warm, mit Blick auf die Ślęża, den Hausberg, und auf den Hof von Tante, meine Couisne Agnieszka und ihren Mann, Janusz. Früher – auf den Hof von Oma und Opa. Mit Blick auf die Felder und den kleinen Wald, in dem wir jahrelang „Haus“ gespielt haben. Damals kam er uns riesig vor, heute sind es nur noch gewöhnliche Büsche.
Im Zimmer der Jungen waren die Wände meist grün gestrichen. Die immer noch dort stehende Schrankwand. Auf den Fächern und in den Schubladen liegen bis heute jede Menge wichtiger Dokumente, von uns nie abgeholt. Briefe, Mahnungen, Rechnungen, die man bei Gelegenheit eines Polenbesuchs bezahlt. Jeder von uns — außer Dorota — lebt irgendwo im Ausland.
Und dann die Küche — der zentrale Ort. Sehr klangvoll, denn hier stehen der Gasherd und der zischende Wasserkocher auf alten weißen Möbeln. Ein lauter Herd und eine ebenso laute Spülmaschine. Früher lief hier auch das Radio. In der Küche wird gegessen und man empfängt Gäste, die immer seltener werden. Ich weiß nicht, ob vielleicht deshalb — weil sie inzwischen tatsächlich willkommen sind.
Aus dem Küchenfenster sieht man die ganze dörfliche Welt mit ihren Akteuren. Nachbarinnen, Nachbarn, ihre Kinder, Hunde, Katzen, den Postboten, den Tierarzt und viel zu viele Autos. Heute fährt schließlich jeder, niemand geht mehr zu Fuß, außer sonntags zum Spaziergang, dann biegt man in den Wald ab oder in den Park unterhalb des Schlosses und geht später über die Felder zum Stausee. Um nicht an der Straße entlangzugehen, denn die ist inzwischen zu stark befahren. Unter der Woche durch die endlose Kette von Lastwagen – auch gefährlich. Am Wochenende dagegen durch protzige Autos mit Windsurfboards auf den Dächern.
Manchmal huscht ein Radfahrer auf einem E-Bike vorbei oder ein Motorradfahrer im Lederoverall. Dann muss man sich die Ohren zuhalten, weil das Echo die schrillen Geräusche die Straße entlang bis hinauf zum Kreuz bei Szalowa trägt. Danach verschwindet der Lärm hinter der scharfen Kurve — genauso wie der verrückte Fahrer auf dem rasenden Motorrad am Horizont.
Die Küchenfenster sind hinter einer dichten Gardine verborgen. Man sollte sie niemals zur Seite ziehen, denn dann denken die Nachbarn, man starre sie an. Natürlich starrt man, aber besser, sie wissen es nicht. Im Sommer zieht man zusätzlich Vorhänge zu, weil die Sonne im Westen lange und stark hereinscheint. Unter dem Fenster befindet sich ein Blechvordach. Es heizt sich wie eine Bratpfanne auf und wärmt die ohnehin schon viel zu heiße Wohnung zusätzlich auf.
Neben der Küche mein altes Zimmer. Mein Zimmerchen. Eine Nische, so wie neben dem Wohnzimmer. Als ich zwölf war, bekam ich es im Zuge einer Wohnungsrenovierung. Einer kleinen Umgestaltung, die damals eine unglaubliche Verbesserung unseres Wohnkomforts bedeutete. Damals entstanden die Küche und unser erstes Badezimmer mit Badewanne und Toilette sowie fließendem Wasser. Und eben mein Zimmer.
Mit rotem Teppichboden, königlich rot, mit eingeprägtem Muster. Er war ein wenig zu groß, sodass sich am Rand eine dicke Falte bildete, eine Umschlagkante, die mir als Versteck diente. Ich stopfte verschiedene Dinge darunter. Ich verbarg meine Schätze vor den neugierigen Blicken der Familie. Vor allem die Briefe von Pfarrer Plebanek, dem ich meine Unglücke anvertraute. Manchmal versteckte ich dort auch Binden, wenn ich meine Periode hatte. Ich wusste nicht, wohin ich sie werfen sollte, damit niemand entdeckte, dass ich blutete. Ich schob sie unter den Teppich und wartete, bis Mama den Ofen anheizte und ich sie verbrennen konnte. Ich hatte Angst, einer meiner Brüder könnte meine Scham entdecken. Manchmal geschah das sogar. Tomek spionierte mir oft nach. Danach erpresste er mich und drohte, alles dem Vater zu erzählen, wenn ich dies oder jenes nicht für ihn tat. Wie schrecklich ich mich damals schämte. Ich flehte ihn an, mich nicht zu verraten. Bis heute weiß ich nicht, wie die Reaktion meines Vaters gewesen wäre.
Mein Zimmerchen. Klein. Alt. Das Fenster war mit einer Gardine verhängt, die mit Nägeln befestigt war. Sie hielt nicht lange, weil die Wand hart war und die Nägel sich lösten. Also schlug ich immer wieder neue daneben ein, bis große Löcher in der Wand entstanden. Vater reparierte das nie — genauso wenig wie die Türklinke, nachdem die Tür einmal zugefallen war und man sie herausreißen musste. Bis heute klafft in der Tür ein Loch.
Später gehörte das Zimmerchen auch meiner achtzehn Jahre jüngeren Schwester. So wie ich hatte auch sie keinerlei Intimität — in einem Zimmer, das immer offen und für alle zugänglich war.
Zu beschreiben bleibt noch das Badezimmer. Das von allen am meisten ersehnte. Endlich mussten wir nicht mehr bis Samstag warten, um zu baden. Man musste kein Wasser mehr aus dem Brunnen tragen, es im Kessel erhitzen, um die Zinkwanne zu füllen. Endlich konnte man Wasser in die Badewanne laufen lassen und sie ganz für sich allein haben. Das erste saubere Wasser. Und nicht nach jemandem.
Zwar erlaubten die Eltern nicht, die Badewanne bis zum Rand zu füllen. Man durfte nur so viel Wasser einlassen, dass man darin sitzen konnte — ungefähr bis zu den Hüften, manchmal bis zum Bauch. Mama hatte Angst, jemand könne in der Wanne ertrinken, und Vater ordnete das eher aus Sparsamkeit an. Damit man nicht so viel heizen musste. Der Boiler war über ein sogenanntes Hufeisen an den Ofen angeschlossen. Brennmaterial war in unserem Haus immer ein Problem. Immer zu wenig, zu spät gekauft, zu früh verbrannt, zu teuer — wie jedes Jahr.
Während ich schreibe, rieche ich den Ofenbrand. Zuerst im sogenannten Sägespäneofen. Das Stopfen des Sägespäneofens im Schuppen bei Kerzenlicht. Eigentlich ein Wunder, dass wir ihn nie in Brand gesetzt haben. Ein Wunder, dass nie jemand im Zimmer an Rauch erstickt ist. Dass wir nicht für immer und ewig eingeschlafen sind. Den Sägespäneofen musste man gut beaufsichtigen. Es brauchte einen guten Zug, damit er richtig brannte. Aber wenn er erst einmal zog, spendete er eine wirklich angenehme Wärme, die bis zum Morgen anhielt.
Die letzten Reste dieser Wärme entwichen mit uns, wenn wir zur Schule und zur Arbeit hinausgingen. Nach der Rückkehr nach Hause konnte man vor Kälte mit den Zähnen klappern. Im Ofen durften wir ohne die Eltern nicht heizen. Unter dem Küchenherd konnten wir alle schnell Feuer machen. Trockene Holzscheite, alte Zeitungen, Streichhölzer mit grünem Schwefelkopf. Man musste sparsam mit ihnen umgehen. Vorräte hatten wir nie im Haus. Waren die Streichhölzer alle, lief man zu Oma nach unten. Um sich welche zu leihen. Manchmal hatte sie selbst keine — dann rannte man in den Laden. Auf Anschreiben, denn Geld gab es im Haus ebenfalls nie. Nicht eine einzige Złoty irgendwo in einer Schublade oder im Schrank.
Vater trug das Geld bei sich. Mama hatte selten eigenes. Und als sie aufhörte zu arbeiten, musste sie ihn um alles bitten. Er teilte ihr kleine Beträge zu. Manchmal wirklich nur für Streichhölzer. Mama protestierte nie. Sie sagte, das Geld gehöre ihm, weil er es verdiene. Weil er arbeite. Manchmal fragte ich sie, was sie denn den ganzen Tag, die ganze Woche über tue. Schließlich lag doch alles im Haus, im Hof, im Garten und im Hühnerstall immer auf ihren Schultern.
Zu unserem Anwesen gehörte auch ein Hühnerstall. Mehr für Tauben als Hühner oder Enten gedacht. Und Tauben fraßen auch mehr von dem Getreide, das man angeblich ausschließlich für Geflügel anbaut. Die Leidenschaft meines Vaters kostet Geld — aber er hat wenigstens eine Leidenschaft. Mama interessiert sich für nichts. Sie hat weder Zeit noch Kraft noch Gesundheit noch Verständnis für Leidenschaften. Alles, was man Hobby nennen könnte, ist Zeitverschwendung und Dummheit. Wozu brauchst du das? Wozu? fragt sie immer. Sie kritisiert Müßiggang. Nur Fleiß zählt für sie. Am besten von der Morgendämmerung bis in die Nacht.
Den Wert eines Menschen bemisst sie an der Menge der erledigten Aufgaben. Daran, ob er sich bis zur Erschöpfung abgerackert und dabei geschwitzt hat. Weiblichkeit — an der Nützlichkeit in der Küche, im Garten, auf dem Feld, bei den Kindern und im Dienst am Ehemann. Männlichkeit — an der Höhe des verdienten Geldes. Nur gegenüber meinem Vater wendet sie diesen Maßstab nicht an.
Morgen fliege ich nach Breslau. Nach Hause, zu Mama und Papa. Heute alte Menschen. Einsam, ohne Kinder, obwohl ihnen fünf Kinder passieren sind. Vater wird mich vom Flughafen abholen. Heute hat er mir eine Sprachnachricht geschickt und gefragt, um wie viel Uhr er auf mich warten soll. Als wüsste er es nicht. Ich habe es ihm doch schon geschrieben. Er möchte pünktlich auf „sein Töchterchen“ warten. Nett? Ich weiß nicht. Als wäre nie etwas gewesen. Als hätten wir uns im letzten Jahr nicht ignoriert. Ich war zweimal in Polen, aber nicht bei ihnen. Ich habe es nicht geschafft, zu ihnen zu fahren.
Was erwartet mich morgen? Ich habe Angst vor Enttäuschung. Angst, dass das Bild, das ich mir ausmale — dass es dieses Mal besser wird, schön, warm, normal, gut — zerbricht, noch bevor ich einen Fuß auf die alten Treppenstufen setze. Ich habe genauso Angst und doch ein wenig anders. Ich fürchte die Fragen, die ich für dumm halte. Bis heute kann ich sie nicht neutral beantworten. Sinnlose Kommentare, die nichts mit meiner Wirklichkeit zu tun haben. Erwartungen, die ich niemals erfüllen werde, weil ich es nicht will, nicht kann und mich nie dazu durchringen werde.
Zwischen uns ist eine Distanz entstanden. So groß wie die Strecke, die die Erde auf ihrem Weg um die Sonne zurücklegt. Ich will niemandes Erwartungen erfüllen — schon gar nicht die meiner Eltern. Ich werde mich nicht beugen, aber dieses Mal werde ich vielleicht schweigen. Ich habe Angst … Nach jedem Besuch brauche ich Zeit, um die Wunden zu lecken — manchmal einen Monat, manchmal ein halbes Jahr, manchmal auch viel länger.
Was fühlen sie, wenn ich komme und wieder gehe? Was denken sie? Bereuen sie, dass sie mich erneut aufgenommen haben? Wie denken sie überhaupt über mich? Und wie würde ich mir wünschen, dass sie über mich denken?
Ich will keine Entschuldigungen von ihnen. Dafür ist es zu spät und auch irgendwie auch egal. Ich wünsche mir nur Neutralität. Ab und zu die normalen Worte: „ich verstehe“ und „danke“. Und auf keinen Fall keine anderen überschwänglichen Zeichen elterlicher Liebe. Keine Beteuerungen. Keine Träume mit mir in der Hauptrolle.
Ich will nichts vom Erbe hören. Ich habe nicht vor, Gespräche über die Pflichten von Kindern gegenüber ihren Eltern zu führen. Ich will keine Vergleiche mit Cousins, Nachbarn und Filmfiguren hören, zu denen wir — ihre Kinder — hätten werden sollen, wenn nur … Wenn nur was? Wozu dieses Gespräch? Wozu? Schweigen wir lieber. Starren wir hypnotisiert auf den Fernseher. Er übertönt sogar unsere Gedanken so schön.
Vielleicht ist es gut, dass der Fernseher so brüllt. Dass jemand singt, schießt, lallt. Großartig, dass er für uns spricht und nicht unsere, und doch irgendwie unsere, Geschichten erzählt. Menschliche, dumme, sinnlose. Manchmal einfach nur komische.
Ich werde den Fernseher heute nicht ausschalten. Ich werde ihn nicht leiser drehen. Ich tue so, als sei das genau richtig. Vielleicht ist es das auch. Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt darin der ganze Sinn meines Aufenthalts in diesem Haus.
Sein im Nichtsein.
Bin ich Zuschauerin oder die, die betrachtet wird? Ich bin wie ein Serienstar. Genau so, wie das Publikum ihn erwartet. Die schlechte Tochter. Die hochmütige Dame. Die Frau aus dem Ausland. Die Geschiedene. Die Konkubine. Die Mutter mit Kind. Am besten gleich mit allen dreien. Gut bekannt aus den modernen Boulevardmedien: von Facebook, aus Statusbildern bei WhatsApp. Ihr wisst doch alles über mich. Die Wahrheit liegt auf dem Präsentierteller. Ich muss nichts hinzufügen.
Müdigkeit überkommt mich, als Vater auf Boxen schaltet, dann zu politischen Streitereien springt und schließlich bei einer Reportage über Menschen wie sie hängen bleibt. Ich kann doch nicht mehr. Ich schaffe es nicht länger. Ich gehe hinaus. Ich sehne mich nach meiner Welt. Noch bin ich nicht weggefahren und doch kehre ich schon dorthin zurück.
Draußen, in der kalten, klaren Luft, die im Winter wie immer nach Braunkohle und verbranntem Plastik riecht, denke ich an den Wald, den Stausee, an einen Spaziergang mit Monika. Langsam beruhige ich mich. Ich denke an Breslau und an polnische Buchhandlungen. An meine Universität. An Cafés mit köstlichem Kuchen und an das Stimmengewirr in meiner Sprache. Ich denke an Gespräche mit Asia und bin jetzt schon dankbar, dass mich morgen jemand verstehen wird.
Ich bin also zu Hause. Bei mir. Und doch plötzlich möchte ich nicht so schnell wieder wegfahren. Ich möchte hier noch ein wenig sitzen, schauen und zuhören. Träumen und mich erinnern, Sehnsucht nach der zu haben, die ich einmal war. Ich spüre es schon wieder: dieses innere Zerreißen. Die Spaltung. Sie holt mich jedes Mal ein, wenn ich nach Hause zurückkehre, nach Polen.
Morgen werde ich dort sein.
Dodaj komentarz