24.02.2026
Ich war schwimmen. Ich bin zu Fuß ins Schwimmbad gegangen. Davor war ich noch kurz mit Rex draußen. Er wollte nicht laufen. Er wollte nach Hause. Aufs Sofa. In die Wärme. Ich eigentlich auch. Schwimmen gehen, zurückkommen und mich aufs Sofa setzen. Mich ausstrecken. Lesen und lesen und jedes Wort auskosten. Einen Satz auseinandernehmen. Zusammenzucken. Dieses leichte Frösteln auf der Haut spüren, wenn ich merke, dass ich genauso bin wie die Autorin … Oder einmal so war wie sie. Dass ich dieses Gefühl nur zu gut kenne, erfasst mich so etwas wie Stolz. Stolz darauf, so zu empfinden. Stolz darauf, ähnlich zu denken – und es ebenso in Worte fassen zu können wie eine bekannte Schriftstellerin. Eine Bestsellerautorin. Gedanken in Sprache kleiden. Vielleicht ein wenig anders. Aber mein Schreiben würde qualitativ wohl kaum hinter dem zurückbleiben, was ich gerade lese.
Egomane! Ich rüge mich für diese Höhenflüge. Ich werde nie so schreiben wie sie. Nie ein solches Buch schreiben. Ich bin zu alt. Alle bekannten Autorinnen und Autoren, die Erfolg hatten, haben viel früher angefangen. Und ich habe all die Jahre nichts für meine eigene Entwicklung getan. Und jetzt fällt mir plötzlich ein, dass ich einmal schreiben konnte. Alles zu spät. Vergeblich.
Um ein Buch zu schreiben, muss man … Ich weiß nicht einmal, was man dafür braucht. Wenn ich es wüsste, hätte ich längst etwas veröffentlicht.
Ich möchte für das Schreiben leben. Und vom Schreiben. Nichts anderes tun. Lesen und schreiben. Beobachten und denken. Ahnen. Nachdenken. Definieren. Mir selbst Antworten geben. Gedanken zusammenfügen. Wörter abwägen. Bücher veröffentlichen.
Bin ich eingebildet? Habe ich ein verzerrtes Bild von mir und meinen Fähigkeiten? Überschätze ich mich? Hochmut. Die erste der sieben Todsünden.
Neulich hatte ich sogar eine Idee für ein Buch. Sieben Kapitel. Nach den sieben Todsünden. Zu jeder würde ich eine Geschichte über mich erzählen. Stoff habe ich genug im Kopf. Viele Erlebnisse. Schöne und schmerzhafte. Mit jedem Jahr kommen neue hinzu.
Ich verbinde Erfahrungen mit Erlebnissen, paarweise. Sie haben sich schmerzhaft in meinen Körper eingeschrieben. Eine Art Tätowierung. Grünlich-blau. Grob gestochen. Wie im Gefängnis. Wie bei meinem Vater – auf seinem sommersprossigen, harten Oberarm.
Ich weiß, wofür jeder Schmerz steht. Jedes Stechen. Jedes Zucken im Körper. Ein Ausschlag. Ein Gerstenkorn. Eine Zyste am Eierstock. Ich ziehe Pfeile – von links nach rechts. Von rechts nach links. Von außen nach innen. Von innen nach außen.
Nach der Genetik bekommen wir die Hälfte vom Vater, die Hälfte von der Mutter. Ich habe darüber einmal in spirituellen Texten gelesen. Die rechte Seite steht für den Vater, für das Männliche. Die linke für die Mutter, für das Weibliche.
Im vergangenen Sommer habe ich mir den linken Arm gebrochen. Die weibliche Seite schwer getroffen. Als ich neun war, hat mein Vater mir den Arm gebrochen – ebenfalls den linken. Das Männliche hat das Weibliche verletzt. Ein Akt der Gewalt an mir. Ein Pfeil von außen, der nach innen trifft. Ein Blitz. Wie das Zeichen auf der alten Umspannungsstation oben auf dem Hügel am Wäldchen, wo wir den ganzen Sommer „Haus“ gespielt haben. Der Totenkopf warnt vor tödlicher Gefahr. Hochspannung.
Diese Hochspannung ist in mir. Seit jeher. Und noch immer. Sie zeigt sich im nervösen Aufschrecken mitten in der Nacht. Im Zittern von innen. Im Rauschen in den Ohren. In der immer wiederkehrenden Herpesblase auf der Lippe.
Seit ich denken kann, zerrt eine innere Unruhe an mir. Ein Zustand ständiger Alarmbereitschaft. Modus: auf der Lauer. Eine rote Lampe blinkt. Es ist, als säße ich versteckt unter einem schweren Schild. Versteckt vor der Welt. Vor dem Henker, der nur wartet. Ich knie in geduckter Haltung. Unbequem. Aber je länger ich so verharre, desto weniger spüre ich die Anspannung. Die verkrampften Muskeln.
Und ich weiß, dass dauerhafte Spannung zerstört. Sie macht den Körper hart. Verspannt den Nacken. Sie schenkt keine Muskeln. Stattdessen legt sich Fett um die Taille. Ich werde steif wie ein Pfahl. Unbeweglich. Ungelenk. Ein Pfahl im Zaun. Ein roher Klotz.
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