26.02.2026
Ich war nicht im Schwimmbad. Gestern auch nicht, obwohl ich jeden Abend meine Tasche packe. Die Müdigkeit hat mich eingeholt. Ich kann mich nicht damit abfinden, dass ich schneller erschöpft bin als noch vor einem Jahr. Oder vielleicht spüre ich jetzt endlich das jahrelange Ausbrennen.
Früher hätte ich Berge versetzt. Kinder, Hund, Haushalt, Vollzeitjob. Alles allein. Und dazu tausend verschiedene Aktivitäten, als hätte ich nicht schon genug Verpflichtungen. Der Tag hatte damals auch nur 24 Stunden, aber ich schaffte es auf beinahe übernatürliche Weise, ihn auf XXL-Format zu dehnen. Ehrenamtliche Arbeit, kulturelle Veranstaltungen, Freundinnen, Treffen, Reisen, Kurzurlaube. Liebhaber am Abend. Tagsüber alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Drei Spaziergänge täglich mit dem Hund. Am Wochenende Ausflüge oder wenigstens ein Eis mit den Kindern – selbstverständlich fuhren wir mit dem Fahrrad zur Eisdiele. Kuchen zu jedem Anlass. Frühstück, Mittagessen, Abendessen – immer gesund und regelmäßig. Snacks und Salate für jede Feier, damit ich nicht mit leeren Händen erschien.
Wann habe ich eigentlich geschlafen? Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nur, dass ich, sobald ich ins Bett fiel, sofort in einen schweren Schlaf sank – wie nach einer Betäubungsspritze. Das Erwachen war abrupt, wie aus einer Narkose gerissen. Jahrelang träumte ich fast nichts. Und wenn doch, dann erinnerte ich mich nicht daran. Ich wachte mit Herzklopfen und Angst auf, die sofort meinen Darm in hektische Bewegung versetzte. Auch mein Kiefer war verkrampft. Mühsam öffnete ich den Mund, um mir die Zähne zu putzen. Meine Füße steif wie Hühnerkrallen nach einer Nacht auf der Stange. Die Verkrampfung in den Zehen spürte ich noch Stunden nach dem Aufstehen.
Waren das die ersten Anzeichen eines Lebens am Limit? Dauerhaft auf Reserve? Wahrscheinlich ja. Aber ich wollte nicht sehen, dass die gelbe Warnleuchte blinkte – und immer schneller blinkte.
Eines Nachts verlor ich das Gleichgewicht, als ich zur Toilette ging. Ich schob es auf den Rotwein, von dem ich damals zu viel trank. Es war die Zeit, in der ich versuchte, meinen Stress mit einem Glas Primitivo zu verarbeiten. Oder auch mit drei. Die ersten Blutdruckanstiege äußerten sich durch einen starken, nicht nachlassenden Kopfschmerz. Er dauerte zwei, vielleicht drei Wochen. Ich zögerte, zum Arzt zu gehen. Ich wollte die Diagnose nicht hören – nicht akzeptieren, dass ich Bluthochdruck habe, so wie meine Mutter. Natürlich erwähnte ich ihr gegenüber kein Wort davon. In den folgenden Jahren sprach ich das Thema nicht an. Ich konnte nicht zugeben, dass wir uns im Umgang mit uns selbst gar nicht unterscheiden. Ich sah schon ihr zufriedenes Lächeln und hörte den Triumph in ihrer Stimme: „Siehst du, du bist kein bisschen besser als ich. Wir sind genau gleich.“
Ich wollte meiner eigenen Mutter nie ähnlich sein. Ich hasste viele ihrer Eigenschaften, ihre Schwächen, ihre Lächerlichkeit. Ihre Schlichtheit, die mich als Mädchen mit Scham und Wut erfüllte. Manchmal wollte ich sie packen und schütteln, damit sie normal wäre. Damit sie eine vorzeige Mutter wäre. So wie viele anderen. Moderner, fröhlicher, gepflegter. Nicht ständig überarbeitet. Ständig zwischen Windeln und Küche. Damit sie nicht die Magd unsres Vaters und unsere wäre – auch wenn das für uns alle sehr bequem war. Wir tanzten ihr auf dem Kopf herum. Man konnte ihr alles sagen. Wir hatten nicht den geringsten Respekt vor ihr. Von unserem Vater lernten wir, dass sie unwichtig sei, dümmer als er und in diesem Haus nichts zu sagen habe. Ein Bauernmädchen. Aus einer Familie von Knechten stammend. Das letzte Glied in der Nahrungskette. Am gedeckten Tisch gab es nie einen Hocker für sie. Wozu auch? Sie aß ohnehin selten mit uns. Sie hatte nie Hunger. Sie aß die Reste, oft direkt aus dem Topf. Schlang hastig hinunter. Schmatzte. Ohne Manieren. Ohne Messer und Gabel. Am liebsten mit dem Löffel. Es tat ihr leid, einen Teller schmutzig zu machen. Es wäre reine Verschwendung. Aschenputtel in der Küchenecke. Auf einem niedrigen Holzschemel sitzend, schälte sie unablässig Kartoffeln für ihre fünf Kinder. Schleppte Wassereimer vom Brunnen. Die Wäsche in einer Schüssel. Futter für den Hund an der Kette. Draußen trug sie immer alte, zu große Schuhe. Gummistiefel verschmutzt im Schlamm. Ihr heiliges Ritual – die unsere Hühner, Enten und die Tauben meines Vaters zu füttern, die sie bis heute hasst.
Heute, wenn ich sie selten besuche, erfasst mich nur Hilflosigkeit. Eine Art emotionale Taubheit. Vielleicht, um den Schmerz nicht zu spüren, wenn ich sie ansehe. Liebe? Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich fühle sie nicht mehr. Zärtlichkeit? Vielleicht – wohl wegen ihres Alters, ihrer Krankheiten, der Vergänglichkeit des Lebens. Manchmal kommen auch Schuldgefühle. Es ist doch meine Mutter. Mama… die, die mich zur Welt brachte…
Ich rufe ihr Bild in Gedanken hervor. Ihr Gesicht. Ihre Zufriedenheit, wenn uns das Essen schmeckt – denn sie kocht wirklich hervorragend. Ihr Lachen, wenn sie beim „Tausend“ gewinnt. Karten spielt sie wie keine andere. Ihre grünen Augen im dunklen Rahmen leuchten dann wie die eines Kindes. Wie sie sich über die Unterlippe leckt, wenn sie über einem Kreuzworträtsel grübelt.
Ihre chaotischen Gesten mit den vom Leben und harter Arbeit gezeichneten Händen. Oft wenn sie etwas nicht logisch erklären kann. Ihr Blick auf die Welt ist emotional und ganz anders, als wir es uns wünschen würden, damit wir uns ihretwegen nicht schämen müssten. Manchmal wirkt sie wie aus einer anderen Epoche. Wenn sie meint, jemand irre sich, hebt sie die Stimme. Sie kann vulgär sein. Und danach beleidigt. Vom Angriff wechselt sie in die Opferrolle. Diese kennt sie am besten. Immer ist jemand anderes schuld an ihrem Unglück. Ihre Welt ist schwarz-weiß. Wenn man sie eines Irrtums überführt, holt sie alte Geschichten hervor. Irgendjemand hat einmal etwas gesagt, das sie verletzt hat. Jemand hat schief geschaut – und sie weiß genau, was das damals bedeutete. Unangenehme Gespräche beendet sie stets mit dem selben Satz: „Du hast deine Wahrheit, und ich habe meinen Frieden.“ Meine Mutter hört nicht zu. Sie lässt niemanden ausreden. Sie weiß es besser, weil sie älter ist. Weil sie Mutter ist. Und Eltern muss man respektieren. Vorbilder. Schablonen. Regeln nur für die Kinder. Bitte passt euch alle an!
Früher, wenn sie nicht wusste, wie sie etwas bei uns durchsetzen sollte, rief sie unseren Vater zu Hilfe. Sie wusste, dass es mit Schlägen enden würde. Der Vater prügelte in ihrem Namen und danach nahm sie uns in den Arm. Für uns – ewiges emotionales Chaos. Wer sollte hier wen lieben? Und wofür? Bis heute wissen wir es nicht. Sicher nicht in dieser Familienkonstellation.
Fremden gegenüber, den „Besseren“, ist sie streng. Aber leise, hinter deren Rücken. Ihnen gegenüber erhebt sie nicht die Stimme. Doch sie kann gnadenlos sein, besonders gegenüber Frauen. Püppchen. Dame. Städterin. Ach so modern, und doch… Konkubine. Geschiedene. Geliebte. Flittchen. Hure. Kalte Mutter. Schlechte Tochter. Undankbare.
Ich bitte sie, sich nicht in mein Leben einzumischen. Nicht zu kommentieren, wenn sie nichts weiß. Nicht zu urteilen, wenn sie die Fakten nicht kennt. Kennen will sie sie ohnehin nicht – sie fragt nicht. Sie besucht weder mich noch meine Geschwister. Sie kennt uns nicht.
Sie hat mich nie gekannt.
Ihr Bild von mir ist die Vision einer Tochter, die sie leider nicht hat, aber hätte gern. Ich erinnere mich nicht, dass sie je gefragt hätte, was in meinem Kopf vorgeht. In meinem Herzen. In meiner Seele. Es zählt die Oberfläche. Das brave Mädchen. Die dankbare Tochter. Die gute Hausfrau. Ich sollte bei ihr bleiben. Ihre Lebensart wählen. Einen guten Ehemann finden. Ihr viele Enkel schenken. Brave. Den Haushalt führen wie sie. Einen Garten bestellen. Mich der Familie widmen, denn nur die Familie zählt. Vergessen, dass ich eine Frau bin.
Aber die Erstgeborene passt nicht in den Rahmen. Von Anfang an zeigt sie Hörner. Will nicht essen. Hat zu dünnes Haar für zwei Zöpfe und Schleifen. Ist lieber bei der Großmutter als zu Hause, weil sie die Eltern früh durchschaut hat. Flucht ins Internat, ins Studium, ins Ausland. Windet sich wie ein Aal im Schoß der Familie. Ich entferne mich, immer weiter. Die Kluft zwischen uns wächst. Ich atme aber tiefer, ruhiger.
Meine Mutter bemerkte nicht den Moment, in dem ich die Nabelschnur durchtrennte. Die lange, verdrehte Schnur baumelt noch immer an ihrem Bauch. Ich habe den Schorf abgerissen und sehe, dass an meiner Taille nur eine gewöhnliche Narbe geblieben ist.
Ein Nabel wie jeder andere.
Ein Zeichen der Mutter.
Eine Erinnerung an Schwangerschaft und Anstrengung.
Daran, dass ich durch sie auf der Welt bin.
Dass ich lebe.
Das ist alles.
Alles dank der Mutter.
Dodaj komentarz