Vorfrühling

Die Lichter gehen plötzlich aus.
Die Vorstellung beginnt.

Starker Regen schlägt gegen das Fensterbrett.
Wie verzaubert sitze ich in der ersten Reihe
im Theater der Elemente vor dem Fenster,
auf einem bequemen Sofa.

Heute spielt der Regen die Hauptrolle.
Der Himmel ist wie ein schwarzer Vorhang,
schwer und samtig.

Die Glocken klingen klar.
So klar wie selten.
Wahrscheinlich zur feierlichen Öffnung des Himmels.

Eine schwarze Krähe – eine selbstsüchtige Ansagerin –
versucht mit aller Kraft
alle Glocken zu übertönen.
Ihr Ton ist zu hoch
und reizt das Ohr.

Ein unangenehmer Schauer
läuft über den Körper.

Der Regen beschleunigt sich, nervös und gereizt,
peitscht blindlings los –
in alle Richtungen.

Wo ist der Wind geblieben,
unser Dirigent?
Er wüsste genau,
welche Melodie gespielt werden sollte.

Vielleicht sammelt er irgendwo
die unterwegs verstreute Partitur –
im Osten oder im Westen,
im kalten Norden
oder im warmen Süden …
oder überall zugleich.

Der Igel weiß immerhin,
in welche Richtung er laufen muss.
Leise huscht er davon,
fast lautlos.

Ein Zittern hat ihn erfasst,
vom Regen und vom Krächzen der Krähe.

Schwere Tropfen peitschen
über die grünenden Rasenflächen.
Die ersten Blattknospen
halten tief den Atem an.

Dem Frost darf man nicht nachgeben
gleich am allerersten Anfang.

Anders das Schneeglöckchen.
Es hat seine Aufgabe schon erfüllt.
Jetzt ist es ihm gleichgültig,
was mit ihm geschieht –
bis zum nächsten Jahr.

Plötzlich hört der Regen auf.
Die wilde Melodie wird langsamer.

Alles verändert sich, glänzt und wächst,
reift im noch schüchternen Sonnenlicht.

Es wird feucht, wärmer, gemütlicher.

Der Bau eines Nestes –
aus Liebe, aus Nähe,
aus dem Gefühl des Instinkts,
um die Art zu erhalten.

Die Weitergabe des Lebens –
wie jedes Jahr
im Vorfrühling.

11.3.2026

Andżelika

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