10. Oktober 2025
Gestern habe ich über meine zweite, dunkle Seite geschrieben.
Jeder Mensch trägt sie in sich – und es ist nicht leicht, sich zu ihr zu bekennen, weil es weh tut. In der Tiefe unserer Seele wissen wir, wer wir wirklich sind. Auch ich schäme mich für vieles – meist im Stillen.
Bin ich die Einzige, die nach außen jemand anderes gibt, als sie ist?
Mir ist bewusst, dass ich oft eine Rolle spiele, wie wohl die meisten, nur um nicht zu sehr herauszufallen.
Natürlich möchte man besser sein. Man strebt nach einem Ideal, um einen bestimmten Eindruck zu hinterlassen: klüger, gebildeter, gütiger zu wirken. Großherzig in der Geste, mitfühlend, besorgt um Natur, Tiere, die Welt und die leidenden Kleinen…
Oft wünsche ich mir, etwas zu verändern. Ein wenig Einfluss auf den Lauf der Dinge zu haben. Ist das nur die Überheblichkeit meines Egos? Oder tatsächliches Bedürfnis, Gutes zu tun – wirklich aus einem reinen Herzen?
Seit Jahren engagiere ich mich. Ich gebe Zeit, Geld, Gesundheit – und mich selbst. Und doch frage ich mich, in den seltenen Momenten stiller Rückschau: Wofür? Wozu das alles? Für wen? Welche Kraft treibt mich wirklich an? Was sind diese „höheren Ziele“, von denen so oft gesprochen wird, die ich mir manchmal zu meinem Orientierungspunkt wähle?
Ich weiß es nicht. Meine eigene Definition habe ich noch nicht erfunden. Vielleicht bin ich einfach naiv und glaube an meine persönliche Stärke, dass ich den Lauf der Dinge verändern kann. Dass ich etwas oder jemanden vor dem Untergang bewahren, ein verhärtetes Herz erweichen könnte.
Alles ist so ungewiss. Und doch handle ich.
Ich erwarte kein Beifall, keine Danksagungen.
Ich dränge mich nicht auf die Titelseiten – wirklich nicht. Aber ich gebe zu: Es ist schön, Dankbarkeit und Anerkennung zu spüren. Gefragt zu werden, geschätzt zu sein – für Wissen, Erfahrung, Weltoffenheit.
Dazuzugehören reizt auch. Eingeladen zu werden. Sich irgendwo „unter Menschen“ zu wissen.
Doch alles nur für eine Weile – denn alles ist vergänglich. Jede Gruppe ermüdet mich mit der Zeit. Eine Gruppe fordert, erwartet, beobachtet, redet – und manchmal stößt sie einen auch ab.
Am schmerzhaftesten sind die Enttäuschungen, die durch Zugehörigkeit entstehen. Sie schmerzen fast wie Liebeskummer, weil sie immer mit einem anderen Menschen zu tun haben.
Mit den Jahren habe ich gelernt, für mich selbst zu leben. Nicht zu tief einzutauchen. Mich nicht in zu enge Bindungen zu verstricken. Fast alles bleibt auf der sicheren Oberfläche der Höflichkeit: ein kurzes Gespräch auf der Straße, eine aufrichtige Freundlichkeit, gesunder Abstand.
Ich wähle sehr genau, wen ich in meinen inneren Hof eintreten lasse. Es gibt nur wenige, die man wahre Freunde nennen kann. Bei dieser Wahl spielt weder Verstand noch Nutzen oder Geltungsdrang eine Rolle – nur meine eigene Intuition. Nur ihr kann ich wirklich vertrauen.
Es genügt, wenn ich jemanden ansehe und seine ersten Worte höre.
Es ist wie ein Hauch – wie der göttliche Finger auf da Vincis Gemälde. Ein Gefühl, das ich nur als Freude über die Heimkehr beschreiben kann. Ein Gefühl tiefer Verbundenheit mit diesem Menschen. Sich verstanden fühlen. Tiefe Ruhe. Ja! Ruhe empfinde ich bei einem solchen Menschen und das Bewusstsein, dass ich einfach ich sein darf. Frei sprechen. Meine Welt teilen: Sorgen, Glück, das, was mich berührt. Den intimsten Traum erzählen. Eine Dummheit gestehen. Ideen aussprechen und seltene, unerreichbare Hirngespinste, von denen mein Kopf noch immer so voll ist wie der eines Kindes.
Ich bin überzeugt, dass ein solcher Mensch nie spöttisch lächeln und nie schlecht über mich denken würde. Er wird mich nie abstoßen, wenn mir ein Fehltritt passiert. Und wenn uns etwas trennt – für immer oder nur auf Zeit – wird er nie vergessen, wer ich bin.
Ich könnte keine lange Liste von Namen schreiben, von Menschen, die mir so nah sind – Seelenverwandte, die auf derselben Wellenlänge schwingen. Vielleicht reichen wirklich die Finger einer Hand.
Es gab einige Menschen in meinem Leben, die es nicht mehr gibt und nie mehr geben wird. Sie sind gestorben oder leben so weit entfernt, dass sich unsere Wege nie wieder kreuzen. Unwirklich.
Was von ihnen bleibt, ist das Gefühl ewiger, transzendenter Nähe.
Ich wäre nicht die, die ich heute bin, ohne ihre Gegenwart.
Diese Menschen waren wie Steine, über die ich durch den reißenden Fluss getreten bin, um sicher ans andere Ufer zu gelangen.
Ich danke ihnen dafür, dass sie mich damals getragen haben.
Und dass es mir gelungen ist, hinüberzugelangen.
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