Der erste Winter

Ich sollte am 24. Oktober zur Welt kommen. Ich entschied mich für den Sechsundzwanzigsten. Eine Viertelstunde vor Mitternacht.

Ganze acht Stunden brauchte ich, um mir den Weg in diese Welt zu bahnen. Um hinauszugleiten, mit dem warmen Schwall des Fruchtwassers. Noch war es nicht grün. Dazu reichlich Blut. Dunkel, fast schwarz. Voller Gerinnsel. Die Plazenta zog ich gleich mit hinter mir her. Im Ganzen.

Wer die Verbindung zu meiner Mutter durchtrennte, weiß ich nicht. Und sie erinnert sich auch nicht mehr daran. Es ist lange her. Ganze 51 Jahre. Ob Arzt oder Hebamme, spielt keine Rolle.

Woran sie sich erinnert, ist, dass sie Blut brauchte. Und dass sie gelb war. So blutarm, so fahl. Und daran, dass sie am nächsten Tag zehn Kilo weniger wog. Was für eine Erleichterung.

Ich war ein Kind mit ganz normalem Geburtsgewicht. Zehn Punkte auf der Apgar-Skala. Unbeschadet von den langen Presswehen. Normale Hautfarbe, normale Schleimhäute, normale Reflexe und Reaktionen. Ein vollkommen normales Neugeborenes. Ein Mädchen. Gesund.

Zumindest ganz am Anfang.

Alles bestätigt im Kinderuntersuchungsheft. Ein violetter Stempel und eine Unterschrift. Die ersten Punkte auf den Kurven für Gewicht und Größe.

Nicht eingetragen wurde, dass ich ein Sonntagskind war. Mit einem kleinen Fleck am Hinterkopf. Ein Storchenbiss.

Ob ich mit einer Glückshaube zur Welt kam, weiß ich nicht. Aber mit zwei linken Händen ganz bestimmt. Wie jeder, der sich ausgerechnet an einem Sonntag auf die Welt drängt. Angeblich.

Am Morgen, nach dieser anstrengenden Nacht, als meine Mutter die Augen aufschlug und die Hebamme ihr das kleine, fest in eine Decke gewickelte Bündel brachte, fiel draußen der erste Schnee.

So waren die Winter damals. Vor über fünfzig Jahren.

Auf dem Nachbargebäude war eine Gruppe junger Dachdecker damit beschäftigt, hastig Dachziegel zu verlegen. Es schneite immer stärker.

Weißer, weicher, flockiger Schnee.

Mein erster Winter.

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