Die erste Diagnose

Nach acht Tagen waren wir endlich so weit, die Wände des rot gemauerten Krankenhauses am Platz des 1. Mai hinter uns zu lassen. Ein altes Gebäude aus deutscher Vorkriegszeit.

Schon vor dem Krieg hatte es als Krankenhaus gedient, damals unter dem Namen Allerheiligenhospital. So verbrachte ich mein erstes Allerheiligenfest ausgerechnet dort. Was für ein Zufall!

Mein Erzeuger konnte meine Mutter und mich nicht abholen. Er saß gerade im Gefängnis. Er verbüßte eine fast dreijährige Haftstrafe. Also wurde jemand aus dem Dorf angeheuert, der eines der damals noch seltenen Autos besaß. Meine Mutter erinnert sich nur noch an die Marke – einen großen Fiat. Wer am Steuer saß, weiß sie nicht mehr. Irgendein „Sowieso“.

Dieser Irgendwer „Sowieso” brachte uns heil nach Hause, obwohl ich, ein winziger Wurm, noch fest in mein Steckkissen gewickelt, die ganze Fahrt über kotzte wie eine Katze – jedenfalls erzählt meine Mutter das so. Bis heute habe ich noch nie eine kotzende Katze gesehen. Deshalb fällt es mir schwer, mir vorzustellen, wie ich als Säugling eine ganze Stunde lang meine Windeln vollspuckte.

Meine Mutter hatte Angst, ich könnte krank sein. Unterwegs überlegte sie, ob es nicht besser wäre, mit dem kranken Säugling ins Krankenhaus zurückzufahren. Doch „Herr Sowieso“ wollte davon nichts wissen. Gleich nach uns wartete schon die nächste Fahrt auf ihn. Zeit war für ihn Geld, und die Zeit drängte. Also trat er noch kräftiger aufs Gas und schnitt die Kurven so scharf, dass es meinen Zustand nicht gerade verbesserte.

Erst als wir endlich aus dem Auto stiegen, hörte das Erbrechen auf.

Von diesem Tag an konnte ich Fahrten in Fahrzeugen mit vier Rädern nicht mehr ausstehen.

Die erste Diagnose: Reisekrankheit.

Mein ganz persönlicher Protest gegen jede Fortbewegung mit einer Geschwindigkeit, die über das hinausging, was ein normaler Mensch noch ertragen konnte.

Ich hasste es, entgegen der Fahrtrichtung zu sitzen. Selbst im Zug. Auch Schiffsreisen waren mir zuwider, obwohl ich nur selten in den Genuss einer solchen kam. Das Schaukeln auf den Wellen. Das Drehen um die eigene Achse. Das Herumwirbeln in der Luft auf Karussells, ganz gleich, wie schnell sie sich drehten oder wie hoch sie mich über den Boden hoben.

Die nächtlichen Motorradfahrten mit meinem betrunkenen Vater, wenn wir von der Großmutter zurückkamen. Das Sitzen auf dem Rücksitz eines Autos. Busfahrten, besonders im Schulbus, der über die Schlaglöcher der holprigen Dorfstraßen schaukelte. Abruptes Bremsen. Scharfes Kurvenfahren.

Kurzum: jede nur denkbare Art der motorisierten Personenbeförderung.

Immer erwischte es mich.

Immer musste ich kotzen.

In eine Plastiktüte, während mich die anderen Fahrgäste mit angeekelten Blicken durchbohrten. Danach war der ganze Tag gelaufen. Bauchschmerzen waren garantiert.

Als ich ungefähr sieben Jahre alt war, entdeckte meine Mutter Aviomarin. Von da an behandelte sie meine Beschwerden bei Bedarf mit diesem Mittel. Ich verschlief die gesamte Fahrt zum Arzt, zum Einkaufen in die Stadt oder zu Besuchen bei meiner Großmutter im Krankenhaus.

Nur der Schulweg blieb eine einzige Qual. In der Schule durfte ich nicht schläfrig sein. Während meiner gesamten Grundschulzeit erbrach ich jeden Morgen auf der Schultoilette den Inhalt meines Magens. Und der war mit einem Frühstück gefüllt, das ich aus tiefstem Herzen verabscheute: Milchsuppe.

Montags gab es Milchsuppe mit Nudeln, die vom sonntäglichen Hühnerbrüheessen übrig geblieben waren.

Dienstags Haferbrei mit Milch.

Mittwochs Milch mit hineingebröckeltem Brot und Zucker.

Donnerstags Milch mit kleinen, aus Mehl und Eiern zubereiteten Teigklößchen.

Freitags wieder Milch mit hineingebröckeltem Brot und Zucker.

Eine Woche voller Übelkeit und Qualen.

Woche für Woche.

Ohne Ende.

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